
Arnach – Am 10. April 2007 erging eine Anfrage der Stiftung Liebenau an die Stadt Bad Wurzach. Die Liebenau wollte Daten zu Euthanasiefällen erheben beziehungsweise abgleichen. Der Anfrage war eine Liste beigelegt mit Daten von aus der Großgemeinde Bad Wurzach stammenden Personen, die als Pfleglinge der Liebenau in den Jahren 1940 und 1941 in der NS-Tötungsanstalt Grafeneck (Schwäbische Alb) ermordet wurden. Zwei der Ermordeten stammten aus der früheren Gemeinde Arnach. Über Theresia Maurer (1896 – 1940) haben wir bereits berichtet (siehe Leseempfehlung am Ende dieses Artikels). Nun befassen wir uns mit Theresia Steinhauser, die am 30. August 1940 in Grafeneck vergast wurde:

Seit 2024 gibt es in Arnach (Stadt Bad Wurzach) einen Theresienweg. Er erinnert an Theresia Maurer und Theresia Steinhauser, die beide 1940 im Rahmen der NS-Euthanasie ermordet wurden. Kurt Jautz (geb. 1953), ein Enkel von Theresia Steinhauser, sagte im Rahmen der Recherchen zu diesem Artikel namens der großen Familie Jautz Dank dafür, dass in Arnach eine Straße an das Schicksal der beiden Opfer staatlicher Gewalt erinnert. Foto: Gerhard Reischmann
Da ich im Jahre 2005 zwei ortsgeschichtliche Broschüren zu Arnach herausgebracht hatte („Mesnerdienst in Arnach“ und „Ross-Stall – Gefangenenlager – Dorfmarkt“), wurde ich mit der Anfrage aus Liebenau befasst. Ich begann zu recherchieren und trug einige Erkenntnisse zu den Fällen Theresia Maurer und Theresia Steinhauser zusammen. Die wichtigsten Daten nahm ich in mein Buch „Menschenskinder – Notizen aus Oberschwaben“ auf (Seite 248, auch S. 11 und S. 234). Zu einer ausführlichen Publikation meinerseits kam es damals nicht, da ich beruflich andernorts sehr stark eingespannt war. Nun, da in Arnach eine Straße nach den zwei Ermordeten benannt wurde, habe ich meine Notizen von damals wieder herangezogen.
Als Erstes hatte ich seinerzeit meine (inzwischen verstorbene) Mutter Theresia Reischmann, geboren 1926 in Brugg, befragt. „Mamme, sagt Dir d‘r Name Theresia Steinhauser was?“ – „Jo, des war Schmieds Rese.“
„Schmieds Rese“ war daheim auf der Brugger Schmiede. Diese wurde betrieben von Xaver Räth, der 1907 die Walburga Schöllhorn (oder Schellhorn) heiratete. Theresia, geboren 1904, war „a ledigs Kind“, wurde von Walburga mitgebracht. Meine Mutter, ein weiteres Mal befragt am 4. November 2007, berichtete, dass Theresia nach Kißlegg verheiratet war („D’r Ma war bei d’r Bahn“) und dass sie zwei Töchter hatte, Lydia und Emma. Lydia sei gleich alt gewesen wie Klara, die Schwester meiner Mutter (Klara wurde geboren im Januar 1931). Emma, die andere Tochter von „Schmieds Rese“, sei jünger gewesen. Die Kißlegger Kinder hätten dann und wann Ferien bei den Großeltern Räth in Brugg verbracht. Es gibt ein Foto vom Erntedank 1935, den auch die Kinder feiern durften. Ein Leiterwägele war bekränzt worden und wurde durch Brugg gezogen – am Tag nach dem Erntedankwagen der „Großen“. Das Mädle ganz links auf dem Bild ist Lydia, die Tochter von „Schmieds Rese“. Rechts, mit Puppe im Arm, geht meine Mutter.

