Ferienfreuden und Fichtenfrevel


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Wohl niemand kennt die Adelegg so gut wie Rudi Holzberger. Der Autor mehrerer Publikationen über den im Dreieck von Leutkirch, Isny und Kempten gelegenen Höhenzug stammt aus dem Kreuzthal, initiierte unter anderem den dortigen Glasmacherweg und setzt sich als streitbarer Zeitgenosse seit Jahrzehnten für diese einzigartige Kulturlandschaft ein. Mit seinem neuen Buch schlägt Holzberger ein besonderes Kapitel der Regionalgeschichte auf. Er erzählt von den gut hundert Jahren zwischen 1870 und 1970, in denen die Adelegg als Ausflugs- und Ferienziel für Furore sorgte.

Das Cover von Rudi Holzberger: Sehnsucht Schwarzer Grat. Die Entdeckung der Adelegg.
Wandervögel, Sommerfrischler und Pioniere des Skifahrens zog es vor allem aus dem schwäbischen Unterland ins Westallgäu. Stuttgarter und Tübinger etwa wollten mit dem Schwarzen Grat (1119 Meter) den höchsten Berg Württembergs kennenlernen. Möglich machten es die damaligen Bahnlinien zwischen Leutkirch und Isny sowie zwischen Isny und Kempten. Anschaulich schildert Holzberger den Wandel des Landstrichs nach dem Niedergang des Glasmacherhandwerks Ende des 19. Jahrhunderts hin zu einem absoluten Touristenmagneten. Man kommt aus dem Staunen kaum heraus: Den regen Fremdenverkehr bedienten zu Hochzeiten allein in Isny sage und schreibe dreiunddreißig Gasthäuser. Der Deutsche Alpenverein und der Schwäbische Alb-Verein priesen in ihren Broschüren die Wanderwege und das herrliche Gipfelpanorama.
Die berühmteste Übernachtungsmöglichkeit bot mit Sicherheit der jahrhundertealte Gasthof „Adler“ in Großholzleute. Er ist neben der einst legendären, mittlerweile allerdings längst verfallenen Schletteralpe und dem Schwarzen Grat einer der Fixpunkte der Darstellung. Eine gewichtige Rolle kam auch dem Haus Tanne in Eisenbach-Kreuzthal zu. Das einstige Lustschlößle der Herren von Quadt wurde erst zur Schankwirtschaft und dann zum gehobenen Hotel. Zu den prominenten Gästen zählte Marie Daimler. Die Schwiegertochter des Autopioniers reiste auf eigene Faust mit dem motorisierten Wagen an. Und unter den passionierten Skifahrern der ersten Stunde befand sich auch ein gewisser Robert Bosch aus Stuttgart.
In Großholzleute wurde 1907 die erste Skischule Deutschlands gegründet. Isny veranstaltete 1924 dann die erste deutsche Skimeisterschaft. Zum Sprunglauf am Hasenberg pilgerten zehntausend Zuschauer. Ganze Sonderzüge aus Stuttgart brachten in den folgenden Jahren die Skibegeisterten in die Region. Holzberger widmet sich aber auch den finsteren Jahren der Geschichte. Die Vereinnahmung der Naturbegeisterung durch den Nationalsozialismus streift das Buch: Der „Adler“ in Großholzleute profitierte mächtig vom ideologisch dominierten Tourismus der Aktion „Kraft durch Freude“.
Besonders beeindruckend ist die Materialfülle des Werks. Zahlreiche Postkarten des Isnyer Malers Eugen Felle, seltene Fotografien, historische Zeitungsartikel und Werbebroschüren, Lieder, Gedichte, Gästebucheinträge und literarische Zeugnisse – in erster Linie vom Isnyer Schriftsteller Günter Herburger – lassen die vergangene Ferienwelt lebendig werden. Exkurse zu Geologie, Botanik, Almwirtschaft oder zur Geschichte des Wintersports erweitern den Blick weit über eine klassische Ortschronik hinaus.
Mit Wehmut beschreibt Holzberger den Verlust der offenen Weiden und blühenden Hänge der Adelegg durch großflächige Aufforstungen. Wo einst der Wald lediglich Grate und Tobel säumte, gingen nach seiner Überzeugung landschaftliche Schönheit und touristische Attraktivität nach und nach verloren – unübersehbar spätestens seit den Fünfzigerjahren. Riesige Fichtenplantagen verstellten nun den Blick auf die Alpen und schränkten das Skifahren ein. Auch das Verschwinden der Bergbauernhöfe schmerzt ihn gewaltig. Immer wieder mischt sich deshalb in seine schwärmerische Begeisterung ein Ton der Bitternis über diese Entwicklung.
„Sehnsucht Schwarzer Grat“ ist weit mehr als ein Heimatbuch. Es verbindet Regionalgeschichte mit den großen gesellschaftlichen Entwicklungen der Zeit. Zugleich ist es ein leidenschaftliches Plädoyer für eine neue Wertschätzung der Adelegg. Die Sehnsucht nach der Vergangenheit dieser Landschaft ist für Holzberger keine rückwärtsgewandte Nostalgie, sondern eine Inspiration für ihre zukünftige Entwicklung. Ihm gelingt ein wunderbar bebildertes, kenntnisreich recherchiertes Buch, das Lust macht, den Schwarzen Grat und die Adelegg aufs Neue zu entdecken.
Christoph Schmaus
Rudi Holzberger: Sehnsucht Schwarzer Grat. Die Entdeckung der Adelegg. Adelegg-Verlag, 296 Seiten, 24,80 Euro.
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