Die Krönungsmesse eines jeden „großen“ Wahlkampfes ist das Fernsehduell. Unvergessen das Duell Trump / Biden, bei dem sich der Amtsinhaber um Kopf und Kragen schwadronierte. Politologen rufen gerne das TV-Duell Kennedy / Nixon in Erinnerung; das war 1960. Nixon schwitzte, Kennedy knipste sein smartes Lächeln an. Und gewann.
Die gestrige Kandidatenvorstellung hatte – im kleinen, lokalen Rahmen – durchaus etwas von dieser neuartigen – medialen – Politik-Darstellung. Der Live-Stream via Bildschirmzeitung „Der Wurzacher“ (und über die Webseite der Stadt) war ein Straßenfeger. Die Bürger an den Bildschirmen – wahrscheinlich mehr als 3000* – hatten den direkten Vergleich. Noch im Saal wurde diskutiert, wer wie „ankam“. Entsprechende Rückmeldungen bei der Bildschirmzeitung wollen wir, da nicht repräsentativ, hier nicht wiedergeben. Aber wir wollen einige Aspekte der jeweiligen Performances betrachten.
Es fiel auf, dass zwei der Kandidierenden – Daniela Amann und Lukas Häfele – ihre Redezeit nicht ausschöpften.
Und es fiel auf, dass bei Alexandra Scherer und bei Florian Schiller die Fragezeit nicht ausreichte.
Alexandra Scherer, die Amtsinhaberin, stellte ihre langjährige kommunalpolitische Erfahrung und ihre Bodenständigkeit heraus und rückte den Begriff Kontinuität – sie sprach von „nahtloser Weiterentwicklung“ – in den Mittelpunkt. Sie habe das Handwerk von der Pike auf gelernt. „Ich kann Bürgermeisterin.“
In diesem Zusammenhang erwähnte sie ihre gute Vernetzung mit Oberbehörden und Ministerien. Das Geld komme nicht von alleine. Fördermittel an Land zu ziehen sei eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen.
Mutig sprach sie auch ihre Laupheimer OB-Kandidatur an. Das sei keine Entscheidung „gegen“ Bad Wurzach gewesen. Es habe familiäre Gründe gegeben. „Wenn ich Sie damit verletzt habe, tut mir das sehr leid.“ Seit jenem Exkurs habe sie mit ganzer Kraft für Bad Wurzach gearbeitet. „Ich hoffe, Sie haben das gemerkt.“
Selbstverständlich stellte sie sich dem kommunalpolitischen Kardinalproblem Kurbetrieb. Die wirtschaftliche Lage sei „sehr angespannt“. Verluste in der derzeitigen Größenordnung seien auf Dauer „nicht tragbar“. Bei der Suche nach Lösungen lägen „alle Optionen“ auf dem Tisch. Es gebe allerdings nicht die einfache Schwarz- oder Weiß-Lösung. Sie räumte die „zu späte“ Feststellung der Schieflage ein. Inzwischen seien Kontrollmechanismen installiert worden, „die nicht mehr umgangen werden können“. Sie sei jetzt persönlich eingebunden.
Claudius Caesar, der sich beim Kampf um den Turm bei den Gegnern des Projektes engagiert hatte, hatte sich tief in den Haushaltsplan der Stadt für 2026 eingegraben und auf Seite 32 unter Produktgruppe 1124 einen Haushaltsposten gefunden, der es in sich hatte: 2,3 Millionen Euro für einen Turmbau seien da im laufenden Etat der Stadt eingestellt. Werde am Turmbau doch festgehalten, fragte er. Alexandra Scherer verneinte energisch: „Natürlich ist der Bürgerentscheid bindend.“ Die von Caesar genannte Haushaltsposition sei ein Buchungsfehler, der „durchgegangen“ sei, den „auch ich nicht gesehen habe“.
Respekt, so stellt man sich vor seine Leute.
