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    Buchtipp von Christoph Schmaus: Bart van Loo, Napoleon

    Vom Außenseiter zum Kaiser

    Foto: Osiander
    Christoph Schmaus, Buchhändler bei Osiander in Wangen, gibt in der Bildschirmzeitung regelmäßig Buchtipps. Heute stellt er eine bei C.H. Beck herausgekommene neue Napoleon-Biografie vor.
    veröffentlicht am: 12.09.2026
    Autor: Christoph Schmaus
    Lesedauer: ca. 6 Minuten

    Zweifelsohne zählt Napoleon zu jener Handvoll historischer Persönlichkeiten, die einem sofort in den Sinn kommen, wenn man nach den bekanntesten Figuren der Weltgeschichte fragt. Abertausende Seiten sind über ihn geschrieben, Filme und Dokumentationen massenhaft produziert worden. Braucht es da wirklich noch eine neue Biografie? Absolut! Was der flämische Historiker und Schriftsteller Bart van Loo in seiner Lebensgeschichte des kleinen Korsen (1769–1821) liefert, setzt Maßstäbe.

    Das Cover von Bart van Loo, Napoleon

    Unterhaltsam ist das wie ein Roman und genauso süffig zu lesen, dabei so ungemein klug und lehrreich, dass es eine wahre Freude ist.

    Die Herangehensweise: Der Autor zeigt Napoleon als Geschöpf der Französischen Revolution. Sein Aufstieg wäre ohne die weltumstürzenden Ereignisse seit 1789 nicht denkbar. Die obersten Militärränge wurden für weite Teile der Bevölkerung geöffnet. Napoleon fand seine Rolle als Befrieder jener politisch unsicheren Zeiten, in denen erst die Menschenrechte verkündet und dann Tausende Landsleute mit der Guillotine enthauptet wurden, inklusive des eigenen Königspaares. So gelang es ihm, eine Position zwischen rückwärtsgewandten Royalisten und linksradikalen Revolutionären zu finden.

    Vom General brachte er es durch den Staatsstreich von 1799 zum Ersten Konsul und hielt fortan die diktatorische Macht gebündelt in seinen Händen. Zunächst erfolgte die Konsolidierung Frankreichs, die allerdings nicht von langer Dauer war. Das Überraschende: Napoleon begann als Außenseiter. Er entstammt dem fernab von Paris gelegenen Korsika, zeitlebens konnte er seinen italienischen Akzent nicht ablegen. In jungen Jahren kämpfte er sogar für die Unabhängigkeit seiner erst kurz zuvor von Frankreich annektierten Heimatinsel.

    Napoleon war in erster Linie Feldherr. Italien und Ägypten, später die zahlreichen Schlachten gegen die anderen europäischen Mächte: Unbeschreiblich, mit welcher Geschwindigkeit er seine Truppen bewegte. Für das Vorrücken auf Ulm im Jahr 1805 ist bei van Loo sogar von einem „Marschweltrekord“ die Rede. „Presto“, die aus der Musik entlehnte Bezeichnung für höchste Geschwindigkeit, wird zum treffenden Wort für Napoleons Kriegsführung. Wie kein anderer beherrschte er die Kunst des richtigen Timings. Überraschungen und Stellungswechsel bildeten die Grundlage seiner Taktik.

    Ganz Europa überzog Napoleon mit Krieg. „Nur Eroberungen können mich im Sattel halten“, soll er gesagt haben. Bart van Loo positioniert sich sehr kritisch gegenüber dem Blutvergießen und den Millionen Menschenleben, mit denen die Siege auf den Schlachtfeldern erkauft wurden. Eindrücklich schildert er die katastrophalen hygienischen Bedingungen in Lazaretten und Lagern – hier starben weit mehr Soldaten als im Kampf. Unter den Toten und Verwundeten waren zahllose Rekrutierte aus den unterworfenen Gebieten, auch Württemberger und Bayern.

    Napoleon war zudem ein begnadeter Propagandist. In seinen Bulletins von den Feldzügen redete er die Lage ungeniert schön und heimste für sich selbst die Lorbeeren ein, obwohl oftmals im letzten Moment seine Generäle für ihn die Bresche sprangen. Ebenso erfolgreich inszenierte er sich als fürsorglicher Herr seiner Soldaten. Er trug eine schlichte, grün-rot gesäumte Uniform, dazu einen grauen Mantel und den Zweispitz – und erinnerte damit eher an einen Hauptmann als an einen Herrscher. Zugleich war er ein Motivator sondergleichen, der mit seinen Reden vor der Schlacht die Kampfesbereitschaft schürte. Immer im Austausch mit seinen Männern und nie um ein Bonmot verlegen.

