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Interview mit dem Energiesparer Carsten Herbert

„Wir sind schon mittendrin in der Wärmewende“

Foto: VB Kühl
Er wirbt mit gewinnenden Worten für die Wärmewende: Carsten Herbert.
veröffentlicht am: 15.04.2026
Autor: Erwin Linder / Carsten Herbert
Lesedauer: ca. 12 Minuten

Wangen – Die Wärmewende kommt. Auch in Wangen. Damit die Wangener sich bestens informieren können, hat die Verwaltung den „Energiesparkommissar“ Carsten Herbert zu einem Impulsvortrag eingeladen. Am Donnerstag, 23. April, um 18.00 Uhr können Sie ihn live auf der Bühne im ERBA-Baumwolllager erleben. Die Bildschirmzeitung (DBSZ) hat schon vorab mit ihm gesprochen. Hier die wichtigsten Wahrheiten um die Wärmewende und die Wärmepumpe.

DBSZ: Herr Herbert, Sie werden oft als „Energiesparkommissar“ bezeichnet – wie kam es zu diesem Titel?
Carsten Herbert: Als ich 2020, während Corona, nach 16 Jahren Energieberatung, anfing, mein Expertenwissen über YouTube zu teilen, stellte sich die Frage nach einem griffigen Namen für den Kanal. Da ich die Domain www.energiesparkommissar.de bereits einige Jahre reserviert hatte, ohne zu wissen, was ich damit mal anfangen soll, war die Idee geboren: Der Energiesparkommissar, das ist der perfekte Name. Und dann ist er vom Kanal recht schnell auf mich übergegangen und wurde so zu meinem Künstlernamen.

DBSZ: Was ist aus Ihrer Sicht aktuell das größte Missverständnis in der Diskussion um die Wärmewende?
Herbert: Viele würden jetzt vielleicht sagen, dass es der Mythos ist, dass eine Wärmepumpe nur mit einer Fußbodenheizung funktioniert, was nicht stimmt. Das nenne ich jetzt aber nicht (lacht), da das eh schon fast jeder weiß. Ich würde sagen, das größte Missverständnis, das ist, dass eine Wärmepumpe immer sofort mehrere Zehntausend Euro kosten muss. Die kostengünstigste Möglichkeit, eine Wärmepumpe zum Heizen zu nutzen, ist der Einbau einer Klimaanlage. Die bekommt man schon ab 2500 € fertig eingebaut und man kann mit ihr sofort nennenswerte Mengen an fossiler Heizenergie einsparen.

DBSZ: Warum ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, sich mit dem eigenen Heizsystem zu beschäftigen?
Herbert: Ganz aktuell wird uns die Abhängigkeit von fossiler Energie mal wieder so richtig schmerzhaft bewusst. Jede Möglichkeit, sich dieser Abhängigkeit zu entledigen, ist erst mal willkommen. Die Wärmepumpe ist eine solche Möglichkeit. Aber anders als bei Öl- und Gasheizungen in der Vergangenheit ist es wenig sinnvoll, sich erst dann mit der Wärmepumpe zu beschäftigen, wenn die alte Heizung kaputt geht. Denn damit eine Wärmepumpe effizient arbeitet und lange lebt, muss sie gut geplant sein. Eine gute Vorplanung ist also zwingend erforderlich. Die braucht aber Zeit. Daher ist es speziell bei den Wärmepumpen ratsam, mit der Vorplanung anzufangen, lange bevor die alte Heizung raus muss. So ist man gut vorbereitet, wenn die alte Heizung den Geist aufgibt, und man muss keine überhasteten Entscheidungen treffen, die man hinterher bereuen würde.

DBSZ: Viele Hausbesitzer im Allgäu glauben, ihre Gebäude seien „nicht wärmepumpentauglich“ oder ein Altbau müsse immer komplett saniert werden, bevor sich eine Wärmepumpe lohnt. Stimmt das?
Herbert: Es gibt für jedes Haus, jede Lebenssituation, für alle erdenklichen Rahmenbedingungen immer eine passende Wärmepumpe. Damit die Wärmepumpe effizient arbeiten kann, müssen nur die Temperaturen, die zum Heizkörper geschickt werden, möglichst gering sein. Da wo der Heizkörper zu klein und die Temperaturen zu hoch sind, muss gegebenfalls der betroffene Heizkörper ausgetauscht werden. Wenn man dieser Strategie folgt, kann man jedes Haus wärmepumpentauglich bekommen.

