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OEW-Serenade

Klassik am Ried: Begeisternd

Foto: Uli Gresser
Unter dem Dirigat von Benjamin Lack brachte die Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben Mendelssohn-Bartholdy, von Weber und Beethoven zu Gehör.
veröffentlicht am: 01.08.2026
Autor: Uli Gresser
Lesedauer: ca. 8 Minuten

Bad Wurzach – Zum zweiten Mal gastierte die Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben im Rahmen des OEW-Kultursommers in Bad Wurzach mit einer Openair-Sommerserenade am Musikpavillon beim „Torfstecher“. Ein Konzert der Extraklasse! Mit Paul Moosbrugger hatte das Orchester, das wieder mit Benjamin Lack am Dirigentenpult angetreten war, einen der besten Nachwuchsklarinettisten in Deutschland als Solisten mitgebracht.

Bürgermeister Florian Schiller heißt das Publikum willkommen.

Stark vertreten im Publikum war natürlich das Landratsamt, als Mitinitiator der Konzertreihe: Gekommen waren Landrat Harald Sievers, der Kreis-Kulturamtsleiter Dr. Maximilian Eiden und Wirtschaftsdezernent Thomas Lötsch. Sie nahmen neben Bürgermeister Florian Schiller Platz, der als Hausherr die Gäste und des Orchesters begrüßte.

Unter dem Titel „Konzert am Moor“ startete die Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben mit der Ouvertüre „Die Hybriden“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Die dieser mit 20 Jahren bei einem Auslandsaufenthalt, zunächst in London und danach in Schottland und auf ebendieser Inselgruppe vor Schottland schrieb. Die Insel Staffa mit ihrer sagenumwobenen Fingals-Höhle, die schon damals eine touristische Attraktion war, sollte der Höhepunkt der Reise werden. „Statt der heutzutage obligatorischen Selfies hat Mendelssohn-Bartholdy seine Eindrücke musikalisch festgehalten“, erklärte Uta Babinecz-Ellwanger, die selbst als Musikerin mitspielte und nebenbei viel Wissenswertes zur Musik und den Komponisten der Stücke erzählen konnte. „Eine Hommage an die Natur“ nannte die Moderatorin die Ouvertüre. Mendelssohn habe eine Meereslandschaft vor die Ohren oder das innere Auge gemalt: das ständige An- und Abschwellen und das plötzliche Aufrauschen, Windböen und die hochspritzende Gischt an den Basaltklippen der Insel Staffa. Und im Inneren der Höhle ist ein Hauch der alten keltischen Sagen zu spüren, in der das Echo von Fanfaren an vergangene Schlachten erinnerte.

Landrat Harald Sievers begrüßt den Kreistagskollegen Karl-Heinz Buschle.

Unter den zahlreichen Konzert-Besuchern waren auch Dr. Maximilian Eiden (links), der Leiter des Kreiskulturamtes, und Thomas Lötsch (Dritter von links), Wirtschaftsdezernent des Landkreises.

Sie führte gekonnt durch das Programm: Uta Babinecz-Ellwanger. Wie wirkte beim Konzert auch als Violinistin mit.