Der Erntedank der Brugger Kinder im Jahr 1935. Links Lydia Steinhauser, die Tochter von Theresia Steinhauser. Als diese Aufnahme entstand, war Lydias Mutter schon zwei Jahre in Weißenau. Im Hintergrund sieht man Räths Schmiede. Foto: bei Reischmann
Das Familienregister des Standesamtes Bad Wurzach, wo die handschriftlich geführten Listen aus Arnach verwahrt sind, bestätigte die Auskünfte meiner Mutter: Theresia Schellhorn, geboren am 9. September 1904 in Wurzach, „außerehelich von der Ehefrau mit in die Ehe gebracht“, hat am 21. Februar 1930 in Kißlegg den „Weichenwärteraushelfer“ Alfred Steinhauser geheiratet.
Das Datenblatt aus Liebenau, vorgelegt vom Liebenauer Euthanasie-Forscher Josef H. Friedel am 10. April 2007, gab außer dem Geburtstag von Theresia Steinhauser (9. 9. 1904) lediglich das Aufnahmedatum in Liebenau (9. Januar 1939) und die Verlegung am 13. August 1940 aus Liebenau „nach unbekannt“ an (in eckige Klammern war damals vermerkt: Zwiefalten). Weiter wurde als Geburtsname „Schöllhorn“ angegeben und ihre Mutter namentlich genannt („Walburga Schöllhorn, ledig“). Dass Theresia Steinhauser verheiratet war (und auch Walburga) und sogar Kinder hatte, war Josef H. Friedel im Jahre 2007 bei seiner Anfrage noch nicht bekannt gewesen.
Der Zwischenhalt in Zwiefalten sei zur Tarnung eingelegt worden, erläuterte Friedel den Vorgang in einem Gespräch viele Jahre später, am 23. 5. 2018, als ich meine Recherchen wieder aufnahm. Josef Friedel, der die Schicksale aller 501 Liebenauer Mordopfer untersucht hat, hatte inzwischen herausgefunden, wann Theresia Steinhauser aus Kißlegg / Brugg in Grafeneck vergast wurde: Es war am 30. August 1940.
Schmieds Rese
Werfen wir den Blick zurück auf die 1920er-Jahre, als „Schmieds Rese“ eine junge Frau war, als sie noch in Brugg lebte.
Es gibt zwei schriftliche Schilderungen, in denen Theresia Schöllhorn (später Steinhauser) – „Schmieds Rese“ – eine Rolle spielt. Im einen Fall geht es um die Fahnenweihe des Arnacher Veteranenvereins am 29. Juli 1923, im anderen Fall um ein Radfahrerfest in Arnach im Mai 1929.
Im Kirchenanzeiger für die Woche vom 7. bis 14. August 1977 zitiert Pfarrer Ludwig Segmiller (1910 – 1995) aus der Pfarrchronik; dabei wird Theresia Schellhorn-Räth erwähnt, die als 18-Jährige ein Fahnenband beim Fest am 29. Juli 1923 überreichte. Die entsprechende Passage lautet wie folgt: „Emma Weiland von Rahmhaus hat die Fahne übergeben, Xaver Fackler als Fahnenträger hat sie übernommen, Theresia Schellhorn-Räth (in dieser Schreibweise; Anm. d. DBSZ-Red.) von Brugg hat ein Fahnenband überreicht, alle drei unter entsprechenden Ansprachen. Keines ist dabei steckengeblieben.“
Hermann Haiss gibt in seiner Arnach-Chronik den Zeitungsartikel vom 30. Juli 1923 im Wortlaut wieder. Darin heißt es unter anderem (zitiert auf Seite 58 der Haiss-Chronik): „Mit einem Hoch auf unser teures Vaterland fand die feierliche Fahnenübergabe ihr Ende. Nun begaben sich die Fahnenträger und Fahnenrotten mit all ihren Fahnen zum Heldengrab auf den Friedhof, woselbst nach einem ergreifenden Trauerliede Herr Xaver Räth Brugg in ernsten, tief empfundenen Worten all der Helden gedachte, denen es nicht mehr vergönnt sein sollte, in die Heimat zurückzukehren. 52 Namen aus der Gemeinde weist der Gedenkstein auf, zu deren ehrendem Gedenken sich alsdann die Fahnen senkten, ein Kranz niedergelegt und eine der Festdamen ein die gefallenen Helden ehrendes Gedicht wirkungsvoll zum Vortrag brachte.“
Über das Radfahrerfest von 1929 berichtet der „Anzeiger von Wurzach“ ausführlich. In einer auf den 27. Mai 1929 datierten Meldung – das Fest war am 26. Mai – heißt es: „Dann folgte die Übergabe der neuen Standarte durch einen von Fräulein Theresia Räth aus Brugg gesprochenen Prolog.“

