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Schöne Stunden in Wangen
27. August. Der vielleicht letzte Hochsommertag. Der Redaktionsleiter der Bildschirmzeitung tut etwas, was er so eigentlich nie tut: Er macht vorzeitig Feierabend.
Es ist 14.00 Uhr und er beschließt spontan, nach Wangen zu fahren. Ein paar unbeschwerte Stunden in der Allgäustadt, darauf hat er jetzt Lust. Atzung im Fidelisbäck, Eis am Hinderofen. Gedacht, getan: Der Computer wird runtergefahren, das Cabriodach aufgesperrt. Da er noch etwas in Leutkirch zu erledigen hat, wählt er die alte Straße nach Wangen, nicht die Autobahn. Tautenhofen, Waltershofen, Dürren – das Württembergische Allgäu schlägt ihn wie so oft in Bann. Immer noch grünes Hügelland, trotz Trockensommers.
15.00 Uhr. Ohne Probleme findet er einen Parkplatz beim Argen-Center. Beim Blick in den Geldbeutel muss der Wangen-Liebhaber feststellen: Er hat zu wenig Münzgeld.
Da kommt die Rettung. In Gestalt einer Ordnungshüterin.
„Sie kennet mir sicherlich wechsla“, sagt der Wangen-Fan und hält einen Fünf-Euro-Schein in Händen. „Tut mir leid, ich führe kein Geld mit mir“, erwidert die Frau vom Ordnungsamt und fügt hinzu: „Aber Sie können doch mit Karte zahlen.“ – „Hab ich beim Parken noch nie gemacht“, bekennt der 68-jährige Redaktionsleiter, der in Sachen Online-Bezahlen ziemlich unkundig, mehr noch: unwillig ist.
„Ich zeige Ihnen, wie es geht“, sagt die freundliche Frau in der dunklen Uniform.
„Wie lange wollen Sie bleiben?“ – „Drei, vier Stunden.“
Die Frau vom Amt tastet geduldig „18.00 Uhr“ ein, den Schlusszeitpunkt für kostenpflichtiges Parken. Dann legt sie meine Karte von der Volksbank an und – schwuppdiwupp – halte ich meinen Parkerlaubnisschein samt Quittung in Händen.
„Wie heißen Sie?“, fragt dankbar der Parkautomat-Analphabet das freundliche Wesen.
„Puschmann.“
„Reischmann mein Name. Hat mich sehr gefreut.“
Und ab geht es Richtung Fidis.
Im Fidelisbäck, das gehört einfach dazu, kommt man ins Gespräch. Ein älteres Ehepaar hockt am Nachbartisch. Eine Klassenliebe. Vor mehr als 60 Jahren haben sie geheiratet. Schulanekdoten kommen aufs Tapet. Einmal, es muss 1962 oder 1963 gewesen sein, haben sie – wie fast alle in der Klasse – den Schülergottesdienst geschwänzt und stattdessen den Fidelisbäck aufgesucht. Da ertönt die Stimme des Rektors. „Also hier muss ich Sie treffen“, säuselt es im unverwechselbaren Timbre des Paukers. Schlagartig wird es still im Lokal.
Nach dem großen Schrecken erkennt die im Fidelisbäck versammelte Schülerschar: Es war nicht der Rex, der da säuselte. Es war Mitschüler Götz, ein begnadeter Imitator.
Das musste er büßen. Götz landete im Brunnen an der Martinskirche.
Das alte Ehepaar, dem ich die Brunnengeschichte verdanke, erwähnt noch so manches aus seiner Schulzeit am Wangener Gymnasium in den 1960ern. Es sei gar nicht so ungewöhnlich gewesen, dass auch die älteren Schülerinnen mit in den Fidelisbäck gegangen seien und dort artig Sarah-Bernhardt-Törtchen verzehrten, berichtete die Dame.
Schön waren sie, meine Stunden in Wangen.
Gerhard Reischmann
