Klänge eines Romantikers

Anlässlich des 200. Todestages von Carl Maria von Weber (1786-1826) wurde ein Stück dieses bedeutenden Romantikers gespielt. Weber war regelmäßig Gast bei den Sonntagsmusiken im Hause Mendelssohn, auch wenn dessen Leben völlig anders verlief als das Mendelssohns. Auch zu Carl Maria von Weber hatte Moderatorin Uta Babinecz-Ellwanger viel Wissenwertes parat. Bis 1810 hatte Weber eine Verbindung zum Württembergischen Königshaus. Nachdem er sich dort aber einiges hatte zuschulden kommen lassen, fiel er in Ungnade und wurde verbannt. Eine besondere Geschichte aus dem Leben des Komponisten ereignete sich in Ravensburg: Auf dem Weg von München nach Zürich wollte er über Ravensburg und Konstanz reisen. Doch ein aufmerksamer Grenzbeamter des Königreiches Württemberg erkannte ihn in Ravensburg und er musste seine Reise für drei Tage unfreiwillig unterbrechen, ehe er nach Konstanz – ins Großherzogtum Baden – abgeschoben wurde. 1811 traf Weber in München den Klarinettisten Heinrich Joseph Baermann, für den er einige Konzerte und Kammermusiken  schrieb, darunter auch das Stück Konzert Nr. 1 f-Moll für Klarinette und Orchester, das die Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben und Paul Moosbrugger nun in Bad Wurzach bei der diesjährigen Sommerserenade spielten. Das Konzert zeigt bereits jene romantische-dramatische Klangsprache, die Weber dann zehn Jahre später im „Freischütz“ zur Vollendung brachte. Die besten Ideen hatte Weber laut seinem Sohn Max, wenn er unterwegs war. „Beim Rollen des Reisewagens rollte auch die Gegend vor seinem Ohre symphonisch ab. Jede Bodenwelle, jeder wehende Busch, jedes Getreidefeld wurde zur Melodie.“

Der Beginn des ersten Satzes wirkt wie ein kleine düstere Theaterszene, aus der sich die Klarinette als leidenschaftliche Hauptfigur herauslöst. Helle Einschübe wirken wie kurze Lichtblicke, bevor die Musik wieder dramatisch-dunkel wird. Das Adagio beginnt wie eine romantische Opernarie in ruhiger Stimmung, aber von einer feinen Melancholie durchzogen. Neben der Klarinette spielen die Hörner eine entscheidende Rolle. Das Finale, ein spritziges Rondo, zeigte schnelle Läufe der Klarinette, große Sprünge und raffinierte Artikulationswechsel.

Paul Moosbrugger frenetisch gefeiert

Der junge Paul Moosbrugger wurde als Solist an diesem frühen Sonntagabend geradezu frenetisch gefeiert, so dass er natürlich noch eine Zugabe aus seinem überragenden Können geben musste.  Dass er aber geradezu prädestiniert dafür war, das Weber-Stück zu spielen, das verriet Uta Babincz auch: Denn in Dresden, wo Moosbrugger bei der Sächsischen  Staatskapelle Soloklarinettist ist, dort hat eben jener Carl Maria von Weber vor 200 Jahren als Musikdirektor gewirkt.

Hingebungsvoll: Paul Moosbrugger.

Das Thema Natur bekamen die Musiker hautnah zu spüren: Der böige Wind sorgte dafür, dass sie vor allem im ersten Konzertteil mehr als einmal ihre Notenblätter wieder einfangen mussten.

Die 6. Sinfonie mit dem Beinamen „Pastorale“ von Ludwig van Beethoven ist eines seiner wenigen Werke mit ausschließlich programmatischem Inhalt. Beethoven schrieb sie in den Jahren 1807/08 gleichzeitig mit der 5. Symphonie. Die beide Stücke, die gegensätzlicher nicht sein könnten, wurden im gleichen Konzert 1808 uraufgeführt. „Vier Stunden saß sein Publikum damals frierend im eiskalten Theatersaal, da haben sie es heute Abend sehr viel komfortabler“, merkte Uta Babinecz lächelnd dazu an.

Beethovens Sechste, die Pastorale

Die 6. Sinfonie von Ludwig van Beethoven ist etwas ganz Besonderes: Beethoven schrieb sie, als er, mit der immer schlimmer werdenden Taubheit geschlagen, bewusst aufs Land sich zurückzog – heraus aus der Hektik Wiens. „Kein Mensch kann das Land so lieben wie ich.“ Damit beschreibt Beethoven nicht nur eine Vorliebe, sondern eine Sehnsucht nach einem Ort, an dem man wieder hören kann. Nicht nur mit den Ohren, sondern dem ganzen Menschen.