Ausriss aus dem Zeitungsartikel vom 27. Mai 1929. Repro: RR

Inserat des Radfahrer-Vereins Arnach, veröffentlicht im „Anzeiger von Wurzach“ im Mai 1929. Repro: RR
Xaver Räth, Theresias Ziehvater, war beim Arnacher Radfahrerverein Ehrenvorstand. Als Schmied hat er Fahrräder gewartet, wahrscheinlich auch einen Handel betrieben.
Ob die von Xavers Frau Walburga in die Ehe mitgebrachte Theresia von ihm adoptiert war, wird aus den in Arnach vorliegenden Schriftstücken nicht deutlich. Im Zeitungsartikel vom 27. Mai 1929 heißt sie „Fräulein Theresia Räth“. Die Pfarrchronik nennt sie „Theresia Schellhorn-Räth“. Im Familienregister der Gemeinde Arnach wird ihr Name in der Spalte neben dem Eheschließungsvermerk (21. 2. 1930) mit „Theresia Schellhorn“ angegeben. Im Datenblatt der Liebenau, vorgelegt in Bad Wurzach 2007, wird sie mit „Steinhauser geb. Schöllhorn, Theresia“ geführt. Man kann wohl von einer Ziehvaterschaft ausgehen.
Susanne Droste-Gräff (Stiftung Liebenau) hat uns am 8. Mai 2026 zwei Dokumente zu Theresia Steinhauser geb. Schöllhorn (1904 – 1940) zukommen lassen: das Datenblatt aus der 2009 herausgekommenen Dokumentation von Josef H. Friedel und ein Exzerpt aus der im Bundesarchiv liegenden vierseitigen Akte zu Theresia Steinhauser.
In dem auf Initiative von Prof. Dr. Otto Schmidt-Michel (ehemals Ärztlicher Direktor des ZfP, inzwischen verstorben) ums Jahr 2016 zustandegekommenen Exzerpt heißt es unter anderem: „Theresia Steinhauser kam am 9. Januar 1939 von der Heilanstalt Weißenau, in welcher sie sich seit 9. August 1933 befand, im Alter von 35 Jahren in die Pfleg-Anstalt Liebenau. Aus dem ärztlichen Attest geht hervor, dass sie an einem psychomotorischen Syndrom leidet. Sie ist verheiratet und hat, nach ihren eigenen Angaben, zwei Kinder, was aber aus der Akte nicht ersichtlich ist. Sie ist gern für sich und beschäftigt sich im Nähzimmer. Sie ist zeitlich nicht orientiert, ist deprimiert und hat immer wieder Wahnideen.“
Aus mündlicher Überlieferung (Theresia Reischmann) wussten wir, dass Theresias Tochter Lydia 1930 oder 1931 auf die Welt kam und dass die zweite Tochter, Emma, „jünger“ war. Das heißt: Die beiden Kinder waren ganz klein, als die junge Mutter im August 1933 nach Weißenau kam. Und nie mehr zurückkehrte.

Datenblatt Theresia Steinhauser, entnommen der Friedel-Dokumentation von 2009 (S. 449). In dieser zwei Jahre nach der Anfrage in Bad Wurzach (10. April 2007) veröffentlichten Dokumentation war das Datenblatt ergänzt worden um den Familienstand – Friedel hatte inzwischen herausgefunden, dass Theresia Steinhauser verheiratet war – und um weitere entscheidende Fakten: dass Theresia vor ihrem Aufenthalt in Liebenau – ab 9. Januar 1939 – in Weißenau war. Vor allem aber wusste er nun, wie es nach dem Zwischenaufenthalt in Zwiefalten – dort kam Theresia Steinhauser am 13. August 1940 an – weiterging: Am 30. August 1940 wurde Theresia Steinhauser von Zwiefalten abtransportiert und noch am selben Tag in Grafeneck in den Tod geschickt.

Familie Räth um 1930. Das Bild zeigt von links nach rechts Walburga Räth (1879 – 1938), Xaver Räth (gest. 1942), Emma Räth (später Engler, 1919 – 1992), Konrad Räth (1907 – 1975), Theresia Schöllhorn (1904 – 1940) und Franz Xaver Räth (1911 – 1982). Repro: Jautz
Walburga Räth geb. Schöllhorn, die Mutter der ermordeten Theresia Steinhauser, war 1907 nach Brugg gekommen, hatte den Schmiedmeister Xaver Räth geheiratet. Sie war damals 27 Jahre alt. Gebürtig war sie von Talacker, war anno 1879 in dem zu Seibranz gehörenden Weiler auf die Welt gekommen. Die Einweisung ihrer damals knapp 29-jährigen Tochter Theresia im August 1933 nach Weißenau hat sie natürlich registriert; den gewaltsamen und frühen Tod von Theresia Steinhauser musste sie nicht mehr erleben; Walburga starb bereits 1938, keine 60 Jahre alt. Den zwei kleinen Töchtern von Theresia hatte sie immer wieder mal unbeschwerte Ferientage in Brugg geschenkt. Davon zeugt das Foto im Album von Theresia Reischmann (entstanden 1935).
Der Ami-Schlitten
Was ist aus Lydia und Emma, Theresia Steinhausers Kindern, geworden? Theresia Reischmann wusste, dass die erwachsene Lydia mit einem Mann namens Jautz verheiratet hat und dass die beiden in Kißlegg geschäftlich sehr erfolgreich waren. Das bestätigte Gebhard Räth am 17. Mai 2026.
Gebhard, geboren 1946, ein Enkel von Xaver Räth (gest. 1942), wusste Manches von Lydia und ihren Kindern zu erzählen, die in den 1950ern und 1960ern immer wieder nach Brugg kamen zu Räths. Die große Familie Jautz – Lydia und ihr Mann Egon hatten elf Kinder – besuchte vor allem auch Englers in Arnach-Piusses; die dortige Bäuerin Emma Engler (1919 – 1992) war eine geborene Räth, war als einzige Tante mütterlicherseits wohl die „Gotta“ von Lydia und deren Schwester Emma, die nach der Tante benannt war.
Gebhard Räth war als Bub mächtig beeindruckt von einem großen „Ami-Schlitten“, den Egon Jautz (1925 – 2004) fuhr. Der hatte mit seiner Mäuse- und Meerschweinchenzucht für medizinische Zwecke großen geschäftlichen Erfolg. Der Betrieb, bei Bärenweiler gelegen, ist längst eingestellt, aus der Stallung sind Wohnungen geworden.

