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Wangen / Ravensburg – Rainer Schäfer lindert als selbständiger Masseur in seiner Wangener Praxis jeden Tag die Beschwerden seiner Patienten. Bei einem Leiden, das seinen eigenen Körper betraf, war er allerdings lange Zeit machtlos. Drei Jahre lang hatte der 64-Jährige Schluckbeschwerden, Besuche diverser Ärzte und regelmäßige Magenspiegelungen brachten keine Aufklärung. Vor sechs Monaten wurde es so schlimm, dass er kaum mehr Nahrung zu sich nehmen konnte und seine Schmerzen sich auf andere Körperbereiche ausweiteten. „Ich hatte Sodbrennen, Übelkeit, Magenkrämpfe und Rückenbeschwerden und habe in sechs Monaten zwölf Kilogramm abgenommen“, berichtet Rainer Schäfer. Gearbeitet habe er trotzdem. „Beim Arbeiten bin ich in meinem Element, im Flow, es gibt nichts Besseres, auch, um sich abzulenken.“ Lange aber hätte das sicher nicht mehr funktioniert.
Der Zufall rettete Rainer Schäfer schließlich – und die Vorteile moderner Medizin. Seine Schwiegertochter erzählte ihm, sie habe ähnliche Beschwerden – und lieferte die mögliche Diagnose gleich mit. Mit dem neuen Verdacht ging Schäfer zu einem Facharzt für Gastroenterologie, der den Verdacht bestätigte und ihn ans St. Elisabethen-Klinikum überwies. Die Diagnose lautete Achalasie – eine seltene, chronische Funktionsstörung in der Speiseröhre, bei der die Muskulatur nicht vorwärtstreibend arbeitet und sich der untere Schließmuskel nicht mehr öffnet. Das Schlucken wird also mehr und mehr unmöglich.
In Ravensburg, in der Klinik für Innere Medizin I, wurde Rainer Schäfer nach neuesten wissenschaftlichen und medizintechnischen Methoden behandelt – durch einen endoskopischen Spezialeingriffs, der peroralen endoskopischen Myotomie (POEM). Oberarzt Dr. Christian Ansprenger, wie Chefarzt Prof. Dr. Peter Klare Spezialist für endoskopische Interventionen, führte die Speiseröhrenspiegelung durch.
2 von 100.000
„Eine Achalasie ist extrem selten, nur etwa zwei von 100 000 Menschen erkranken daran pro Jahr“, sagt der Facharzt für Gastroenterologie und Innere Medizin. „Medikamente helfen hier nicht, aber es gibt andere Therapiemethoden. Die Ballondilatation, bei der ein Ballonkatheter zur Engstelle geführt und dort aufgeblasen wird, wenden wir wegen einiger Nachteile nur noch in Ausnahmefällen an. Ein invasiver chirurgischer Eingriff über den Bauchraum wiederum ist mit einer längeren Erholungsphase verbunden. Die POEM in Verbindung mit einer Magenspiegelung ist im Vergleich mit allen Alternativen die schonendste Therapie. Für den Patienten bedeutet sie eine kürzere Eingriffszeit mit weniger Komplikationen, keine Hautschnitte und einen kürzeren Aufenthalt im Krankenhaus, weil es weniger Entzündungen gibt und kein Eröffnen von Körperhöhlen. Die Patienten erholen sich wesentlich schneller, vor allem aber ist das Ergebnis, abhängig von der Art der Achalasie, langfristig mindestens so gut wie das einer Operation.“ Bei Rainer Schäfer sei alles wie geplant gelaufen, sagt der Arzt. „Er kann wieder beschwerdefrei schlucken.“
Eingriffe wie die POEM werden mit verschiedenen hochmodernen Instrumenten durchgeführt, die über den Arbeitskanal des flexiblen Endoskops eingebracht werden. Abwechselnd werden ein Katheter verwendet für die Unterspritzung der Schleimhaut sowie ein Messer mit einer dreieckigen Spitze, das mit Strom schneidet. Die OP-Technik gehört zur sogenannten „Third Space Endoskopie“. Dabei arbeiten Ärzte nicht nur an der Oberfläche der Schleimhaut, sondern in der feinen Gewebeschicht zwischen Schleimhaut und Muskulatur. So können krankhafte Veränderungen extrem präzise und schonend entfernt werden – auch Tumore in einem frühen Stadium.
Der Eingriff
Bei dem 45-minütigen Eingriff durchtrennte Dr. Ansprenger den verengten unteren Speiseröhrenschließmuskel von Rainer Schäfer. Dadurch erschlaffte der Muskel und wurde wieder durchlässig. Zunächst legte der Oberarzt mit einem Nadelmesser eine kleine Öffnung an der Schleimhaut der Speiseröhre an. Danach präparierte er einen Tunnel in der Bindegewebsschicht zwischen Schleimhaut und über der Muskulatur der Speiseröhre bis zum Magen. Nun begann er, die Muskulatur im unteren Anteil, wo sie den Schließmuskel bildet, schrittweise zu spalten (Myotomie). Am Ende verschloss er die Schleimhautöffnung mit endoskopisch platzierten Clips, die später abfallen und auf natürlichem Weg ausgeschieden werden. Damit bleibt der Schnitt in der Muskulatur durch die Schleimhaut gedeckt und es entsteht kein Loch in der Speiseröhre.
Klitzekleine Video-Endoskope
Eine OP-Technik, die erst aufgrund der High-End-Arbeitsgeräte möglich wurde. „Wir verfügen über Video-Endoskope mit Durchmessern von sechs bis zwölf Millimetern und einem Arbeitskanal von zwei bis vier Millimetern, die hochauflösende Bilder in HDTV-Qualität liefern“, erläutert Dr. Ansprenger. „Die Spitze des Endoskops kann in alle Richtungen abgewinkelt und hochpräzise gesteuert werden, und im Arbeitskanal können Zangen, Messer und Schlingen eingeführt werden.“
Für Rainer Schäfer, Vater von sechs Kindern, war der Eingriff in jedem Fall ein Segen, seine Leidenszeit ist vorbei. „Ich bin sehr zufrieden mit der Operation und der Versorgung in Ravensburg, mir geht es wieder viel besser“, sagt er. „Ich kann endlich wieder schmerzfrei essen und trinken, das ist schon ein enormer Gewinn an Lebensqualität. Seit Oktober habe ich zehn Kilo zugenommen, habe also bald wieder mein Normalgewicht erreicht, und kann wieder alles essen, bis auf Schokolade – die vertrage ich nicht.“
Bereits vier Tage nach der Operation ging der Masseur wieder seiner Arbeit nach – mit minimalen Nachwehen. Rainer Schäfer macht nun wieder das, was er in Ravensburg erfahren hat: Patienten auf den Weg der Heilung bringen.
Jürgen Schattmann

































