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    Buchtipp von Christoph Schmaus: Ernst Paul Dörfler, Das Liebesleben der Vögel

    Zum Piepen und Staunen

    Foto: Osiander
    Christoph Schmaus, Buchhändler bei Osiander in Wangen, gibt in der Bildschirmzeitung regelmäßig Buchtipps. Heute stellt er Ernst Paul Dörflers „Das Liebesleben der Vögel“ vor.
    veröffentlicht am: 30.05.2026
    Autor: Christoph Schmaus
    Lesedauer: ca. 4 Minuten

    Wer kennt es nicht, das fröhliche Lied von der Vogelhochzeit? Strophe reiht sich an Strophe, und beschworen werden Romantik, Glück und traute Zweisamkeit. Ein Blick in die Natur offenbart die Realität: Die allermeisten Vogelehen sind nach wenigen Wochen, pünktlich zu den Sommerferien, bereits wieder geschieden. Tatsächlich ist die monogame Saisonehe bei gut neunzig Prozent unserer heimischen Arten die Regel, und auch den Begriff „monogam“ sollte man dabei nicht auf die Goldwaage legen. Nachzulesen ist dies in Ernst Paul Dörflers herausragendem Buch über das Liebesleben der Vögel, das nun als Taschenbuch erschienen ist.

    Das Cover von Ernst Paul Dörflers „Das Liebesleben der Vögel“

    Der Autor war bereits vor der Wiedervereinigung ein bedeutender Akteur der ostdeutschen Umweltbewegung. In seinem aktuellen Werk scheut er sich nicht, Anleihen bei der Menschenwelt zu nehmen. Uns Zweibeinern vertraute Praktiken und Konzepte wie „Flirten“, „Eifersucht“ oder „Kinderbetreuung“ überträgt er in seinen Schilderungen auf die gefiederte Tierwelt. Das wirkt niemals albern, sondern untermauert den hohen Unterhaltungswert der ornithologisch fachkundigen Darstellung. Jedes der etwa dreißig Kurzkapitel widmet sich einer Art und streicht ein besonderes Charakteristikum heraus. Behandelt werden ganz überwiegend bei uns heimische Singvögel, Rabenvögel, Eulenvögel, Greifvögel und Wasservögel. Die Bandbreite verschiedener Lebensmodelle ist überwältigend. Beziehungsstatus oftmals: Es ist kompliziert …

    Die Liebschaften der Vogelwelt weisen im Vergleich mit den Säugetieren einige Besonderheiten auf, und das hat eine ganz praktische Ursache. Die Schwangerschaft ist ausgelagert in ein Nest. So bleibt die Flugfähigkeit des Weibchens erhalten – und die Männer sind in der Pflicht! Dass beim Brüten geschlechtergerecht abgewechselt wird, ist keine Seltenheit. Bei der Beutelmeise kann es sogar vorkommen, dass sich das Weibchen auf und davon macht und den Gatten im wahrsten Sinne des Wortes sitzen lässt.

    Generell müssen sich die Männchen ganz schön ins Zeug legen. Es fängt bereits beim Werben an. Denn über das Zustandekommen einer Vogelehe entscheidet ganz allein das Weibchen. Die besten Sänger haben gute Chance. Das macht kreativ: Das Amselmännchen integriert schon mal Handyklingeltöne in seinen Balzgesang, und in England sorgte ein Star für den Abbruch eines Fußballspiels, weil er die Pfeife des Schiedsrichters perfekt zu imitieren wusste.

    Wenn es an den Nestbau geht, wird der kleine Zaunkönig zum Immobilien-Tycoon. Bis zu acht Appartements reiht er aneinander. Sind die Rohbauten fertig, kommt das Weibchen zur Besichtigung, entscheidet sich für ihr favorisiertes Domizil und sorgt in Eigenregie für die Inneneinrichtung. Allerdings muss sie mit weiteren Konkurrentinnen rechnen. Schließlich stehen noch sieben Wohneinheiten leer. Gänzlich anders handhabt es die Heckenbraunelle. Sie hält sich gern ein Zweitmännchen für Ausbesserungsarbeiten am Nest.

    Der Zaunkönig ist auch ein gutes Beispiel für die zahlreichen kulturellen Bezüge, die Ernst Paul Dörfler in seine Darstellung einflicht. Mit gerade einmal zehn Gramm Körpergewicht singt der kleine Vogel mächtig gegen die Großen an und bringt es auf sage und schreibe neunzig Dezibel. Im Winter tollt er gerne im Schnee, weshalb er früher einen etwas anderen Namen hatte. Die Redewendung „sich freuen wie ein Schneekönig“ zeugt noch heute davon. Auch einer alten Fabel zufolge weiß er sich zu helfen. Beim Wettstreit der Vögel, wer am höchsten fliegen könne, setzt er sich heimlich auf den Rücken des Adlers – und heimst prompt den ersten Platz ein.

    Im Gegensatz zu den kleinen Singvögeln mit ihren doch recht flatterhaften Liebesbeziehungen sind die Großvögel zur langjährigen Bindung fähig. Sprichwörtlich ist die Schwanenehe. Immerhin die Hälfte aller Schwäne verbringt das komplette Leben mit demselben Partner. Gänse treffen sich jährlich zu einem groß angelegten Familientreffen, und Enten haben die längste Verlobungszeit.

    Störche bleiben im Durchschnitt fünf Jahre zusammen. Einst lag ihr größtes Vorkommen hierzulande an der Elbe, mittlerweile ist die Population bei uns in Süddeutschland sehr groß. Es kommt immer häufiger zu Ost-West-Ehen. Aber jeder Partner hält an seiner eigenen Zugtradition fest. So geht es im Spätsommer in entgegengesetzte Himmelrichtungen. Vielleicht sind ja die getrennten Urlaube das Geheimnis einer gelingenden Beziehung.

    Je häufiger es zu extremen Wetterphänomenen kommt, desto mehr tendieren laut Autor aber auch die größeren Vögel zu Partnerwechseln. Er hebt zudem die Bedeutung der Feuchtgebiete für den Artenschutz hervor und problematisiert intensive Landwirtschaft und Pestizid-Einsatz. So mischt sich in die Freude über das faszinierende Liebesgebaren der heimischen Vögel auch Sorge. Beides vermittelt das vorliegende Buch auch den bislang unkundigen Lesern auf bemerkenswerte Weise.
    Christoph Schmaus

    Ernst Paul Dörfler: Das Liebesleben der Vögel.
    Goldmann, 288 Seiten, 13 Euro

    Weitere Buchbesprechungen von Christoph Schmaus finden Sie nachstehend unter „Lesen Sie hierzu auch …“

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    Christoph Schmaus
    veröffentlicht am
    30.05.2026
    Lesedauer: ca. 4 Minuten
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