Lauschtour führt in Kißlegg auf die Spur alter „Daten-Cloud“


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Kißlegg – Seit Jahren macht die Region mit der „Barockwoche“ in der zweiten Augustwoche auf ihr reiches kulturelles Erbe aufmerksam. Zum sechzigsten Jubiläum der Oberschwäbischen Barockstraße haben einige Städte und Gemeinden obendrein „Lauschtouren“ entwickelt, die mittels Smartphone einen komfortablen ersten Zugang zu Geschichte und Lebensart des jeweiligen Ortes ermöglichen. Seit April lassen sich so auch die interessantesten Kißlegger Sehenswürdigkeiten erkunden, wobei selbst auf viele Einheimische eine handfeste Überraschung warten dürfte.
Abkehr von der wehrhaften Burg
Beginnend am Neuen Schloss erläutert die Erzählerin via Handy, dass sich Graf Johann Ernst II., Reichserbtruchsess von Waldburg zu Friedberg und Trauchburg, beim Bau dieses Schmuckstücks stark verschuldete. Die Abkehr von der wehrhaften, mittelalterlichen Burg zum repräsentativen Wohnsitz verkörpert bereits das Alte Schloss mit seinen dekorativen Türmchen und der nicht mehr auf Verteidigung ausgelegten Mauer.
Dem Wolkenhimmel voller Heiliger ganz nah
Wenig überraschend steht im Mittelpunkt der Kißlegger „Lauschtour“ die Pfarrkirche St. Gallus und Ulrich. In dem 1548 abgebrannten, im gotischen Stil wieder errichteten Bau hat Johann Georg Fischer von 1734 bis 1738 für eine besonders üppige Barockisierung gesorgt. Die perspektivisch ausgeklügelte Freskenmalerei lässt den Wolkenhimmel voller Heiliger, Sehnsuchtsort der Gläubigen, ganz nah erscheinen. Die Häretiker werden symbolträchtig in Richtung Hölle verstoßen.
So weit, so typisch für die Zeit der Gegenreformation, die sich auf eine gewaltige Bildersprache stützte. Auf die eigentliche Überraschung weist die Erzählerin beim Blick auf den Kirchturm hin: Auf dessen Spitze ist eine vergoldete Kugel auszumachen, die seit Jahrhunderten wichtige historische Dokumente enthält. Dort erschienen sie sicher vor Bränden oder Kriegen.
Kapsel und Kugel aus dem Jahr 1781
Erste Nachfragen des „reing’schmeckten“ Autors dieser Zeilen zur Kirchturm-Kugel ergibt Achselzucken und fragende Blicke. Offenbar haben selbst alteingesessene Kißlegger noch nie von der barocken Version einer Daten-Cloud gehört. Eine heiße Spur führt schließlich zu Ruth Welte: Sie weiß als ehrenamtliche Betreuerin des Heimatmuseums nicht nur viel über die Geschichte des Marktfleckens. Als Spezialistin für die Behandlung von Oberflächen war sie im Jahr 2012 bei der letzten Erhaltungsmaßnahme durch die Flaschnerei Wolfgang Huber beteiligt. Die geschweifte, für die Barockzeit typische Turmhaube, die 1781 das ursprüngliche Satteldach ersetzte, erforderte umfassende Reparaturen. Da bot sich auch die Ertüchtigung von Kreuz und Kugel an.
Dokumente aus dem 19. Jahrhundert
Dass eine Zeitkapsel in der gut 120 Liter fassenden Kugel alte Dokumente enthalten dürfte, war dem in komplexen Restaurationsarbeiten erfahrenen Flaschnermeister klar. Bei der kleinen Öffnungszeremonie mit Vertretern der Kirchengemeinde fanden sich anno 2012 handgeschriebene Dokumente zur Renovierung im Jahr 1876 und Presseberichten zum Geschehen in jener Zeit sowie einigen Devotionalien. Rinaldo Paoli, damals Gewählter Vorsitzender der Katholischen Kirchengemeinde Kißlegg, erinnert sich, dass während der damals laufenden Arbeiten alles im Pfarrstadel ausgestellt war.
Was könnte interessant sein, wenn das gute Stück nach Jahrzehnten wieder geöffnet wird, fragte man sich 2012. Neben einigen Dokumenten in Papierform wurde ein kompletter Satz Münzen des 2002 in der EU eingeführten Euro gewählt.
Zeitkapseln waren verbreitet
Kugeln mit Zeitkapseln auf Kirchturmspitzen sind in Oberschwaben offenbar öfter anzutreffen. So brachte die Sanierung des Wurzacher Kirchturms erst vor kurzem wieder einen Spezial-Auftrag für Wolfgang Huber mit sich (https://diebildschirmzeitung.de/bad-wurzach/es-kamen-dokumente-von-1873-zum-vorschein-239171/).

Wolfgang Huber in seiner Werkstatt in Kißlegg mit der Wurzacher Kirchturm-Kugel, die derzeit zur Renovation heransteht. Am Draht hängt die Wurzacher Zeitkapsel; sie stammt von 1873. Foto: Ulli Stark

Blick ins Innere der 2012 geöffneten Kißlegger Kugel mit der Zeitkapsel. © Wolfgang Huber

Höchste Konzentration: Ruth Welte beim Vergolden der Kißlegger Turmkugel im Jahre 2012. © Wolfgang Huber

Eine Kugel befindet sich auch auf dem Turmdach in Waltershofen. Ob auch diese eine Zeitkapsel beinhaltet?
45 Minuten Lauschen
Zurück zu den Lauschtouren: In Kißlegg geht es in etwa 45 Minuten außerdem zu einigen eher wenig bekannter Stellen, die an die Barockzeit erinnern.

Auf der Nordseite des Neuen Schlosses beginnt die Lauschtour durch Kißlegg. Foto: Ulli Stark

Entlang der Oberschwäbischen Barockstraße bieten auch Altshausen, Bad Schussenried, Laupheim, Leutkirch, Mengen, Wangen, Weingarten sowie das Kloster Roggenburg dieses „Großes Kino für die Ohren“ an, teilweise auch schon in Englisch. Bad Wurzach, Ochsenhausen und Tettnang sollen bis Ende 2026 folgen. Einen Überblick mit der Anleitung zum Gebrauch auf dem Mobiltelefon findet sich hier: https://www.oberschwaben-tourismus.de/themenwelten/oberschwaebische-barockstrasse/lauschtouren. Um die Audiotour vor Ort abzuspielen, benötigen Sie lediglich die unter diesem Link zu aktivierende Lauschtour-App auf Ihrem eigenen Smartphone.

Die App „Lauschtouren“ kann man bequem auch über diesen QR-Code herabladen.
Sie können die Tour mit Kopfhörern oder über den Lautsprecher an Ihrem Smartphone anhören.
Ulli Stark
































