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    Buchtipp von Christoph Schmaus: Peter Heather und John Rapley, Stürzende Imperien

    Kein Zurück zu alter Größe

    Foto: Osiander
    Christoph Schmaus, Buchhändler bei Osiander in Wangen, gibt in der Bildschirmzeitung regelmäßig Buchtipps. Heute stellt er Peter Heathers und John Rapleys „Stürzende Imperien“ vor.
    veröffentlicht am: 15.05.2026
    Autor: Christoph Schmaus
    Lesedauer: ca. 4 Minuten

    Vor einiger Zeit gab es in den sozialen Netzwerken unter Liebespaaren einen ebenso amüsanten wie aufschlussreichen Trend. „Wie oft denkst du ans Römische Reich?“, wurde der eine, meist männliche Partner von seinem in der Regel weiblichen Pendant gefragt. Manche der Antworten sorgten für großes Erstaunen („wöchentlich“), andere führten zu regelrechtem Entsetzen („mehrmals täglich“). Das offenbarte auf unterhaltsame Weise die Unterschiede in den jeweiligen Gedankenwelten und Tagträumereien frisch oder langfristig Verliebter, und doch darf in der mentalen Hinwendung zur antiken Geschichte mehr gesehen werden als ein kurioser Spleen. Wer sich Gedanken über ein seit anderthalb Jahrtausenden untergegangenes Großreich macht, tut dies angesichts der aktuellen weltpolitischen Lage nämlich völlig zurecht. Zu diesem Schluss jedenfalls muss man kommen, wenn man der Studie von Peter Heather und John Rapley folgt, die jetzt als Taschenbuch erschienen ist.

    Das Cover von Peter Heathers und John Rapleys „Stürzende Imperien“.

    Die britischen Professoren für Geschichte und Ökonomie untersuchen den Untergang des Römerreichs und ziehen überraschende Parallelen zur Krise der sogenannten westlichen Welt in unserer Gegenwart. Diese Herangehensweise mag zunächst verwundern, steht aber in einer berühmten Tradition. Eines der einflussreichsten Sachbücher aller Zeiten ist Edward Gibbons „Verfall und Untergang des römischen Imperiums“ von 1776. Es hat über Jahrhunderte die geopolitische Sicht wichtiger politischer Entscheidungsträger und ihrer Berater mitgeprägt. Eine seiner zentralen Thesen geht von einer Überfremdung im Innern aus, die zu Dekadenz und wirtschaftlicher Schwächung führte. Auch heute bedienen sich rechte Kreise dieser Erzählung, um Panik vor Einwanderern zu schüren. Ganz anders Heather und Rapley: Sie bürsten Gibbon gegen den Strich und kommen vor dem Hintergrund neuer archäologischer und historischer Forschungen zu völlig anderen Erkenntnissen.

    Weniger die politischen Entscheidungen im römischen Zentrum als vielmehr die Ereignisse in der Peripherie läuteten laut den Autoren das Ende des Reichs ein. Sie sprechen von einem „imperialen Lebenszyklus“, der zwangsläufig durch wirtschaftlichen und kulturellen Austausch benachbarte Grenzgebiete erst zu prosperierenden Landstrichen und schließlich deren Bewohner – wenig liebevoll „Barbaren“ genannt – zu Konkurrenten machte.

    Ein nicht kalkulierbares Ereignis war das Auftauchen der Hunnen in der Spätantike, die von der asiatischen Steppe bis nach Europa stürmten und besagte Barbarenstämme wie Goten und Vandalen auf römisches Reichsgebiet drängten. Am anderen Ende des politischen Großgebildes erwuchs mit dem erstarkten Persien eine ebenbürtige Supermacht, die Roms militärische und finanzielle Mittel strapazierte.

    Durch die Barbareneinfälle und die in der Folge gebildeten Königreiche auf vormals römischem Gebiet verlor das Imperium einen großen Teil seiner landwirtschaftlichen Nutzfläche – damals der wichtigste ökonomische Faktor. Nicht durch Invasion, aber doch in vergleichbarem Ausmaß gerate nun der moderne Westen (also vorrangig die USA, Großbritannien und die Staaten der Europäischen Union) gegenüber früheren Kolonien oder ehemals abhängigen Entwicklungsländern ins wirtschaftliche Hintertreffen. Außerdem sei der Aufstieg Chinas mit dem Aufschwung des Perserreichs im dritten Jahrhundert zu vergleichen. 

    Eine wichtige Lektion, die aus der Geschichte gezogen werden müsse, ist gemäß Heather und Rapley der Verzicht auf einen strikt konfrontativen Kurs gegenüber den neuen Global Playern. Ein Zurück zu alter Größe wird es nicht geben. Denkbar schlechte Reaktionen seien zum Teil schon erfolgt: Abschottung (Brexit) und Handelskrieg (Trump) würden die Krise nur verschärfen. Empfohlen wird vielmehr, bestehende Bündnisse zu erweitern und die traditionelle westliche Vorherrschaft mit aufstrebenden Nationen zu teilen, um gerade so Ideale wie Demokratie und Rechtsstaat in eine neue geopolitische Ordnung zu retten. Die Autoren fordern zudem eine ehrliche Debatte über notwendige Formen der Zuwanderung und kritisieren vehement die gängige Strategie, finanziellen Herausforderungen mit einer exorbitanten Staatsverschuldung zu begegnen. Die römischen Großgrundbesitzer und Steuerzahler kehrten einst dem jahrhundertealten Reich den Rücken und wendeten sich bereitwillig den neuen Barbarenkönigen zu, weil sie sich von diesen mehr fiskalische Gerechtigkeit erhofften.

    Peter Heather und John Rapley vereinen in ihrem Werk volkswirtschaftliche Betrachtungen, historische Ausführungen und geopolitische Analysen. So entsteht ein kluges Buch mit einigen überraschenden und steilen Thesen, die man nicht uneingeschränkt teilen muss, die aber unbedingt zum Nachdenken anregen.
    Christoph Schmaus

    Peter Heather, John Rapley: Stürzende Imperien. Rom, Amerika und die Zukunft des Westens. Klett-Cotta, 284 Seiten, 15 Euro.

    Weitere Buchbesprechungen von Christoph Schmaus finden Sie nachstehend unter „Lesen Sie hierzu auch …“

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    Christoph Schmaus
    veröffentlicht am
    15.05.2026
    Lesedauer: ca. 4 Minuten
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