Oh, ist das bitter: Acht Jahre hart gearbeitet und dann den Scheidebrief bekommen.
Oh, ist das schön: In der Heimatstadt sich einen Lebenstraum erfüllen.
Bad Wurzach hat gewählt. Schmerz und Freude liegen so nah beieinander.
Alexandra Scherer bewies Statur. Gratulierte dem Sieger. Wünschte der Stadt alles Gute. Heute, am Tag danach, sitzt sie wieder im Rathaus. Bis 15. Juli noch wird sie ihren Job machen. Pflichtbewusst bis zum letzten Tag. Ein Abschluss ganz nach ihrem Geschmack wird das Heiligblutfest sein. Das findet heuer am 10. Juli statt.
Woran hat es gelegen?
Sie hat Baugebiete erschlossen, Straßen erneuert, die Feuerwehr ausgestattet, in Schulen und Kindergärten nach dem Rechten gesehen. Sie hat das getan, was ein tüchtiger Bürgermeister tun muss.
Ihr war es sogar geglückt, das Kurhaus wiederzubeleben. Was die wenigsten wissen: Der Anstoß, das Kurhaus auf eine genossenschaftliche Basis zu stellen, war von Alexandra Scherer gekommen.
Trotzdem hat es nicht gereicht.
Da war die Sache mit dem Turm. Die krachende Niederlage beim Bürgerentscheid war ein Menetekel. Dabei hatte sie das Projekt als Altlast geerbt.
Die Sache mit Laupheim? Kann man so kleingeistig sein und ihr das Wahrnehmen einer völlig überraschend gekommenen Lebenschance verübeln. Offenbar ja.
Das Kardinalproblem aber war sicherlich die Schieflage des Kurbetriebes. Genauer: Das so späte Aufploppen des Millionenverlustes. Denn dass der Städtische Kurbetrieb nicht gesund ist, weiß man schon seit Morczinietz‘ Zeiten. Auch das also eine Altlast. Die abzutragen Bürgermeisterin Scherer womöglich nicht hart genug angegangen ist. Es sieht so aus, als hätte sie den Verantwortlichen zu lange vertraut.
Wie auch immer: Das strukturelle Defizit ist da. Bad Wurzach muss sich dem Problem stellen, muss eine Lösung finden.
Frau Scherer wurde nicht müde zu betonen: Es gibt keine Tabus, alle Optionen kommen auf den Tisch, ein Weiter-so kann es nicht geben.
Allein, das Wahlvolk traute ihr den Turnaround nicht zu.
In den Landgemeinden war ein Unbehagen zu spüren mit dem Tenor: Die Kurbetriebsverluste gehen zu unseren Lasten. Der einflussreiche Ortsvorsteher Berthold Leupolz wusste es bei der Schiller-Vorstellung in Eintürnen in hübsch verklausulierte Worte zu fassen. Er sang das Hohelied der Dezentralität und heimste kräftigen Beifall ein. Gemeint war eindeutig das Unbehagen im Dorfe wegen der Defizite in der Stadt.
Florian Schiller wurde viel gescholten, weil er den Finger in die Wunde lege, weil er das Kurbetriebsproblem beim Namen nannte. Das war sein gutes Recht als Herausforderer. Mit der Rücktrittsforderung an Bürgermeisterin Scherer freilich ist er über das Ziel hinausgeschossen.
Der Einzige, der bei der Kandidatenvorstellung am 16. April das Wort „Privatisierung“ in den Mund nahm, war Sven Stöckle.
Ja, auch das ist eine Option.
Beim Suchen nach Lösungen für den Kurbetriebs-GAU lohnt sich der Blick nach Aulendorf. Die Stadt an der Schussen betrieb bis vor 20 Jahren Reha-Kliniken in eigener Regie, war spezialisiert auf Zukunftsindikationen wie Psychosomatik und Onkologie. Trotzdem verstand sie es nicht, ihre Häuser zumindest kostendeckend zu führen, rutschte tief in die roten Zahlen.
Bis der Aufräumer Dr. Eickhoff kam. Der eloquente Bürgermeister zog mit dem ZfP und mit Waldburg-Zeil erfahrene Klinikbetreiber an Land. Gab ihnen die Stadt-Kliniken billigst. Es heißt, die Stadt habe sogar die ZVK-Pensionslasten übernommen. Georg Eickhoff stand schwer in der Kritik. Nicht wenige warfen ihm vor, Tafelsilber zu verscherbeln. Im Zuge der Restrukturierung wurde Personal abgebaut. Es gab Sozialpläne und eine Transfergesellschaft. Eickhoffs Aulendorf-Abenteuer endete nach vier Jahren mit dem Rücktritt. Die Stadt aber ist heute ein blühender Klinikstandort. Ohne das schmucke „Bad“-Ortsschild.
Florian Schiller ist Bad Wurzachs Dr. Eickhoff. Er muss aufräumen.
Aber er kommt nicht von außen. Er betont seine Wurzach-Wurzeln. Ist er unabhängig genug, schmerzhafte Schnitte zu machen?
Florian Schiller muss dicke Bretter bohren. Die Kur-Krise ist das eine. Es geht insgesamt um den Frieden in der Stadt.
Die Wahl hat Gräben aufgerissen. Jetzt gilt es Brücken zu bauen.
Manche Beobachter sprachen von einem Erdrutschsieg. Dem ist nicht so. 3519 Wähler haben sich für Florian Schiller ausgesprochen. 11.500 Personen waren wahlberechtigt.
Da braucht es noch viel Vertrauensarbeit.
Vertrauen gewinnen und harte Entscheidungen treffen – das muss sich nicht ausschließen.
Die Bildschirmzeitung „Der Wurzacher“ wird den neuen Bürgermeister konstruktiv-kritisch begleiten. Wir wünschen Herrn Schiller alles Gute, eine glückliche Hand für sein so wichtiges Amt.
Gerhard Reischmann






