Bad Wurzach – Der städtische Kurbetrieb feiert in diesem Jahr ein Jubiläum: Vor 90 Jahren wurden im Kloster Maria Rosengarten erstmals Moorbäder verabreicht, um der darbenden Klosterschule, aber auch der Stadt wirtschaftlich wieder auf die Beine zu helfen.
In den 1920er und den beginnenden 1930er Jahren jagte eine Wirtschaftskrise die nächste. Das betraf auch die kleine Residenzstadt Wurzach mit ihren damals (1920) rund 1500 Einwohnern.
Nach der Begrüßung der zahlreichen Vortrags-Besucher durch Johanne Gaipl, die Leiterin der Bad Wurzach Info, die in ihrem Grußwort die über die Jahre starke Prägung der Stadt durch den Kurbetrieb betonte, stieg Gisela Rothenhäusler rund zwei Jahrzehnte früher in die Stadtgeschichte ein. Mit dem Bau des Bahnhofes im Jahre 1904 bekam Wurzach Anschluss „an die große weite Welt“. Denn als Residenzstadt fielen nach dem Wegfall des Adels auch viele damit zusammenhängende Arbeitsplätze weg, die Stadt war also bitterarm.
Deswegen beschloss der Gemeinderat – aus der Not geboren – im Jahre 1928 als Wirtschaftsförderung die Einführung des Blutrittes, um die große Zahl an Arbeitslosen abzubauen. 1931 wurde ein Fremdenverkehrs-Verein gegründet und 1934 gab es das erste Prospekt. Auch die ehemals „Höhere Töchterschule“ der Armen Schulschwestern in Maria Rosengarten war davon betroffen: Weniger Schülerinnen verursachten auch hier Defizite, daher wurde das Institut zum „Fremdenheim Maria Rosengarten“ (1932).
Der 1934 eingesetzte Bürgermeister Karl-Wilhelm Heck (1899-1982) war in dieser Hinsicht sehr rührig. Eine von Stuttgart vorgesehene Beschäftigungsanstalt beim Haidgauer Torfwerk zu installieren scheiterte jedoch am Widerstand der Bevölkerung. Der Antrag auf Bau einer Klinik wurde 1933 vom Vorstand der medizinischen Klinik in Tübingen abgelehnt. Stattdessen versuchte Heck die Oberin von Maria Rosengarten für die Idee eines Sanatoriums, für das Moor als Heilmittel verwendet werden sollte, zu gewinnen. Nach einigem Hin und Her, das bis zu Bischof Sproll vordrang und weil Heck über sein „Netzwerk“ mitbekommen hatte, dass die Stadt Waldsee 1937 ein Moorbad einrichten wollte (was er über seine Kontakte verhindern konnte), gelang es in Maria Rosengarten, eine Heilstätte zu installieren.
Titel „Bad“ beantragt
Zuvor hatte Heck bereits den Titel Bad für Wurzach beantragt. Er stützte sein Anliegen auf eine chemische Analyse des Moores durch die Preussische Geologische Landesanstalt am 06.01.1936, welche die Heilwirkung des Moores eindeutig nachwies. Damit hatte man zwar das Material als Heilmittel, allerdings wusste noch niemand, wie die Bäder verabreicht werden sollten. Deswegen wurden zwei Schwestern ins nächstgelegene Moorbad in Bad Aibling geschickt, um das herauszubekommen. Diese wurden aber – aufgrund ihrer intensiven Fragerei zum Thema – vom dortigen Chefarzt freundlich gebeten, nach Hause zu fahren. Dennoch erhielten sie genügend Informationen, um in Maria Rosengarten selbst Moorbäder verabreichen zu können. Und so verzeichnete die Fremdenverkehrsstatistik für das Sommerhalbjahr 1936 bereits bei knapp 300 Gästen über 4000 Übernachtungen.
Kuren waren in der Umgebung von Wurzach schon immer bekannt, man denke da nur an das Heilbad in Hauerz, wo die Fürstliche Familie zu kuren pflegte. Oder das Ziegelbacher Bad. Und nun also wurde in der Stadt selbst gekurt.
Durch die Umwidmung in eine Heilstätte entging Maria Rosengarten (vorerst) dem Schicksal vieler christlichen Schulen in Deutschland, die geschlossen wurden. Interessane Fakten förderte Gisela Rothenhäusler bei ihrer Recherche auch zutage, was die Preisgestaltung für die Moorbadanwendungen angingen. Diese überließen die Schwestern, was ihre Entlohnung für die durchaus harte Arbeit anging, dem Rathaus.
Dass dieses hoch fahrende Pläne hatte, beweist die geplante Anlage eines Höhenfreibades. Dieses sollte zwischen Hohen Rain und Rotkreuzhof entstehen, konnte aber aufgrund des Kriegsausbruches 1939 nicht mehr realisiert werden.
