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Irgendwie ist die Sache aus dem Ruder gelaufen. Geplant war von Verlag und Autor lediglich ein sogenanntes „Stand-alone“ – so wird im Genre von Krimi und Thriller ein komplett eigenständiger Titel bezeichnet, der in sich abgeschlossen und nicht als Teil einer Serie mehrerer Bücher angelegt ist. Doch „Die Guten und die Toten“ hat über die Maßen für Furore gesorgt, heimste flugs eine Auszeichnung mit dem Deutschen Krimipreis ein, und eine Verfilmung für Netflix ist inzwischen auch schon im Gange. So verwundert es wenig, dass mit „Die Toten von morgen“ nun doch ein Nachfolgeband in den Buchhandlungen liegt. Er steht seinem Vorgänger in nichts nach.

Das Cover „Die Toten von morgen“.

Das Cover „Die Guten und die Toten“.
Die Reihe firmiert mittlerweile unter dem übergeordneten Namen „Berliner Schattenwelt“. Passend, denn der Blick fällt auf die düsteren Seiten der Hauptstadt. Abgelegene Fabrikhallen, ein heruntergekommenes Parkhaus, unbeleuchtete Stadtparks – das sind zentrale Handlungsorte. Die kriminelle Energie entlädt sich im ersten Teil in Form illegaler Waffengeschäfte. Strippenzieher ist ein hoher Beamter im Wirtschaftsministerium. Im zweiten Teil geht es um den Schmuggel von Fernsehgeräten. Hinter den flachen Bildschirmen ist kiloweise Kokain versteckt. Das Ganze artet in einen blutigen Krieg der Drogenkartelle aus.
Getragen wird die Handlung von zwei faszinierenden Figuren: Der alleinerziehende Saad, schwerkriminell wider Willen, ist nicht der syrische Flüchtling, für den er sich ausgibt. Einerseits kümmert er sich rührend um seine kleine Tochter Leila, verstrickt sich andererseits aber doch immer wieder in dunkelste Machenschaften. Allen Mühen, ein unbescholtenes Leben zu führen, zum Trotz holt ihn seine Vergangenheit ein. Mit der Aufklärung der Kriminalfälle ist die Polizistin Nihal betraut. Die Wurzeln ihrer Familie liegen in Aserbaidschan. Ihr mehr als angespanntes Verhältnis zu Eltern und Bruder zehrt an ihren Kräften, und doch tritt sie mit einer atemberaubenden Präsenz in Erscheinung. Zwischen Nihal und Saad knistert es bald schon gewaltig.
Die beiden Thriller sind durchaus mit dem Label „hard-boiled“ zu versehen – „hartgesotten“ im besten Sinne. Wenn es darauf ankommt, überschreiten Nihal und Saad die Grenzen der Legalität ohne mit der Wimper zu zucken. Und doch wachsen einem die beiden mit ihren unbeholfenen Annäherungsversuchen unweigerlich ans Herz. Diese Mischung aus Härte und Gefühl macht die „Berliner Schattenwelt“ zum Besten, was derzeit an deutschsprachiger Spannungsliteratur zu lesen ist. Der Erzählsound ist rau, rasant und absolut mitreißend.
Der Autorenname Kim Koplin ist ein Pseudonym. Dass sich dahinter der Schriftsteller Edgar Rai verbirgt, war bis vor Kurzem ein gut gehütetes Geheimnis. Doch die Begeisterung der schnell entstandenen Fan-Gemeinde war einfach zu groß für weitere Heimlichtuerei. Rai hat zuvor schon historische Romane und Gesellschaftsstücke geschrieben. Sein Blick reicht über die Grenzen des Genres hinaus und macht die „Berliner Schattenwelt“ auch für Leserinnen und Leser interessant, die ansonsten eher selten zu Thrillern greifen.
In einem Interview hat Edgar Rai nun angedeutet, dass ein weiterer Band folgen könnte. Es ist schwer zu hoffen. Kein „Stand-alone“ mehr, aber doch einzigartig.
Christoph Schmaus
Kim Koplin: Die Guten und die Toten. Berliner Schattenwelt 1. Suhrkamp, 255 Seiten, 16 Euro.
Kim Koplin: Die Toten von morgen. Berliner Schattenwelt 2. Suhrkamp, 270 Seiten, 18 Euro.
Weitere Buchbesprechungen von Christoph Schmaus finden Sie nachstehend unter „Lesen Sie hierzu auch …“


