Die Fahrzeuge der Familie Jautz zu Zeiten des Wirtschaftswunders. Repro: Familie Jautz
Das Recherche-Gespräch bei Gebhard auf dem Bänkle in Teuses beflügelte den Reporter. Gleich am Tag danach machte er Jautz in Kißlegg ausfindig und konnte ein Treffen vereinbaren. Kurt Jautz öffnete beim Besuch in Bärenweiler am 26. Mai 2026 bereitwillig seine Alben und gab Einblick in genealogische Aufzeichnungen. Und er hatte ein Schriftstück vorbereitet, das Lebensdaten zu Theresia Steinhauser und ihren Kindern Rosa Lidwina (gerufen Lydia) und Emma sowie eine Danksagung zur Straßenbenennung in Arnach enthält. Demnach war der Geburtstag seiner Mutter Lydia Jautz geb. Steinhauser der 16. Juni 1930 (was die Äußerung von Theresia Reischmann bestätigt). Zudem übergab uns Kurt Jautz ein Schreiben seiner Schwester Ingeborg Hörner (geb. 1951), die in den 1980er-Jahren Grafeneck aufgesucht hat, jenen Ort, wo Lydias Mutter (Ingeborgs Großmutter) am 30. August 1940 vergast wurde.

Kurt Jautz (geb. 1953) gab bereitwillig Auskunft über Theresia Steinhauser (1904 – 1940) und vor allem über Theresias Tochter Lydia Jautz (1930 – 2019), seine Mutter. Foto (2026): Gerhard Reischmann
„… wo ihr Leben endete“
Ingeborg Hörner (Enkelin von Theresia Steinhauser) schreibt unter anderem: „Meine Geschwister und ich wissen sehr wenig über unsere Oma. Wir kannten sie nicht und es wurde in unserer Kindheit auch nicht über sie gesprochen, denn es gab ja eine ,Oma‘ auf Mutters Seite, die zweite Frau meines Opas Alfred Steinhauser. (…) Erst als in den 1980er-Jahren das Wiedergutmachung-Programm für Betroffene des NS-Regimes in Gang kam und meine Eltern sich ebenfalls um Wiedergutmachung bemühten, habe ich zum ersten Mal von Grafeneck gehört und was dort in den Kriegsjahren passiert ist. Ich selbst habe diesen Ort und die Gedenkstätte auf dem Areal des derzeitigen Samariterstiftes aufgesucht und dort auch den Namen Theresia Steinhauser, meiner Oma, in einem gut geschützten und ausziehbaren Buch gefunden. Auf diesem idyllisch gelegenen Areal unterhalb der Burg Grafeneck hat also das Leben meiner Oma ein trauriges Ende gefunden, obwohl sie laut einem Schreiben meiner Eltern nie an einer unheilbaren geistigen Erkrankung litt und seinerzeit wegen eines Nervenzusammenbruchs vom Hausarzt angeblich nur kurzfristig in die Pflegeanstalt Liebenau (richtig: Weißenau; Anmerkung der DBSZ-Red.) eingewiesen wurde. Dort begann dann ihr Leidensweg. Wann genau, weiß ich nicht (1933; Anmerkung der DBSZ-Red.). Laut eines Schreibens, das mein Opa von der Pflegeanstalt Liebenau bekommen hat, wurde sie am 13. August 1940 auf Veranlassung des württembergischen Innenministeriums in die Heilanstalt Zwiefalten und im selben Monat, am 30. August 1940, nach Grafeneck verlegt, wo ihr Leben am 13. September 1940 endete.“
Den Erkenntnissen des Liebenauer Euthanasie-Forschers Josef Friedel zufolge war der Ankunftstag, der 30. August 1940, auch der Todestag; die Todgeweihten seien unmittelbar nach der Ankunft in Grafeneck ins Gas geschickt worden (Anm. d. DBSZ-Red.).
Weiter schreibt Ingeborg Hörner: „Am 1. Oktober 1940 bekam mein Opa Alfred Steinhauser dann die Nachricht von der Landespflegeanstalt Grafeneck, dass seine Frau Theresia Steinhauser nach einer Splitter-Verletzung am Finger mit anschließender Wundinfektion und Blutvergiftung verstorben sei. Aus seuchenpolizeilichen Erwägungen heraus sei sie am 13. September 1940 sofort eingeäschert worden.“
Wie heute bekannt, war die Information über die Umstände des Sterbens eine Lüge. Es gab in Grafeneck eine Abteilung, die die wahrheitswidrigen Trostbriefe in Serie fertigte (vgl. Josef H. Friedel: „Gegen das Vergessen – Die NS-Verbrechen an Menschen der Stiftung Liebenau“, Meckenbeuren 2008, S. 34). Der Todestag von Theresia Steinhauser wurde vom Sonderstandesamt Grafeneck willkürlich auf den 13. September 1940 gelegt.
In einem Telefon-Gespräch am 29. Mai 2026 nannte Ingeborg Hörner die Entschädigungssumme, die ihre Mutter Lydia Jautz mit Schreiben vom 25. Oktober 1990 – 50 Jahre nach der vom NS-Staat veranlassten Tötung ihrer Mutter Theresia Steinhauser – von der Bundesrepublik Deutschland zugesagt bekam: 5000 DM.