„So ein Ort könnte auch Bad Wurzach sein“, meinte die Moderatorin. „Mit dem ausgedehnten Moor und den Wäldern. Diese Landschaft ist nicht laut, nicht aufdringlich. Und doch verändert sie die Wahrnehmung: Man hört anders, fühlt anders.“ Beethoven liebte Spaziergänge in der Natur. Dort kamen ihm die Ideen, „im Walde, in der Stille der Nacht, am frühen Morgen, angeregt durch Stimmungen, die sich bei mir in Töne umsetzen, klingen, brausen, stürmen, bis sie endlich in Noten vor mir stehen.“ Er hat das rund 43 Minuten dauernde Stück mit seinen fünf Sätzen auch „Erinnerungen an das Landleben“ getauft. Es beginnt mit dem „Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande“. Genau dieses Gefühl überkomme einen doch, wenn man am Ried ankomme, seinen Blick über die weite Landschaft schweifen lasse und der Alltag immer leiser werde. „Die Musik regt dazu an, innezuhalten.“

Dann die Szene am Bach: LvB hat es in die Partitur geschrieben, „deswegen wissen einige Musiker exakt, welchen Vogel sie haben: „Die Nachtigall ist bei der Flöte zu suchen, die Wachtel wird von der Oboe imitiert und die Klarinetten rufen Kuckuck.“

Dorfhock und Hirtengesang

Der nächste Satz: „Das lustige Zusammensein der Landleute“ beschreibt einen Dorfhock mit Musik, Essen und Trinken und ausgelassener Stimmung. Unterbrochen wird dieser Spaß erst durch ein Unwetter mit Regen, Sturm, Blitz und Donner. „Und dann – fast unmerklich wird es wieder hell, geht die Musik ohne Pause in den letzten Satz über: „Hirtengesang, wohltätige mit Dank an die Gottheit verbundene Gefühle nach dem Sturm.“ Es ist kein lauter Sieg, sondern etwas Leiseres: Demut. Die Erfahrung, verschont geblieben zu sein. Der Dirigent Wilhelm Furtwängler hat einmal über Beethoven gesagt: „Niemals hat ein Musiker von der Harmonie der Sphären, dem Zusammenklang der Gottesnatur mehr gewusst und mehr erlebt als Beethoven.“

Gerade hier, nahe des Riedes, bekomme Beethovens „Pastorale“ eine besondere Wirkung: „Das Moor ist nicht einfach eine schöne Kulisse. Er ist ein empfindliches Ökosystem, ein Raum der uns zeigt, wie eng wir mit unserer Umwelt verbunden sind. Die Natur ist ein Gegenüber, in dem man die eigene Verletzlichkeit erlebt.“ Das sei die eigentliche Einladung dieser Musik: Nicht nur zuzuhören, sondern mitzuhören. So die so klug die Aufführung erläuternde Moderatorin.

Glänzendes Dirigat

Benjamin Lack forderte von seinen Musikern mit hochengagiertem Dirigat Topleistung ein. Was glänzend gelang.

Benjamin Lack in seinem Element.

Glänzende Ensemble-Leistung

Die Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben glänzte in toto. Nachstehend Bilder einzelner Ensemble-Mitglieder, hier eingefügt ohne Wertung:

Die Kammerphilharmonie zählt etwa 70 professionelle Mitglieder. Auch hiesige Könner wirkten beim Klassikkonzert am Ried mit.

Minutenlanger Beifall

Minutenlange Ovationen waren an diesem Abend der verdiente Lohn für Benjamin Lack und sein Orchester für diesen 43-minütige Hörgenuss. Die Reaktionen der Menschen in dieser Blasmusik-affinen Region auf dieses Konzert waren durchweg positiv und schüren die Hoffnung, dass es auch im kommenden Jahr wieder eine Openair-OEW -ommerserenade geben wird.

Notenblätter, vom Winde verweht … Doch die Musik klang lange noch nach.

Text und Fotos: Uli Gresser

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