Lockerungsübungen eines Weltliteraten


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Thomas Mann gilt oft als Inbegriff des förmlichen, auf Routinen bedachten Konservativen. Einer, der geradezu pedantisch auf seine Schreib- und Ruhezeiten achtet und in seinen Tagebüchern das Unbehagen an den Tücken des Alltags festhält. Etwa, dass ihm Unterkleidergröße vier zu eng und Größe fünf doch tatsächlich zu weit ist. Umso überraschender ist Kerstin Holzers Blick auf den Weltliteraten. In ihrer schmalen Erzählung „Thomas Mann macht Ferien“ schildert sie einen knapp zweimonatigen Aufenthalt der Manns am Tegernsee – von Mitte Juli bis Anfang September 1918, in den letzten Monaten des Ersten Weltkriegs. Mit dabei sind Ehefrau Katia, die fünf Kinder und das Hausmädchen – der gesamte Familientross.

Das Cover von Kerstin Holzer: Thomas Mann macht Ferien. Ein Sommer am See. Kiepenheuer & Witsch, 208 Seiten, 13 Euro.
Die Autorin erzählt von Wochen, in denen sich Thomas Mann spürbar verändert. Man könnte den Titel ihrer literarischen Annäherung auch erweitern: Thomas Mann macht Ferien – von sich selbst. Er rudert mit Katia über den See, spielt mit den Kindern am Ufer, unternimmt Spaziergänge mit dem getreuen Hund Bauschan, dem heimlichen Helden des Buches und wie sein Herrchen ein überzeugter Schnurrbartträger. Thomas Mann erklimmt bei einer Wanderung zum ersten Mal in seinem Leben einen Gipfel, den Hirschberg auf 1680 Metern. Zudem erwacht eine ungewohnte Zärtlichkeit als Familienvater, besonders gegenüber seiner kürzlich geborenen Lieblingstochter Elisabeth. Es wächst seine Wertschätzung für Katias Pragmatismus und ihre Tatkraft, mit der sie die Versorgung der Familie bei den umliegenden Bauern organisiert.
Doch dieser Sommer markiert nicht nur einen persönlichen, sondern auch einen geistigen Wendepunkt. Thomas Mann beginnt, sich vom nationalistisch-konservativen Denken zu lösen. Er gewinnt Distanz zu den gerade abgeschlossenen, mehr als 600 Seiten umfassenden „Betrachtungen eines Unpolitischen“, seiner Verteidigung von Krieg und Deutschem Kaiserreich. Stattdessen entstehen die kurzen Novellen „Herr und Hund“ und „Gesang vom Kindchen“ – erste Vorzeichen auch einer literarischen Neuorientierung. „Lockerungsübungen“ könnte als Motto über diesen Tagen stehen: weg von Strenge, Schwere und Todessehnsucht, hin zu einer neuen Offenheit und Lebensbejahung.
Wie nebenbei gelingt Kerstin Holzer auch eine fulminante Liebeserklärung an den Tegernsee und seine Gebirgslandschaft. Sie erzählt von den Anfängen des Tourismus in der Region, von der bayerischen Sommerfrische, von den Einheimischen, die die Künstler als „die Vergeistigten“ belächelten und deren Lebensweise als „gschlamperte Verhältnisse“ missbilligten. Der Tegernsee erscheint als „türkise Sensation“, gespeist von Gebirgsbächen, seine Gestade erfüllt vom Duft der Wildkräuter, vom rauschenden Wellengang und von krachenden Sommergewittern – eine Landschaft, die gleichermaßen Erdung und Freiheit vermittelt.
Diese ebenso atmosphärische wie kluge Erzählung über einen entscheidenden Sommer im Leben Thomas Manns hinterlässt das Gefühl, selbst einige erquickende Tage am Tegernsee verbracht zu haben.
Christoph Schmaus
Kerstin Holzer: Thomas Mann macht Ferien. Ein Sommer am See. Kiepenheuer & Witsch, 208 Seiten, 13 Euro.
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