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.Sie arbeitet für einige Monate als Kindermädchen in Paris. Er hilft derweil im Whiskeyhandel seines Vaters in den Vereinigten Staaten aus. Die bevorzugte Kommunikationsform der beiden Schwerverliebten sind Briefe, denn ein Ferngespräch von Frankreich in die USA würde ein Drittel eines Wochenlohns verschlingen. Mobiltelefon und Internet für jedermann sind noch Zukunftsmusik. Wir schreiben die Achtzigerjahre, und die Hauptfiguren in Lily Kings herzzerreißendem Liebesroman stehen am Scheideweg ihrer noch jungen Beziehung.

Das Cover von Lily Kings „Herz König“
Gewiss lässt sich das Wohl und Weh einer Liebe nicht allein an den verfügbaren Kommunikationsmitteln festmachen. Doch sinnbildlich ist es schon, dass es in dieser entscheidenden Phase am offenen und unmittelbaren Austausch mangelt. Sie findet keinen Weg, ihm eine lebensverändernde Nachricht mitzuteilen. Er wiederum kann mit seinen Bindungsängsten bequem hinter dem Berg halten. Dabei steht der gemeinsame Plan bereits fest: ein Leben zusammen in New York.
Als diese Konstellation geschildert wird, hat der Leser bereits etliche Seiten hinter sich und folgt gebannt dem Verlauf dieser faszinierenden Beziehung, die ihren Höhepunkt vielleicht schon erreicht hat. Wir befinden uns ziemlich genau in der Mitte des Romans, kennengelernt haben sich Jordan und Yash als Literaturstudenten an einer amerikanischen Universität. Der erste Teil liest sich daher zugleich als Campusroman – mit geistreichen, pointenreichen Dialogen und einem bewegten Studentenleben zwischen kalten Wohnheimen und überheizten Professorenvillen.
Jordan – ihr ungewöhnlicher Spitzname verweist auf Fitzgeralds „The Great Gatsby“ – ist zunächst mit Yashs bestem Freund Sam zusammen. Dieser pflegt allerdings eine eigenwillige und recht unkeusche Form der Enthaltsamkeit, die er nur schwerlich mit seiner innigen Lektüre von Paulus und Augustinus vereinbaren kann. Es ist kompliziert. Die Karten werden neu gemischt. Schon bald wird deutlich, dass Jordans wahrer Herzkönig nicht Sam, sondern Yash ist.
Die US-Amerikanerin Lily King besitzt ein außergewöhnlich feines Gespür für die psychologischen Nuancen einer Partnerschaft. Begehren und Enttäuschung, Zärtlichkeit und Zurückweisung, Gewissheit und Zweifel – all das bringt sie mit beeindruckender Präzision zur Sprache. Und als Jordan und Yash einmal darüber diskutieren, was große Literatur ausmacht, fällt das Stichwort „Aufbau“ – die Kunst des gelungenen Arrangements der einzelnen Teile. Gerade darin erweist sich auch Lily King selbst als Meisterin.
Tatsächlich spielt die zweite Hälfte des Romans rund fünfundzwanzig Jahre später. Inzwischen sind Textnachrichten selbstverständlich geworden. Doch die eigentliche Veränderung liegt woanders: Wie King ihre Figuren als gereifte Menschen zeichnet und wie sie zeigt, dass die größte Herausforderung des Lebens darin besteht, sich trotz aller Verletzungen wahrhaftig zu zeigen, gehört zu den bewegendsten Momenten dieses klugen und ergreifenden Romans.
Christoph Schmaus
Lily King: Herz König. C.H.Beck, übersetzt von Eva Bonné, 222 Seiten, 24 Euro.
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