Das Gedenkbuch in Grafeneck. Foto: Herbert Eichhorn.
Theresia Steinhausers große Nachkommenschaft
Theresia Schöllhorn aus Brugg (geb. am 9. September 1904, ermordet am 30. August 1940) heiratete am 25. Februar 1930 in Kißlegg den Bahnbediensteten Alfred Steinhauser (1905 – 1960).

Die Hochzeitskarte von 1930 belegt eindeutig die (in den zitierten Dokumenten schwankende) Schreibweise von Theresias Nachnamen: Sie hieß Schöllhorn, nicht Schellhorn. In der Karte wird Theresia („Rese“) als „Tochter des Schmiedmeisters Räth“ bezeichnet; Ingeborg Hörner aber nannte ihn im Schriftstück vom 26. Mai 2026 „Stiefvater“ und die drei Räth-Kinder „Stiefgeschwister“. Repro: Jautz

Das Hochzeitsbild von Theresia und Alfred Steinhauser. Sie heirateten am 25. Februar 1930 in Kißlegg. Repro: Jautz
Am 16. Juni 1930 erblickte Rosa Lidwina, genannt Lydia, das Licht der Welt. Am 18. April 1932 wurde Emma geboren. Am 9. August 1933 wurde die junge Mutter nach Weißenau eingewiesen, am 9. Januar 1939 von dort in die Pfleg-Anstalt Liebenau verlegt. Am 13. August 1940 wurde Theresia Steinhauser nach Zwiefalten deportiert und von dort am 30. August 1940 abgeholt und noch am selben Tag in Grafeneck vergast. Sie wurde nicht einmal 36 Jahre alt.
Ausweichende Antworten, ein verlogener Trost
Alfred Steinhauser, Theresias Ehemann, muss im August oder September 1940 in Liebenau und dann in Zwiefalten nach dem Verbleib seiner Frau gefragt haben, offenbar schriftlich. Die Antworten waren ausweichend.
Am 16. September 1940 bekam Alfred Steinhauser ein Schreiben aus der Pflege-Anstalt Liebenau mit diesem Wortlaut: „Auf Ihr Schreiben teilen wir mit, dass Frau Theresia Steinhauser nicht mehr bei uns ist. Sie kam am 13. 8. 40 mit einem größeren Transport von uns weg nach Zwiefalten. Ob sie noch dort ist, wissen wir nicht. Sie war bei uns ganz ordentlich und ruhig. Wir haben sie ungern weggegeben. Die Verlegung erfolgte auf Veranlassung des Innenministeriums in Stuttgart. Mit bestem Gruß, Dir. Wilhelm.“

