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Dieses Jahr war Tschechien Gastland der Frankfurter Buchmesse. Eine willkommene Gelegenheit, die Literatur unseres Nachbarlandes kennenzulernen. Unter den zahlreichen Neuerscheinungen und Übersetzungen sticht Alice Horáčkovás imposante Familiensaga aus dem Riesengebirge heraus. Der Titel „Geteiltes Haus“ könnte in seiner Doppeldeutigkeit kaum treffender gewählt sein. Er bezeichnet zum einen die gemeinsame Heimat von Deutschen und Tschechen, die über Generationen hinweg im böhmischen Grenzland zusammenlebten. Zum anderen verweist er auf die Trennung, die der aufkommende Nationalismus zwischen den Bevölkerungsgruppen bewirkte.

Das Cover von Alice Horáčkovás „Geteiltes Haus„.
Im Mittelpunkt stehen die deutsche Familie Hollmann mit ihren zahlreichen Kindern und die tschechische Familie Honců aus dem Dorf Benetzko. Zwischen beiden Familien bestehen vielfältige Verbindungen, nicht zuletzt durch ihre Paarbeziehungen. Horáčková erzählt, wie diese Verflechtungen entstanden sind und sich im Laufe der Jahre verändern. Die Geschichte beginnt vor dem Ersten Weltkrieg, zur Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie.
Anschaulich schildert die Autorin das entbehrungsreiche Leben der Gebirgsbewohner: Kindersterblichkeit und Hungersnöte, das Treiben in den Wirtshäusern, Wilderer, Kleinbauern und Handwerker, die ihre Webstühle in den eigenen vier Wänden aufstellen, prägen den Alltag. Auch die Anfänge des Skitourismus im Riesengebirge finden ihren Platz. Es ist eine Welt der derben Leiblichkeit, der Volksfrömmigkeit und des katholischen Brauchtums, in der die Verehrung des heiligen Wenzel ebenso selbstverständlich ist wie die Sorge um das tägliche Überleben. Die Menschen sind mitunter skurrile Originale, die in einer Gegend leben, von der es heißt, dort herrsche das halbe Jahr Winter und das andere halbe Jahr sei es kalt.
Dabei sind ethnische Zugehörigkeiten keineswegs von Anfang an festgeschrieben. Amalie Hollmann würde die Nationalitäten am liebsten abschaffen. Sie schickt ihre Kinder auf eine tschechische Schule, weil sie die Zweisprachigkeit als Vorteil begreift. Bürgermeister Braun wiederum beschreibt seine Identität mit einem treffenden Satz: Er stehe morgens als Tscheche auf und gehe abends als Deutscher zu Bett. Doch die politischen Verhältnisse lassen solche Selbstverständlichkeiten zunehmend brüchig werden.
Über mehrere Dekaden hinweg begleitet Horáčková ihre Figuren durch eine bewegte Geschichte. Mit dem Zusammenbruch der Monarchie entsteht die erste Tschechoslowakische Republik. Teile der deutschen Bevölkerung fühlen sich benachteiligt und wenden sich zunehmend den politischen Entwicklungen im Deutschen Reich zu. Der jähzornige Vinzenz Hollmann ist trotz seiner Ehe mit der Tschechin Zdenka Honců ein Nazi der ersten Stunde. 1938 annektiert Hitlerdeutschland das Sudetenland. Die neue Grenze verläuft zunächst mitten durch das Dorf Benetzko, ehe mit der Errichtung des sogenannten Protektorats Böhmen und Mähren auch das übrige tschechische Gebiet unter deutsche Herrschaft gerät.
Auch Vinzenz` Bruder, der Lebemann und gerissene Unternehmer Hans Hollmann, weiß die neuen Verhältnisse für sich zu nutzen. Im Zuge der Arisierung eignet er sich eine große Textilfabrik aus jüdischem Besitz an und profitiert von der systematischen Enteignung der jüdischen Bevölkerung. Seine Kontakte reichen bis zu Reinhard Heydrich, dem stellvertretenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, und dessen Frau. Während Hans sich mit den Machthabern arrangiert, unterrichtet seine Frau Anežka bis zum Kriegsende an einer tschechischen Schule. Sie setzt sich für den tschechischen Lehrer Alois Tomek ein, der an einer Dorfchronik arbeitete und zugleich im Widerstand aktiv war. Er wurde verhaftet und in ein Lager verschleppt.
Mit großer erzählerischer Ausdauer führt Horáčková die Geschichte ihrer Figuren durch die Schrecken des Zweiten Weltkriegs. Die Deportation der Juden, Zwangsarbeit, die Lager und der Fronteinsatz gehören ebenso dazu wie Partisanenkämpfe und der Volkssturm. Doch auch mit dem Kriegsende ist das Leiden nicht vorbei. In der wiedererrichteten Tschechoslowakei kommt es zu Racheakten an der deutschen Bevölkerung. Revolutionsgarden treiben Deutsche zusammen, Misshandlungen und Vergewaltigungen durch die sowjetische Armee werden nicht verschwiegen. Auch antisemitische Ressentiments verschwinden keineswegs mit dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft. Schließlich folgt die Vertreibung der Deutschen. „Ihr habt drei Stunden Zeit, um zu packen“ – der knappe Satz bringt die Brutalität des erzwungenen Abschieds auf den Punkt.
Alice Horáčkovás Roman ist dank seines Umfangs niemals hastig erzählt. Die kurzen Kapitel geben der Geschichte Struktur, das Erzähltempo bleibt angemessen. Anstatt mit großen Zeitsprüngen über die Jahrzehnte hinwegzugehen, nimmt sich die Autorin die Zeit, Veränderungen und Verwerfungen Schritt für Schritt nachzuzeichnen. Die detailreiche Recherche und die intensive Beschäftigung mit historischen Quellen und Archiven verleihen dem Roman eine bemerkenswerte Anschaulichkeit. Die Autorin erzählt die komplizierte Geschichte des deutsch-tschechischen Zusammenlebens jenseits einfacher Erklärungen. Ihr Roman zeigt, wie eng Nachbarschaft und Feindschaft, persönliche Verantwortung und politische Verstrickung miteinander verbunden sein können.
„Geteiltes Haus“ ist eine bewegende Familienchronik und eine einfühlsame, wunderbar lesbare Erinnerung an einen faszinierenden Landstrich. Man versinkt in diesem Buch und folgt seinen Figuren durch eine Zeit, in der sich persönliche Schicksale und die großen politischen Umbrüche unauflöslich miteinander verbinden.
Christoph Schmaus
Alice Horáčková, Geteiltes Haus. Aus dem Tschechischen von Sophia Marzolff. Diogenes, 880 Seiten, 28 Euro.
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