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Buchtipp von Christoph Schmaus: Birgit Birnbacher, Sie wollen uns erzählen

Knisternde Nerven

Foto: Osiander
Christoph Schmaus, Buchhändler bei Osiander in Wangen, gibt in der Bildschirmzeitung regelmäßig Buchtipps. Heute stellt er Birgit Birnbachers Roman „Sie wollen uns erzählen“ vor.
veröffentlicht am: 26.04.2026
Autor: Christoph Schmaus
Lesedauer: ca. 3 Minuten

Ganz bestimmt ist es ein Familienroman, in gewisser Weise auch ein Abenteuerroman, ein Roadmovie in Buchform ebenfalls, und vielleicht handelt es sich sogar um einen Heimatroman, mit zweifellos furiosem Ende – Unwetterwarnung in den Bergen und fulminante Rettungsaktion inklusive. All das bannt die Autorin Birgit Birnbacher auf schmale zweihundert Seiten und in neunundzwanzig Kurzkapitel. In deren Zentrum steht eine außergewöhnliche Mutter-Sohn-Beziehung, die regelrecht Funken schlägt. Denn beide haben „knisternde Nerven“, wie es an einer Stelle passend heißt. Will bedeuten: Sie stecken voller überbordender Energie, die Fokussierung auf den regelgeleiteten Alltag will oftmals nicht gelingen. Diagnostisch spricht man hier wohl von einem Defizit der Aufmerksamkeit (ADHS) oder, respektvoller, von einer Form der Neurodivergenz.

Das Cover von Birgit Birnbacher: Sie wollen uns erzählen

Das Fachvokabular war in der Kindheit der Mutter (Annegret, genannt Ann) weniger ausgeprägt, die therapeutischen Maßnahmen ebenfalls. „Sei nicht immer so wild“, hieß es da schlichtweg. Ob es ihr neunjähriger Sohn (Oswald, genannt Oz) in heutiger Zeit besser getroffen hat, darf hinterfragt werden. Schließlich wird er von einer sogenannten Bildungsberaterin mit dem Prädikat „unbeschulbar“ versehen, und das, obwohl er sogar den nötigen Notenschnitt für das Gymnasium erreicht. Außerdem ist da dieser verstörende Vorfall um einen angeblichen Hasenmord, bei dem ein mürrischer Hausmeister, ein nicht verriegeltes Stalltürchen und ein Rasenmäher nur die halbe Wahrheit ausmachen. Die Geschichte lastet schwer auf Oz. Doch vorerst muss er sie nicht der Mutter beichten, es kommen andere Sorgen dazwischen. Die Großmutter (Zäzilia, genannt Zilly), beheimatet im österreichischen Innergebirg, ist im Krankenhaus verloren gegangen, das heißt: einfach abgehauen.

Ann und Oz begeben sich auf die Suche nach Zilly. Kaum eine Hilfe ist dabei Anns Schwester (Petronella, genannt Nell). In der Tat hat die rasante Erzählung keine Zeit für lange Namen, aber hinreißend schildert sie, wie Mutter und Sohn den absoluten Ausnahmesituationen trotzen. Überhaupt ist es eine Stärke des Romans, dass er sein Augenmerk so präzise auf die Wahrnehmung der beiden Hauptfiguren legt. Die überaus feinjustierten sinnlichen Antennen von Ann und Oz liefern eine Fülle an Eindrücken. Ihrer habhaft werden die zwei mittels eingeübter Techniken, Visualisierungen und Impulskontrollen, die in Stress- und Paniksituationen mal besser und mal schlechter funktionieren. Ann stimmt bei Bedarf innerlich ihren „Lockermach-Song“ der Rockband Guns N‘Roses an (funktioniert ganz gut), Oz‘ gedankliches „Konzentrationstier“ ist ein lila Lama (funktioniert eher weniger). Ohnehin beruhigt nichts besser als das gegenseitige Erzählen von Geschichten.

Bei aller subtilen Komik verliert sich der Roman aber niemals im Klamauk. Die Bachmann-Preisträgerin Birgit Birnbacher (Jahrgang 1985) gestaltet die Figuren ihres mittlerweile vierten Romans mit viel Wärme und Einfühlungsvermögen. Dabei pflegt sie einen prägnanten Stil mit so mancher Wortkreation zum Niederknien – von „Bubentöchter“ über „Jausengemüse“ bis „Vorschussgebet“. Ann und Oz werden im Gedächtnis bleiben, ganz ohne kognitive Spezialübungen, allein dank der unschlagbaren Kraft gelungener Literatur.
Christoph Schmaus

Birgit Birnbacher: Sie wollen uns erzählen. Paul Zsolnay Verlag, 221 Seiten, 24 Euro.

Weitere Buchbesprechungen von Christoph Schmaus finden Sie nachstehend unter „Lesen Sie hierzu auch …“

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Christoph Schmaus
veröffentlicht am
26.04.2026
Lesedauer: ca. 3 Minuten
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