Unterzeichnet ist das Schreiben von Direktor Wilhelm. Josef Wilhelm, Leiter der Liebenau von 1911 bis 1953, war ein katholischen Priester, der als NS-kritisch gilt. Euthanasie hat er nachweislich in einem Fragebogen im Jahre 1939 als „bestialisch“ und als „Barbarei“ bezeichnet. In den Jahren 1940 und 1941, beginnend am 1. Juli 1940, wurden insgesamt 501 Menschen, zumeist geistig behinderte, aus Liebenau und der Nebenstelle Rosenharz abtransportiert. Theresia Steinhauser saß am 13. August 1940 in einem der Busse, die stets leer zurückkamen. Sie war also bei den ersten Transporten dabei. Das Ziel Zwiefalten, der örtliche Euthanasie-Forscher Josef Friedel führte das im Gespräch am 23. 5. 2018 aus, diente der Tarnung. Inwiefern Liebenau-Direktor Josef Wilhelm im August 1940, zu Beginn der Transporte, wusste oder ahnte, welches Schicksal die Weggebrachten ereilen wird, können wir nicht beurteilen. Die Formulierung „Wir haben sie ungern weggegeben“ ist möglicherweise eine verklausulierte Form des Protestes. Auffällig ist, dass der Direktor der kirchlichen Einrichtung bei einem dienstlichen Schreiben nicht mit „Heil Hitler“ grüßt. – Zwecks besserer Lesbarkeit haben wir das Dokument auch im PDF-Format unter dem roten Download-Balken in der rechten Spalte hinterlegt.
Am 23. September 1940 bekam Alfred Steinhauser diese Antwort von der Heilanstalt Zwiefalten: „Theresia Steinhauser, geboren 9. 9. 1904, war nur vorübergehend hier untergebracht und musste vor einiger Zeit (handschriftlich ergänzt: am 30. 8. 1940) auf Anordnung des württembergischen Innenministeriums zusammen mit anderen Kranken in eine andere Anstalt verlegt werden, um die Heilanstalt Zwiefalten für andere Zwecke freizuhalten. Da die endgültige Verteilung der Kranken vom Innenministerium geregelt wird, ist uns nicht bekannt, in welche Anstalt Frau Steinhauser gekommen ist. Es besteht jedoch die Abmachung, dass die Aufnahmeanstalt die Angehörigen von der endgültigen Unterbringung verständigen soll. Wir bedauern, Ihnen keine Auskunft geben zu können. Heil Hitler!“

Ein Dokument der Lüge: Als dieses Schreiben aufgesetzt wurde, war Theresia Steinhauser schon tot. Dass der Direktion der Heilanstalt Zwiefalten „nicht bekannt (war), in welche Anstalt Frau Steinhauser gekommen ist“, ist völlig unrealistisch. Zwiefalten war als Zwischenstation Teil des Vertuschungssystems, führte Josef Friedel am 23. 5. 2018 aus. – Zwecks besserer Lesbarkeit haben wir das Dokument auch im PDF-Format unter dem roten Download-Balken in der rechten Spalte hinterlegt.
Am 1. Oktober 1940 bekam Alfred Steinhauser von der Landes-Pflegeanstalt Grafeneck Nachricht von Ableben seiner Frau. Darin heißt es: „ … müssen wir zu unserem Bedauern mitteilen, dass Theresia Steinhauser, die am 30. August auf Anordnung des Reichsverteidigungskommissars im Rahmen von Maßnahmen, die durch den Krieg bedingt sind, zu uns verlegt werden musste, hier am 13. September nach einer Splitterverletzung am Finger mit anschließender Wundeinfektion und Blutvergiftung verstorben ist.“

Der „Trostbrief“ aus Grafeneck vom 1. Oktober 1940. Zwecks besserer Lesbarkeit haben wir das Dokument auch im PDF-Format unter dem roten Download-Balken in der rechten Spalte hinterlegt.
Die drei Schreiben waren alle an eine Adresse in Rottweil adressiert; der Bahnbedienstete Alfred Steinhauser war seinerzeit offenbar im Raum Rottweil tätig.
Lydia und Emma
Die zwei Töchter waren bei der Einweisung der Mutter im August 1933 drei Jahre beziehungsweise eineinviertel Jahre alt. Wie der junge Vater seine zwei kleinen Töchter durchbrachte, darüber konnte Kurt Jautz bei unserem Gespräch am 26. Mai 2026 nichts sagen. Zwar heiratete Alfred Steinhauser ein zweites Mal, aber sicherlich nicht vor 1940. Josefine Alple – jene Oma, von der Ingeborg Hörner Erinnerungen hat – war acht Jahre älter als Alfred. Geboren 1897, hatte sie ihren ersten Mann im Ersten Weltkrieg verloren. Von ihrem zweiten Mann namens Alple hatte sie sechs Kinder. Der Mann starb durch Eisenbahnunfall.
Ein Hochzeitsdatum von Alfred und Josefine ist der Familie Jautz nicht bekannt. Wenn die Heirat 1940, eher 1941 war – nach dem Tod Theresias – dann war jene Josefine die Ziehmutter von Lydia und Emma.
Vielleicht waren Alfred und Josefine zuvor schon zusammen. Alfred hatte offenbar früh schon den Glauben daran verloren, dass Theresia aus der Heilanstalt Weißenau zurückkommt, denn am 2. März 1935 kam ein unehelicher Sohn zur Welt.
Aus der Ehe mit Josefine, die bei der Eheschließung schon in ihren Vierzigern war, gibt es keine Kinder.