Florian Schiller, der derzeit viel Zulauf in seinen Wahlveranstaltungen hat, schilderte ausführlich seine Vita und betonte seine juristische und ökonomische Expertise. Sehr detailliert wurden die Studien benannt, während die sieben Jahre Unternehmertum in Südafrika mit einem einzigen Satz erwähnt wurden. Da hätte man gerne etwas mehr erfahren.
Schiller betonte seine Unabhängigkeit, seine Nichtzugehörigkeit zu einer Partei, erwähnte seine Zugehörigkeit zur Katholischen Kirche. Heimatverbundenheit sei eine der Gründe für seine Kandidatur, auch Gestaltungswille unter Langfristbedingungen. Er sei den Menschen zugewandt und verfüge über viel Führungserfahrung. Eine seiner Stärken sei das Ausbalancieren verschiedener Interessengruppen.
Bei der Ausformulierung seiner drei Leitbegriffe Dialog, Transparenz und Vision war er wortreich, aber vage.
Beim Kardinalproblem Kurbetrieb war Schiller überraschend wortkarg. Ganze 34 Sekunden widmete der sanierungsorientierte Insolvenzverwalter diesem Thema. Der „stark defizitäre“ Kurbetrieb sei ein drängendes Problem, „das wir unbedingt angehen müssen“. „Da muss ich ran, da sehe ich mich sehr gut gerüstet.“ Seit 20 Jahren sei er einschlägig tätig. Er werde es schaffen, sagte Schiller, den Kurbetrieb zu sanieren, „wenn die Voraussetzungen stimmen“. Zunächst sei eine sorgfältige Bestandsaufnahme zu machen.
„Ich verspreche: Es werden acht interessante Jahre.“ Wenn es die Bürgerschaft wünsche, denn stünde er nach den acht Jahren für eine weitere Wahlperiode zur Verfügung.
Sven Stöckle beeindruckte mit angenehmer Rhetorik und zeigte sich in seiner Programmatik teilweise sehr konkret. Als Ortsvorsteher und Gemeinderat wisse er, „wie Verwaltung tickt“. Er sei gut vernetzt, habe gute Beziehungen zum Landratsamt, auch zu den hiesigen Abgeordneten. Als Nicht-Wurzacher sei er nicht verbandelt. Stöckle sprach sich für ein Gleichgewicht zwischen Kernort und Ortschaften aus. Der Bad Wurzach-Tourismus sollte besser vermarktet werden. Konkret schlug er eine langfristige Kooperation mit Center Parcs vor. Auch sprach er sich für die Schaffung der Stelle eines Citymanagers aus. Wie andere Kandidaten auch will er den Durchgangsverkehr verringern und die hausärztliche Versorgung verbessern („eine große Herausforderung“).
Als einziger der Kandidaten nahm er beim Thema Kurbetrieb das Wort „Privatisierung“ in den Mund. Der Kurbetrieb sei Teil der Wurzacher Identität, sei verwoben mit dem Bad Wurzach-Tourismus. Aber er kranke seit vielen Jahren, hätte viel früher auf den Prüfstand gehört. In der Vergangenheit habe man allenfalls Symptome der Bad Wurzacher Kur-Malaise behandelt. Man müsse kritisch Kosten und Leistungen analysieren und es „noch einmal probieren“. Es sei ein sensibles Thema. „Arbeitsplätze hängen dran.“ Aber: „Die Stadt schafft es aus eigener Kraft nicht.“ Stöckle schlug hier die Anlehnung an einen privaten Partner vor, ohne das Zepter ganz aus der Hand zu geben. Man könne „nicht ewig“ bezuschussen. In letzter Konsequenz müsste man sich vom Kurbetrieb verabschieden. Das wäre fatal und nicht gewollt.