DBSZ: Was sind die häufigsten Fehler, die bei Planung und Einbau von Wärmepumpen gemacht werden?
Herbert: Der größte und häufigste Fehler ist die Überdimensionierung der Wärmepumpe. Bei fossilen Heizungen war das der Standard. Damit es auch warm genug wird, machen wir die Heizung lieber etwas größer, sicher ist sicher. Bei den Fossilen hatte das auch keine wirklichen Nachteile, bei Wärmepumpen aber schon. Wer seine Wärmepumpe zu groß baut, verringert deren Effizienz und reduziert die Lebensdauer der Anlage.

DBSZ: Wie beurteilen Sie die oft gehörte Kritik an Effizienz und Stromverbrauch?
Herbert: Hinsichtlich der Effizienz gibt es an der Wärmepumpe tatsächlich überhaupt nichts zu kritisieren. Gäbe es eine Olympiade der Heizsysteme, wäre der Wärmepumpe der 1. Platz dauerhaft sicher. Nur ein Beispiel. Wenn wir in einer modernen Heizung durch das Verbrennen von Erdgas Wärme machen, dann kommt aus jeder Kilowattstunde, die wir reinstecken, nur rund 90 Prozent Wärme raus und zusätzlich das schädliche Klimagas CO2. Wenn wir dagegen in einer Wärmepumpe eine Kilowattstunde Strom reinstecken, kommen 3 bis 5 Kilowattstunden Wärme hinten raus. Der Olympiasieg der Heizsysteme ist also dauerhaft vergeben; an die Wärmepumpe.

DBSZ: Was wären Ihre drei wichtigsten Tipps für jemanden, der heute noch mit Öl oder Gas heizt?
Herbert: Wer noch eine funktionierende Anlage besitzt, die voraussichtlich noch mindestens fünf, zehn oder sogar 15 Jahre durchhält, dem empfehle ich, zusätzlich zur fossilen Anlage eine Luft-Luft-Wärmepumpe einzubauen. Wer diese Klimaanlagen vorrangig in den Hauptaufenthaltsräumen nutzt, kann sich schon heute zu einem Großteil unabhängig von der alten Gas- oder Öl-Heizung machen. Zusätzlicher Vorteil: Klimaanlagen können nicht nur sehr effizient heizen, sondern auch kühlen. Und die Kühlzeiten passen perfekt zu den großen PV-Stromerträgen im Sommer. Man entlastet daher beim Kühlen das Stromnetz, ganz egal ob der der Strom von der eigenen PV-Anlage kommt oder vom Nachbarn.

DBSZ: Welche Rolle spielen Heizkörper, Dämmung und Vorlauftemperatur konkret?
Herbert: Das besondere an einer Wärmepumpe ist, dass sie kein Wärmeerzeuger im eigentlichen Sinne ist. Wärmepumpen sind Wärmetransportsysteme. Sie können Wärme von einem Ort zu einem anderen Ort transportieren. Dafür benötigen sie Strom. Der Clou ist der, dass sie mit einer Kilowattstunde Strom eine viel größere Menge Wärme transportieren kann. Meist sind das zwischen drei bis fünf Kilowattstunden Wärme, die pro Kilowattstunde Strom transportiert werden können. Allerdings muss sich die Wärmepumpe umso mehr anstrengen, je höher die Temperatur ist, die sie bereitstellen soll. Es gibt also einen Zusammenhang zwischen der Vorlauftemperatur, also der Temperatur, die zum Heizkörper geschickt wird und der Effizienz. Je höher die Vorlauftemperatur, desto geringer ist die Effizienz und umgekehrt. Wer sein Haus dämmt, reduziert die erforderliche Vorlauftemperatur und steigert damit eben auch die Effizienz der Wärmepumpe.