    Napoleon erscheint aber auch als politischer Modernisierer und administrativer Umgestalter Frankreichs von nahezu ungehemmter Tatkraft. Der Code civil als bürgerliches Gesetzbuch war bahnbrechend und regelte die privaten Verhältnisse der Untertanen auf einheitliche Weise. Die Ordnung der Departements sowie das Wissenschafts- und Bildungswesen wurden reformiert. Bart van Loo nennt ihn „den größten Workaholic seiner Zeit“. Schlaflos arbeitete er die Nächte durch. Ein Getriebener und Antreiber. Sein Verwaltungssystem sei mit dem Ausdruck „Militärdiktatur“ nicht passend beschrieben, da wichtige Stellen mit Zivilbeamten besetzt waren. Ein bis an die Grenzen des Denkbaren Verwegener, aber kein Wahnsinniger. Alle Welt kennt ihn auf dem Rücken seines weißen Schimmels, es gab aber auch Zeiten, da saß er achtzehn Stunden am Tag hinter seinem Schreibtisch.

    Doch zunehmend wurde der Korse zum grausamen Zyniker. Ein unglaublich reizbarer und ambivalenter Mensch: Er liebte das Läuten der Kirchenglocken ebenso wie das Donnern der Kanonen. Van Loo beschreibt ihn auch als jemanden, der haarsträubende Fehler machte, als cholerischen Despoten, der seine Gesprächspartner mitunter ohrfeigte und in ungehemmtem Zorn auch Geschirr zertrümmerte. Machtversessen und großmannssüchtig hatte er sich 1804 selbst zum Kaiser gekrönt und den Papst bei der Zeremonie zum bloßen Statisten degradiert – später wurde der Heilige Vater auf sein Geheiß sogar inhaftiert.

    Napoleon wollte eine Erbdynastie begründen, an die eigentlich nur er glaubte. Denn sein System stand und fiel mit ihm selbst. Die von ihm an Verwandte und Unterstützer verteilten Königreiche und Herzogtümer hatten als Herrschaftsform keine Zukunft. Er zeigte sich gleichwohl als unfassbares Stehaufmännchen, das nach dem katastrophalen Russlandfeldzug und den Siegen seiner Gegner auf die Insel Elba verbannt wurde, von dort aber erneut nach Frankreich zurückkehrte und die Macht für hundert Tage an sich riss. Das kurioseste Comeback der Weltgeschichte, bevor er 1815 bei Waterloo endgültig besiegt und auf die Atlantikinsel St. Helena verfrachtet wurde.

    In der Verbannung strickte Napoleon an seiner eigenen Legende, indem er seine Lebenserzählung diktierte – natürlich nach seinem Gusto. Die posthume Veröffentlichung schlug in Frankreich wie eine Sensation ein und trug maßgeblich zur späteren Verklärung bei. Dieser Verklärung entschieden entgegenzuarbeiten, ohne die ungeheure Faszination, die von dieser Ausnahmeerscheinung ausgeht, zu leugnen: Das ist das Verdienst dieser Biografie.

    Historische Hintergrundinformationen werden wie beiläufig eingeflochten und perfekt dosiert, seitenweise unterhaltsame Passagen in Dialogform wiedergegeben. Hinzu kommt eine gewagte, aber absolut gelungene Sicht auf die inneren Vorgänge der handelnden Personen. Der Bildteil umfasst zahlreiche Porträts, Schlachtengemälde, Karten und Darstellungen der Ereignisse und garniert dieses absolut empfehlenswerte Buch.

    Bart van Loo: Napoleon. Der Schatten der Revolution. Eine Biographie. C.H.Beck, aus dem Niederländischen von Bärbel Jänicke, 677 Seiten, 38 Euro.

    Weitere Buchbesprechungen von Christoph Schmaus finden Sie nachstehend unter „Lesen Sie hierzu auch …“

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    Christoph Schmaus
    veröffentlicht am
    12.09.2026
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