Der vergessene Klassiker


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Die Eltern oder Großeltern lasen seine Geschichten noch ganz selbstverständlich in der Volksschule. Heute ist Johann Peter Hebel weitgehend in Vergessenheit geraten. Dabei gehören seine Erzählungen zum Erstaunlichsten, was die deutsche Literatur hervorgebracht hat. Am 22. September jährt sich sein Todestag zum zweihundertsten Mal. Ein guter Anlass, den großen Meister der kleinen Form wiederzuentdecken.

Das Cover von Johann Peter Hebel: Unverhofftes Wiedersehen und andere Geschichten aus dem Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes. Diogenes Verlag.
Hebel schrieb seine nur wenige Seiten umfassenden Anekdoten und Schwänke ursprünglich für Kalender. 1811 erschienen sie gesammelt als „Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes“. Der Titel könnte passender kaum sein. Denn was sich hier findet, sind wahre Kleinode von unschätzbarem Wert. Sie führen in Gastwirtschaften und Bauernhäuser, auf Wochenmärkte und Dorfplätze, in Barbierstuben und Gerichtssäle. Man begegnet Handwerksleuten und Wandergesellen, Bauern und Zechern, Rekruten und Landstreichern, aber auch Halunken und Spitzbuben. Es wird gehandelt, gefeilscht, gestritten und getrunken, es kommt zu Schimpf und Händel. Und immer wieder zeigt sich eine gesunde Portion Bauernschläue.
Hebel wurde 1760 in Basel geboren. Er war als Pädagoge tätig und wirkte später im Badischen als evangelischer Geistlicher. Die Erzählungen spielen vorwiegend im alemannischen Sprachraum, wagen sich bisweilen aber auch hinaus in die große weite Welt. Sie sind unmittelbar zugänglich und unterhaltsam, enthalten jedoch immer einen zweiten Boden. Am Ende steht nicht selten ein Merkspruch, eine bestechende Lebensweisheit. Hebel sagt ganz offen, was man aus seinen Geschichten lernen soll. Er ist ein menschenfreundlicher Moralist. Er plädiert für Redlichkeit und Fleiß, für Bescheidenheit und Rechtschaffenheit – und sagt zugleich dem Unverstand den Kampf an.
„Die drei Wünsche“ etwa zeigen Hebels Talent, eine Lebensweisheit in eine überraschende Geschichte zu verwandeln. Ein einfältiges Ehepaar erhält von einer Fee die Möglichkeit, drei Wünsche zu äußern. Sie bekommen einige Tage Bedenkzeit. Doch in einem unbedachten Moment gelüstet es die Frau nach einer schmackhaften gebratenen Wurst. Der Wunsch wird prompt erfüllt. Der Mann ärgert sich dermaßen über diese Verschwendung, dass er ihr im Zorn die Wurst an die Nase wünscht. Der dritte Wunsch muss folglich dafür verwendet werden, dieses Missgeschick wieder zu beseitigen. Am Ende steht die ebenso einfache wie treffende Erkenntnis: „Alle Gelegenheit, glücklich zu werden, hilft nichts, wer den Verstand nicht hat, sie zu benutzen.“
In „Kannitverstan“ verschlägt es einen Handwerksburschen aus Tuttlingen in die reichen Niederlande. Staunend betrachtet er die prächtigen Häuser und den Wohlstand, der ihn umgibt. Wem, möchte er wissen, gehören diese ganzen Reichtümer? Immer wieder erhält er dieselbe Antwort: „Kannitverstan.“ Der Geselle hält dies für den Namen eines besonders reichen Herrn. Als er wenig später einen Leichenzug sieht, fragt er nach dem Namen des Verstorbenen. Wieder lautet die Antwort: „Kannitverstan“. Aus einem sprachlichen Missverständnis wird eine Lebensweisheit. Der einfache Bursche kommt, wie Hebel es formuliert, „durch den Irrtum zur Wahrheit“. Angesichts des Todes erscheinen die prächtigen Häuser und Reichtümer plötzlich in einem anderen Licht.
Unverhofftes Wiedersehen“ ist vielleicht die berühmteste und zugleich bewegendste Geschichte des „Schatzkästleins“. Sie spielt im schwedischen Falun. Ein Jüngling ist mit einem Mädchen verlobt. Doch das Glück der beiden findet ein jähes Ende: Der Bergmann kommt bei einem Unglück ums Leben. Jahrzehnte vergehen. Die Welt verändert sich, Generationen kommen und gehen und das Rad der Weltgeschichte dreht sich. Mehr als fünfzig Jahre später wird tief aus dem Berg der Leichnam eines jungen Mannes geborgen. Durch die besonderen Bedingungen im Bergwerk ist der Körper erstaunlich gut erhalten. Niemand weiß, wer der Tote ist. Nur eine alte Frau erkennt ihn: Es ist ihr einstiger Verlobter.
Kaum eine Geschichte braucht so wenige Zeilen, um eine so große Zeitspanne und eine so gewaltige menschliche Erfahrung zu umfassen. Liebe, Zeit und Tod werden hier auf engstem Raum zusammengebracht. Aus dem vermeintlichen Ende einer Liebesgeschichte wird nach Jahrzehnten ein „Wiedersehen“ – allerdings eines, das zugleich beglückend und unendlich traurig ist.

Johann Peter Hebel (1760 – 1826). Gemeinfreies Foto. Bildnis undatiert. © Maurice Babey, Historisches Museum Basel
Vielleicht ist genau das der Grund, warum Hebels Geschichten noch immer funktionieren: Sie handeln von zeitlosen Dingen. Von Habgier und Dummheit, von Glück und Pech, von Liebe und Verlust, von Streit und Versöhnung. Seine Erzählungen sind pointiert und voller überraschender Wendungen. Sie sind klug, ohne hochmütig zu sein, und volkstümlich, ohne jemals ins Seichte abzugleiten. Wer Johann Peter Hebel heute liest oder wieder liest, trifft auf einen Schriftsteller von einzigartiger Könnerschaft.
Christoph Schmaus
Johann Peter Hebel: Unverhofftes Wiedersehen und andere Geschichten aus dem Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes. Diogenes Verlag. 144 Seiten, 10 Euro.
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