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DBSZ: Viele schrecken vor den Investitionskosten zurück – wie rechnen sich Wärmepumpen aktuell wirklich?
Herbert: Von allgemeinen Rechnungen zur Wirtschaftlichkeit halte ich nichts. Beispielrechnungen passen immer nur für einen von zehn Fällen. Die Rahmenbedingungen für Wirtschaftlichkeitsberechnungen ändern sich gefühlt täglich. Kosten für Wärmepumpe, Preise für Strom/Gas/Heizöl und auch Förderbedingungen sind heute so und morgen so. Und dann kommen noch die projektbezogenen Rahmenbedingungen hinzu. Mit allgemeinen Rechnungen liegt man daher fast immer falsch. Beispiel: Luft-Luft-Wärmepumpen sind so günstig, da kommt keine Gasheizung mit. Nehme ich aber stattdessen eine Erdreich-Wasser-Wärmepumpe, dann kann ich mir zwei Gasheizungen dafür kaufen. Die Frage ist aber: Will ich das? Klar ist doch, die Wärmepumpe wird kommen, so oder so. Wir müssen uns mit ihr auseinandersetzen, ganz egal, was sie am Ende kostet. Denn wir wollen zu Hause nicht frieren, und das Ding macht unser Zuhause nun mal warm, ohne dass sich dadurch gleichzeitig die Erderwärmung beschleunigt.

DBSZ: Was sagen Sie jemandem, der auf sinkende Preise oder bessere Technik „warten“ will?
Herbert: Letztlich ist jeder selbst für sich und seine Entscheidungen verantwortlich. Ich habe mich als Energieberater nie in der Rolle gesehen, den Menschen etwas aufschwatzen zu wollen. Ich liefere nur Informationen und Fakten, um gute Entscheidungen treffen zu können. Was meine Beratungsempfänger dann aus meinen Informationen für Schlüsse ziehen, das ist dann deren Sache, nicht meine. Warten kann man allerdings nur, wenn man noch eine funktionierende Heizung hat. Geht die irgendwann kaputt, hat auch das Warten ein abruptes Ende.

DBSZ: Wie wichtig ist die Kombination aus Wärmepumpe und Photovoltaik?
Herbert: Mit einer Wärmepumpe kann ich die Wirtschaftlichkeit meiner Photovoltaikanlage erhöhen, da sich mein Eigenstromanteil erhöht, also der Teil des erzeugten Stroms, den ich nicht als Überschuss ins Netz einspeisen muss. Von daher passen die beiden Techniken sehr gut zusammen.

DBSZ: Sind unsere Stromnetze überhaupt bereit für eine flächendeckende Wärmewende?
Herbert: Genauso wie die Wärmepumpe nicht über Nacht in jedes Haus eingebaut wird, werden auch die Stromnetze und auch die Erneuerbaren Energien zur Stromerzeugung mit dem Voranschreiten der Wärmewende wachsen müssen. Für diese gesellschaftlich Aufgabe haben wir nun noch zwei Jahrzehnte Zeit; das ist zu schaffen. Dafür muss die Politik aber auch die Weichen stellen, um Investitionsbereitschaft zu schaffen. Die Bundespolitik macht da momentan ja nicht unbedingt als die Speerspitze der Erneuerbaren Energien auf sich aufmerksam. Aber seien wir mal ganz ehrlich, die Entwicklung unseres Landes hin zu einem Selbstversorgerland aus Erneuerbare Energien ist die einzig vernünftige. Die Menschen sind da längst einen Schritt weiter. Und das wird keine Bundesregierung der Welt aufhalten können.

DBSZ: Welche Rolle spielen kommunale Wärmeplanung und lokale Lösungen?
Herbert: Die Wärmenetze werden eine Rolle spielen, es wird aber eher eine kleine Nebenrolle sein, auch wenn das einige Akteure der Wärmeplanung anders sehen mögen. Wie groß die Rolle sein könnte, zeigt vielleicht ein kleines Beispiel, wie unwahrscheinlich es sein wird, dass die Wärmenetze eine nennenswerte Rolle spielen werden. Wenn ich in einem Wärmenetz-Eignungsgebiet liege und meine Heizung den Geist aufgibt, dann brauche ich sofort eine neue. Wenn zu diesem Zeitpunkt aber noch kein Wärmenetz vor meinem Haus liegt, wird es aus den oben genannten Gründen tendenziell eine Wärmepumpe sein. Daran ändert auch der Status meines Wohnquartiers als Eignungsgebiet in der kommunalen Wärmeplanung nichts. Wenn wir nun noch davon ausgehen, dass die ersten Wärmenetze voraussichtlich von heute an erst in zehn Jahren oder später in Betrieb gehen werden – denn solange wird man für Planung, Genehmigung, und Ausführung in den meisten Kommunen benötigen – dann ist die Hälfte der betroffenen Häuser schon mit einer Wärmepumpe ausgestattet. Die Wirtschaftlichkeit der Wärmenetze wird aber standardmäßig mit einer Anschlussquote von 70 Prozent gerechnet. Das bedeutet, für die verbliebenen Wärmenetzkunden: Die Wärme aus dem Netz wird verdammt teuer, noch teurer als die Wärme in den bereits bestehenden Wärmenetzen, und die war schon alles andere als billig. Die Rolle der kommunalen Wärmeplanung wird nach meiner Einschätzung im ländlichen Raum verschwindend gering sein.