Lukas Häfele, IT-Fachmann aus Ziegelbach, stellte sich zunächst in Gebärdensprache vor und philosophierte dann über Kommunikation. „Sie merken vielleicht: Es ist ungewohnt, wenn man nicht alles versteht. Für viele Menschen ist das Alltag. Und da gilt für mich ein einfacher Satz: Kommunikation ist nicht das, was gesagt wird – sondern das, was verstanden wird. Sprache darf keine Barriere sein.“ Ärzteversorgung, „Innenentwicklung vor Außenentwicklung“, die Schaffung eines Jugendgemeinderates, Bürokratieabbau, Zuhören – das sind Stichworte zu seinem Vortrag. Sein Ziel ist ein Kurbetrieb, „der langfristig tragfähig ist“. Die Lage sei ernst, der Kurbetrieb aber zentral für Bad Wurzach. Es brauche klare Schritte: Transparenz, klare Kennzahlen und regelmäßige Berichte, professionelle Führung mit Erfahrung, mehr Partner, weniger Abhängigkeit, effizientere Abläufe, digitale Steuerung.
Daniela Amann bekannte sich mit ganzem Herzen zu Bad Wurzach: „Bad Wurzach ist für mich nicht irgendwas. Es ist mein Zuhause. I bin a Wurzachere durch und durch.“ Als Rechtsanwältin sei sie auffassungsstark, verhandlungsgeschickt, lösungsorientiert. Schule, Betreuung, Busverkehr, ärztliche Versorgung, ein Lob der Landwirtschaft, Gewerbeansiedlung – das waren Themen ihres Vortrages. Und die Pflege der Gemeinschaft „in unserer liebenswerten Stadt“, zu der die vielen Teilorte dazugehören. Ohne den Kurbetrieb könne sie sich Bad Wurzach nicht denken. Eine Schließung sei das allerletzte Mittel. „Das hätte Auswirkungen auf die ganze Stadt.“
Kompliment ans Publikum. Es war nie unruhig im Saal. Zwei Stunden lang wurde den Kandidierenden aufmerksam und respektvoll zugehört. Auch bei der so ungewöhnlichen Gebärdensprachen-Performance von Lukas Häfele gab es keinerlei despektierliche Reaktionen.
Kompliment an die fünf Kandidierenden. Alle befassen sich intensiv mit Bad Wurzach, lassen sich mit innerer Anteilnahme auf die vielgestaltige Großgemeinde ein.
Dass Fatma Iramil ohne Begründung der Veranstaltung fernblieb, muss man als Defizit ansprechen. Ihre Kandidatur will sie doch sicherlich als Signal verstanden wissen: Die türkische Community ist Teil der Stadtgesellschaft. Da hätte es sich schon gehört, sich zu zeigen und Vorstellungen über das multikulturelle Zusammenleben darzulegen. Schade, sie hat eine Chance vergeben und damit der starken türkischen Gemeinde keinen Gefallen getan.
Es bleibt zu hoffen, dass der Wahlkampf weiterhin fair und niveauvoll bleibt. Soweit wir das beurteilen können, hat es bisher keine Ausreißer negativer Art gegeben. Allerdings surft der Schreiber dieser Zeilen nicht in den sogenannten Sozialen Medien.
Dem Appell von Klaus Schütt, zur Wahl zu gehen („Wir freuen uns über eine hohe Wahlbeteiligung“), ist nur beizupflichten. Demokratie lebt vom Mitmachen – gerade auf Gemeindeebene.
Gerhard Reischmann
*Anm. d. DBSZ-Red.: Unser Artikel „Hier der Link zum Live-Stream“ (DBSZ am 16. April) respektive „Hier die Aufzeichnung der Kandidatenvorstellung“ (DBSZ am 17. April) wurde bisher 3500-mal angeklickt (Stand: 17. April, 15.00 Uhr).
Ein weiterer Bericht folgt, der ausführlich die Kandidatenvorstellung beschreibt
Unter dem roten Link-Balken rechts oben können Sie die Aufzeichnung der Kandidatenvorstellung ansehen