Kurz vor Kriegsende im April 1945 erhielt das Fremdenheim Maria Rosengarten den Status als Ausweichkrankenhaus. Im Jahre 1946 wurde Josef Schranz zum Bürgermeister gewählt.
2000 Kuren mussten abgelehnt werden
Bereits 1947 kam die Heilstätte im Maria Rosengarten an seine Kapazitätsgrenzen, denn es mussten 2000 Kuren abgelehnt werden, weswegen fünf zusätzliche Moorwannen beantragt wurden. 1948 wurde in der Parkstraße das Städtische Moorbad eröffnet. 1950 erhielt Wurzach als erstes Moorheilbad in Baden-Württemberg den Titel „Bad“. Dennoch waren in dieser Zeit der Gemeinderat und der Bürgermeister zerstritten. Als sich 1951 die Narrenzunft der Riedmeckeler gründete, war dies nicht nur irgendeine Zunft, sie gründete sich als Kur- und Heimatverein. 1953 wurde ein Architektenwettbewerb für einen Sanatoriumsneubau ausgeschrieben. Zum Eklat wurde die Bürgermeisterwahl im Herbst 1954, weil die Gegenkandidaten von Georg Hirth Einspruch einlegten. Dieser konnte erst im August 1955 sein Amt antreten.
Das Sanatorium Krone für 100 Gäste konnte schließlich auf dem ehemaligen Brauereigelände des Gasthaus Krone realisert werden und wurde 1962 eröffnet. 1963 kam dann das Evangelische Mütterkurheim dazu und bereits 1964 begannen die Planungen für das Kurmittelhaus am Reischberg. Und es wurde das beheizte (!) Freibad am Riedrand eröffnet. 1968 wurde die Waldburg-Zeil-Klinik ebenfalls am Reischberg eröffnet, zu dem dann 1972 noch das Städtische Hallenbad dazugebaut wurde.
Was tat sich zwischenzeitlich in Maria Rosengarten? 1959/60 wurde die neue Schule angebaut, nachdem bereits 1949/50 die Schwestern für die Arbeitserleichterung eine Mooraufbereitungsanlage erhalten hatten. 1960 wurde ein Aufenthaltsraum und Liegehallen für die Gäste gebaut, 1971 ein Kurmittelhaus. 1986 anlässlich der 50 Jahr-Feier „Moorbaden“ klagten die Schwestern bereits über Nachwuchsmangel, durch die Mehrfachbelastung mit Schule, Kurbetrieb und Landwirtschaft waren die Schwestern extrem eingespannt.
Nachdem der 1982 als Nachfolger von Georg Hirth gewählte neue Bürgermeister Helmuth Morczinietz 1984 mit dem Bau eines „Haus des Gastes“ im Kurpark durch ein Bürgerbegehren im Kurpark gescheitert war, bot sich der Stadt 1991 durch die Übernahme des Sanatoriums von den Armen Schulschwestern mitsamt deren Flächen die Gelegenheit, das 1996 eröffnete Kurhaus am Kurpark zu realisieren. Die Planungen für eine weitere Klinik am Grünen Hügel – nachdem 1977 das heutige FeelMoor Gesundresort als Moorsanatorium am Reischberg eröffnet worden war, mussten nach der Seehofer´schen Gesundheitsreform Ad acta gelegt werden.
Letzte Fuhre Moor aus dem Ried 1996
1996 wurde die letzte Fuhre Moor aus dem Ried geholt, das fortan durch die Auszeichnung mit dem Europa-Diplom renaturiert wurde, was für alle oberschwäbischen Bäder zum Problem wurde. 1994 konnte dank der erfolgreichen Thermalwasserbohrung am Grünen Hügel das Anwendungsspektrum in Bad Wurzach um das Thermalwasser erweitert werden.
2001 wurden im Kloster Maria Rosengarten die letzten Moorbäder verabreicht, die sich zwei honorige Wurzacher Bürger schriftlich bestätigen ließen. 2007 verließen die letzten Schwestern das Kloster. 2009 erfolgte der Abriss des Schulgebäudes, auf dessen Gelände die neue Ausstellung des Naturschutzzentrums sowie die Bad Wurzach Info entstand. Im Jahre 2017 wurde die Räume des historische Klostergebäudes nach der Sanierung neuen Nutzungen zugeführt. 2018 wurde die Moorbadeabteilung im städtischen Kurmittelhaus saniert.
Nach dem Vortrag erhielt Gisela Rothenhäusler für ihre großartige Recherchearbeit einen langanhaltenden Applaus sowie ein Geschenk aus den Händen von Johanne Gaipl, die auch den Dankesbrief eines 88jährigen treuen Kurgastes vorlas. Die Frau hatte in ihrem Leben zusammengerechnet ein ganzes Jahr in Bad Wurzach „gekurt“.
Bericht und Bilder: Uli Gresser
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