DBSZ: Welche besonderen Herausforderungen oder Chancen sehen Sie für die Wärmewende im Allgäu und funktionieren Wärmepumpen auch zuverlässig bei den typischen Wintertemperaturen in der Region?
Herbert: Die klimatischen Bedingungen im Allgäu ändern nur die Ergebnisse der Wärmepumpen-Vorplanung. So werden die erforderlichen Heizkörper größer sein, als die im Mittelrheingraben. Aber da die Heizkörper wegen klimatischen Bedingungen auch früher schon größer sein mussten als am Rhein, werden im Allgäu nicht mehr Heizkörper ausgetauscht werden müssen als anderswo.

DBSZ: Was müsste politisch oder gesellschaftlich passieren, damit die Wärmewende schneller gelingt und wo stehen wir Ihrer Einschätzung nach in zehn Jahren?
Herbert: Eine Sache passiert gerade, ohne dass die Bundespolitik sich eingemischt hat. Die fossile Energie ist teuer wie nie und die erneuerbaren sind so billig wie nie. Und der Kostenverfall bei den Erneuerbaren ist noch nicht zu Ende. Der geht noch immer weiter, und zwar exponentiell. Weltweit boomen die Erneuerbaren Energien. Dadurch werden sie immer billiger. In wenigen Jahren werden wir nicht mehr darüber nachdenken, ob eine PV-Anlage oder ein Stromspeicher sinnvoll ist. Dann werden diese Dinge so normal wie der Kühlschrank in der Küche. Und wissen sie, was die Politik macht, während all das passiert? Die konservative Parteienlandschaft schaut derweil zu und wundert sich, wie all das passieren konnte, wo man doch alles drangesetzt hat, diese Entwicklungen zu verhindern. Die ist aber nicht mehr zu verhindern. Wir sind schon mittendrin in der Wärmewende.

DBSZ: Was motiviert Sie persönlich, sich so intensiv für dieses Thema einzusetzen?
Herbert: In den 1990ern habe ich Bauingenieurwesen studiert und wusste aber schnell, dass das für mich nichts ist. Ich konnte mir nicht vorstellen, Bauingenieur zu sein. Das und meine private Situation haben mich damals in eine Lebenskrise gestürzt. Erst das Thema Energie, das ich damals für mich entdeckte, hat mich aus dieser Krise herauskommen lassen. Seitdem ist es für mich mein stetiger Motivator. Und das positive Feedback der vielen Menschen, denen ich bisher schon helfen konnte, sind mein tägliches Doping.

DBSZ: Wenn Sie einem Hausbesitzer in Wangen nur einen einzigen Rat geben dürften – welcher wäre das?
Herbert: In jedem Haus stecken Einsparpotenziale, die man mit einfachen Maßnahmen ohne oder mit nur geringen Kosten heben kann. Mein Rat ist: Nutzen sie die Potenziale der sogenannten „low hanging fruits“ – der niedrig hängenden Früchte. Allein mit diesen kann man in seinem Haus nicht selten mit kleinem Geld 20 bis 30 Prozent Heizkosten vermeiden. Ab Herbst gibt es von mir sogar einen speziellen Ratgeber (Einfach Sanieren, Stiftung Warentest), in dem ich 25 einfache Maßnahmen vorstelle.

Die Fragen stellte DBSZ-Reporter Erwin Linder

Anmerkung der Redaktion: Oben in der rechten Spalte finden Sie Links, mit denen Sie das Buch von Carsten Herbert bestellen können.

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