Alfred Steinhauser als Motorradfahrer. Undatierte Aufnahme (wohl 1930er-Jahre). Repro: Jautz

Lydia Steinhauser. Undatierte Aufnahme. 1940er-Jahre (schätzungsweise 1947). Repro: Jautz

Lydia (rechts) vor dem Bahnwärterhaus in Mühlhausen (bei Schwenningen). Undatierte Aufnahme. 1940er-Jahre (schätzungsweise 1947). Repro: Jautz
Lydia, die ältere Tochter unserer Theresia Steinhauser, heiratete, noch keine 18 Jahre alt, am 3. April 1948 den aus dem Bregenzerwald stammenden 23-jährigen Egon Jautz. Die Hochzeit fand in Mühlhausen bei Schwenningen statt, wo Vater Alfred bei der Bahn Dienst tat. Der Ehe von Lydia und Egon entstammten elf Kinder.

Lebensfreude pur: Lydia und Egon in der Fasnet 1948. Foto bei Jautz, Repro: RR

Lydia und Egon am Genfer See. 1950. Foto bei Jautz, Repro: RR
Emma, Theresias jüngere Tochter, heiratete nach Trossingen, hatte zwei Kinder und fünf Enkel.
Lydia starb am 15. Februar 2019, Emma am 18. Oktober 2019.
Theresia Steinhauser, die mit knapp 36 Jahren in Grafeneck ihr Leben verlor, hat eine große Nachkommenschaft: Sie ist Stamm-Mutter von 13 Enkeln und 26 Ur-Enkeln (plus 23 Ur-Ur-Enkel von Lydias Seite).

Das Bild von der großen Jautz-Nachkommenschaft der 1940 in Grafeneck ermordeten Theresia Steinhauser findet sich auf einem Becher bei Kurt Jautz, einem der vielen Enkel von Theresia. Im Zentrum Egon, rechts neben ihm – in rosa – Theresias Tochter Lydia. Foto: Gerhard Reischmann
Quellen, Anmerkungen
Josef H. Friedel: „Gegen das Vergessen – Die NS-Verbrechen an Menschen der Stiftung Liebenau“, herausgegeben vom Kulturkreis Meckenbeuren e. V. (Arbeitskreis Heimatgeschichte), Meckenbeuren 2008 (im Folgenden Friedel 1), und Josef H. Friedel: Gegen das Vergessen – Die NS-Verbrechen an Menschen der Stiftung Liebenau. Teil 2: Dokumente zum Euthanasiegeschehen. Meckenbeuren 2009; hrsg. v. Kulturkreis Meckenbeuren e.V. (Arbeitskreis Heimatgeschichte), Reihe Materialien zur Ortsgeschichte Meckenbeuren, Heft 7, S. 449.
Arnacher Kirchenblatt (August 1977). Dort gibt Pfarrer Ludwig Segmiller (1910 – 1995) eine Eintragung in die Pfarrchronik wieder (zur Fahnenweihe 1923). Hier hinterlegt unter einem roten Download-Balken in der rechten Spalte.
Hermann Haiss: Stoffsammlung für den heimatkundlichen Unterricht (unveröffentlichtes Typoskript, 1931). Auf den S. 57 bis 59 gibt Haiss einen Zeitungsartikel wieder; es ist eine detaillierte Schilderung der Fahnenweihe von 1923, die den patriotischen Geist jener Zeit lebendig wiedergibt.
„Anzeiger von Wurzach“, Bericht vom 27. Mai 1929 über das Arnacher Radfahrerfest 1929. Einen Abschnitt aus diesem ausführlichen Artikel zum 25-jährigen Bestehen das Radfahrer-Vereins Arnach haben wir im PDF-Format unter dem roten Download-Balken in der rechten Spalte hinterlegt. Vorstand war 1929 Posthalter Bernhard Gapp. Xaver Räth, vermutlich der Gründungsvorstand, war Ehrenvorstand. 1929 lebten noch fünf Gründungsmitglieder: neben Xaver Räth waren dies die Ehrenmitglieder Josef Fenker, Albert Gut (war auf dem Hof Bauernhanser zu Hause, trieb den Hof Glasers oberhalb von Geboldingen um), Josef Jäger und Leonhard Lerch (1881 – 1959, war Amtsbote und Totengräber). 1929 wurden für 20-jährige Mitgliedschaft Schultheiß Xaver Vogt (gest. 1934), Alois Kiechle (Schlesis, gest. 1974) und Josef Kling (Brugg, 1891 – 1981) zu Ehrenmitgliedern ernannt. Nebenbei: Die erste Radfahrerin Arnachs war Josefine Ringer (Balthases, geborene Engler vom Hof „Piusses“, 1897 – 1966); ob sie Mitglied im Arnacher Radfahrer-Verein war, ist dem Verfasser nicht bekannt (der Verein war wohl eine Männer-Domäne)
Bundesarchiv Berlin, Bestand Nr. 179, Nr. 3797, 4 maschinengeschriebene Seiten (Angabe von Susanne Droste-Gräff, Liebenau)
Grundlage dieses Artikels sind neben den zitierten Schriftstücken Gespräche mit Theresia Reischmann (1926 – 2023), geführt und dokumentiert im Jahre 2007, sowie mit Gebhard Räth (geb. 1946), Kurt Jautz (geb. 1953) und Ingeborg Hörner geb. Jautz (geb. 1951), alle geführt 2026.
Gerhard Reischmann: Menschenskinder – Notizen aus Oberschwaben, 270 S., Lindenberg 2007 (2. Auflage 2008). Die Euthanasie-Fälle Theresia Steinhauser (1904 – 1940) und Theresia Maurer (1896 – 1940, ebenfalls aus Arnach) sind hier erwähnt auf den Seiten 11, 234 und 248.

