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Buchtipp von Christoph Schmaus: Sonja Sophie Kreis, Das große Eis

Das wohl schönste Bodensee-Stück seit Martin Walser

Foto: Osiander
Christoph Schmaus, Buchhändler bei Osiander in Wangen, gibt in der Bildschirmzeitung regelmäßig Buchtipps. Heute stellt er Rudi Holzberges neues Adelegg-Buch vor.
veröffentlicht am: 14.08.2026
Autor: Christoph Schmaus
Lesedauer: ca. 4 Minuten

Gleich zwei Gemälde bekommt Hannah zu ihrer Hochzeit geschenkt. Das erste Werk stammt von Otto Marquard und trägt den Titel „Abendstimmung am Gnadensee“. Es zeigt den Blick von Hannahs deutschem Heimatort am westlichen Bodensee hinüber zum Schweizer Ufer. Dort wird sie bald mit ihrer neugegründeten Familie das Haus am Rebberg bewohnen. Das zweite Bild ist das perfekte Gegenstück. In seinen vielfachen Grautönen weist es in die entgegengesetzte Richtung, über den zugefrorenen Untersee hinweg zur deutschen Seite hin. Es ist eine Arbeit des eidgenössischen Künstlers Adolf Dietrich.

Das Cover von Sonja Sophie Kreis, Das große Eis

Mit diesen beiden Bildern ist nicht nur die ebenso berückend wie bedrohliche Landschaft des Sees vors innere Auge gerufen, sondern auch ein Grundthema von Sonja Sophie Kreis’ bestechend gutem Romandebüt gegeben: Die wechselnde Perspektive auf die Grenzregion ist aufs Engste verbunden mit einer brillant erzählten schweizerisch-deutschen Familiengeschichte. Berichtet wird aus der Perspektive von Anna, der jüngsten Tochter Hannahs. Die Fotografin hat sich auf den Weg nach Grönland gemacht, zu ihrem Bruder Alex. Er ist als junger Mann vom Bodensee aus aufgebrochen, getrieben von seiner Faszination für das Eis, die Fremde und das Abenteuer. Nun möchte Anna ihm das Bild mit der Winterlandschaft von Adolf Dietrich in die Ferne bringen – ein Stück jener Heimat, die er vor Ewigkeiten verlassen hat.

Während Anna in der arktischen Bucht von Ilulissat auf den abwesenden Bruder wartet, beginnt sie ihre Arbeit an der bisher ungeschriebene Familienerzählung. Wichtige Tage aus mehreren Jahrzehnten werden aufgerufen, allen voran der 20. Januar 1951 mit der Autofahrt der Großeltern samt bereits schwangerer Mutter durchs Schneegestöber am Untersee. Am selben Tag wird am Schweizer Zielort noch Hochzeit gehalten. Die Braut ist ganz in Schwarz gekleidet als Zeichen der Demut nach dem vorehelichen Fehltritt. Die Feierlichkeiten finden im „Sternen“ statt – das Gasthaus, in dem Bräutigam Paul in späteren Jahren mehr Zeit verbringen wird als zu Hause bei seiner Familie.

Anna erzählt, was sie aus den Anekdoten der Eltern und Großeltern kennt, schmückt Vieles mit eigenen Vorstellungen aus, zudem schildert sie eigene Kindheitserinnerungen und führt innere Zwiegespräche mit abwesenden Verwandten – etwa ihrer geschäftigen Schwester Moni, die am Matterhorn ein Hotel betreibt. Auch frühere Generationen rücken in den Fokus. Urgroßvater Josef war ein über die Landesgrenzen hinaus bekannter Tierheiler, Großvater Max wiederum  ein musisch veranlagter Viehhändler. Seine Freundschaft zum erwähnten Otto Marquard brachte ihn während der Nazizeit in die Bredouille. Historisch verbürgt ist die Rolle des Malers als Fluchthelfer. Bei Nacht und Nebel ruderte er NS-Verfolgte ans andere, rettende Ufer.

Auch vom Tag ihrer eigenen Geburt erzählt Anna. Er fällt in die Wochen der „Seegfrörne“ im Februar 1963. Vielleicht hat das vollständige Zufrieren des Bodensees auch bei Bruder Alex jene Leidenschaft für das Eis entfacht, die ihn später bis nach Grönland führte. Überhaupt verbindet Sonja Sophie Kreis die beiden Schauplätze auf eindrucksvolle Weise, Schnee und Eis sind dabei die leitenden Motive. Die Schönheit der Tristesse in der Arktis, die gewaltigen Formationen der Eisberge, die im Fjord langsam zum Atlantik treiben, werden dabei auch zum Spiegelbild der wartenden Erzählerin.

Sonja Sophie Kreis ist selbst bildende Künstlerin und Fotografin. Sie schreibt mit einer eigentümlichen Nähe und Klarheit. Ihr Stil erinnert nicht von ungefähr an die Arbeit mit der Kamera: präzise, stimmungssicher und aufmerksam für kleinste Details. Wie Abzüge in einer Dunkelkammer entwickelt sie die Figuren und ihre Geschichten, sie gewinnen nach und nach an Kontur, bis sich aus einzelnen Bildern ein ganzes Familienleben zusammensetzt. Auch der Ton dieses Romans stimmt vom ersten bis zum letzten Satz. Kein falsches Wort, kein schiefes Bild.

„Das große Eis“ kommt leise, poetisch und zart daher und entfaltet doch eine ungemeine poetische Kraft. Das ist umso bemerkenswerter, als es sich um das erste umfangreichere Erzählwerk der Autorin handelt. Ihr gelingt dabei das wohl schönste Stück Literatur aus der Bodenseeregion seit Martin Walser – bei aller Verschiedenheit der Zugänge. Es ist zu hoffen, dass wir von Sonja Sophie Kreis noch lesen werden.
Christoph Schmaus

Sonja Sophie Kreis: Das große Eis. Rowohlt Berlin. 256 Seiten, 24 Euro.

Weitere Buchbesprechungen von Christoph Schmaus finden Sie nachstehend unter „Lesen Sie hierzu auch …“

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Christoph Schmaus
veröffentlicht am
14.08.2026
Lesedauer: ca. 4 Minuten
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