„Es tut uns aufrichtig leid …“ Einer der wahrheitswidrigen Trostbriefe wird als Faksimile bei Friedel 1 auf S. 34 wiedergegeben. Mit solchen Fakes versuchten die Organisatoren, die von der Berliner Dienststelle Im Tiergarten 4 (T4) aus gesteuerte staatliche Mordaktion zu vertuschen. Grafeneck war Teil eines reichsweiten Tötungssystems, dem in den Jahren 1940 / 1941 etwa 70.000 Menschen zum Opfer fielen. In der Bevölkerung gab es bald Zweifel an den amtlichen Darstellungen. In der Familie des Autors dieses Artikels ist die Bemerkung von Kreszentia Kling (1899 – 1984, Brugg) überliefert: „D’r Hitler macht d‘ Irra-Heis’r leer. Ab’r dia wachset alle nooch.“ Es kann sein, ist meines Erachtens sogar wahrscheinlich, dass diese Äußerung gemacht wurde, als in Brugg der Tod Theresias bekannt wurde. Bischof Galen in Münster protestierte im Juli und August 1941 in drei mutigen Predigten gegen die Untaten. Obwohl die NS-Diktatur damals – 1941, zu Zeiten großer Erfolge im Krieg – auf dem Gipfel ihrer Macht war, wurde das T4-Morden 1941 eingestellt. Scan von Susanne Droste-Gräff. Diesen Trostbrief haben wir ebenfalls unter dem roten Download-Balken in der rechten Spalte hinterlegt – direkt unter dem Trostbrief, den Alfred Steinhauser erhalten hat. Man erkennt ein Grundmuster des Lügens. Die Unterstreichung stammt vom Verfasser dieses Artikels.

Das Entschädigungsschreiben vom 25. Oktober 1990. Zwecks besserer Lesbarkeit haben wir das Dokument auch im PDF-Format unter dem roten Download-Balken in der rechten Spalte hinterlegt.

Schreiben von Lydia Jautz vom 8. Dezember 1987 zur Erkrankung ihrer Mutter Theresia Steinhauser. Zwecks besserer Lesbarkeit haben wir das Dokument auch im PDF-Format unter dem roten Download-Balken in der rechten Spalte hinterlegt.

Der Brugger Erntedank-Wagen von 1935. Der Erntedank war im Dritten Reich ein staatlich propagiertes Fest. Der aufwändig bekränzte Wagen trägt an der Spitze des Kranz-Baldachins einen Hakenkreuz-Wimpel. Der Wagen ist damals im „Unterg’richt“ – so nannte man von alters her den Bezirk Brugg-Geboldingen – von Haus zu Haus gefahren. Auf dem Wagen machte Maria Gut („Baurahansers Marie“), später Schwiegertochter von Xaver Räth, Apfelküchle für die Leute am Weg (berichtet von Theresia Reischmann). Anderntags feierten die Brugger Kinder – darunter Lydia Steinhauser – ihren „Erntedank“. Die Herkunftsfamilie von Theresia Steinhauser stand der neuen Ideologie aufgeschlossen gegenüber; Ziehvater Xaver und Theresias Halbbruder Konrad waren Pg.; Xaver saß im gleichgeschalteten Arnacher Gemeinderat. – Das Foto wurde Gerhard Reischmanns Buch „Menschenskinder – Notizen aus Oberschwaben“ entnommen (Lindenberg 2007 und 2008), S. 234.

Blatt im Gedenkbuch von Grafeneck. Theresia Steinhauser ist eines von 10.654 Opfern, die ihr Leben in der Tötungsanstalt auf der Schwäbischen Alb verloren, ausgelöscht als „Lebensunwerte“, wie es in der Sprache der Täter hieß. Foto: Herbert Eichhorn
Recherchiert und aufgeschrieben von Gerhard Reischmann







