
Biberach – Wohnen auf kleiner Fläche ist für viele ein Traum. Doch wie kommt man an ein passendes Grundstück? In Biberach hoffen Menschen unterschiedlichen Alters durch Austausch bei einem Stammtisch ihrem Ziel näher zu kommen.
Mit Isabell Barsamian treffe ich mich auf einen Milchcafé in Ummendorf. Im herbstlichen Nachmittagslicht erzählt die Einundvierzigjährige, wie gerne sie in einem Tiny House wohnen würde. Derzeit teilt sie sich eine schöne Siebzig-Quadratmeter-Mietwohnung mit ihrer Zwillingsschwester Jessica in Appendorf, einem Ortsteil der Gemeinde Hochdorf im Landkreis Biberach.
Per Mail an die BLIX-Redaktion hatte sie geschrieben: „In der Region Biberach hat sich in den letzten Monaten eine Gruppe von inzwischen rund 15 Personen zusammengefunden, die kompakt und bezahlbar wohnen möchten – Stichwort ‚Tiny Living‘. Was uns alle verbindet: Wir stoßen immer wieder gegen dieselbe Wand. Gemeinden sagen ‚keine Bauplätze‘. Wenn das Wort Tiny House fällt, denken viele Gesprächspartner an Camping oder Hippie-Kommune – dabei wollen wir schlicht normalen, dauerhaften Wohnraum, nur eben kleiner und bezahlbarer. Bewegend ist die Geschichte einer unserer Teilnehmerinnen: Sie ist in Frührente, kann die Treppen in ihrem eigenen Haus nicht mehr steigen und sucht dringend eine ebenerdige Lösung – sie und ihr Mann haben inzwischen gefühlt 30 Gemeinden in der Umgebung kontaktiert, meist vergeblich. Das ist kein Einzelfall. Gleichzeitig zeigt die Region, dass es geht: Das Quartier in Burgrieden-Rot beweist, dass kompaktes Wohnen funktioniert und Zuspruch findet. Schließlich wohnt das Urgestein des Tiny Living, Anne Donath seit fast zwei Jahrzehnten in Schussenried! Und die Stadt Biberach hat in ihrer aktuellen Beschlussvorlage (DS 2026/125, Baugebiet Taubenplätzle II) explizit kompakte Bungalows mit 45–50 m² als Wohnform aufgenommen – ein Signal, das in der Breite noch kaum wahrgenommen wird.“
Bei unserem Treffen erzählt sie, wie vielfältig die Bewegründe der TeilnehmerInnen beim Tiny-House-Stammtisch sind. Sie kommen aus Riedlingen, Bad Schussenried, Munderkingen und anderen Orten und sind überwiegend älter als 50 Jahre. „Wir sind keine Hippies, wir sind Leute mit ganz normalen Jobs. Überwiegend alleinstehende Frauen, aber auch Paare.“ Sie schätzen allesamt Gemeinschaft, legten aber Wert darauf, ihre Tür schließen zu können und für sich zu sein. „Wir stehen alle vor ähnlichen Fragen rund um bezahlbaren, passenden und langfristig nutzbaren Wohnraum. Bei unseren Gesprächen sind wir auf verfügbare Grundstücke in Oggelsbeuren aufmerksam geworden und konnten uns mit Bürgermeister Grootherder aus Attenweiler über die Möglichkeiten vor Ort austauschen.“ Manche haben kein Auto und legen Wert auf eine gute örtliche Infrastruktur und einen funktionierenden Nahverkehr. Im geplanten Baugebiet Oggelsbeuren würde ein Quadratmeter Grund 175 Euro kosten, aber es gebe in der Gemeinde nicht einmal einen Arzt. Man könne sich vorstellen, von einem Investor wie etwa der Firma Huchler, die in Burgrieden ein Tiny House-Gebiet betreibt, ein kleines Haus zu kaufen, wenn es nicht zu teuer würde oder auch eine Genossenschaft zu gründen und sich selbst um alles zu kümmern. Auf eine Zeitungsanzeige, in der ein passendes Grundstück gesucht wurde, kamen drei Rückmeldungen. Mit einem Anbieter sei man in Kontakt.

Ursprünglich kommt die sympathische, wortgewandte Frau aus Altheim bei Riedlingen. Sie arbeitet als Qualitäts-Managerin in einer Firma für Künstliche Intelligenz in Essen. Meist im Home-Office. Nach ihrer vorherigen Stelle in einem lauten Büro genießt sie die Arbeit von zuhause aus. Sie kann sich schon lange vorstellen, auf kleinem Raum zu leben. Kürzlich sah sie im SWR eine Reportage über Anne Donath, die seit über dreißig Jahren sehr zufrieden in ihrer vier auf vier Meter kleinen Blockhütte lebt. Zufällig hatte ich 2007 als Redakteurin beim Münchner Reisemagazin tours Kontakt mit der Pionierin oder wie Barsamian sagt dem „Urgestein“ des Tiny Living. Nach Lektüre ihres Taschenbuchs „Wer wandert, braucht nur was er tragen kann“, in dem sie auch über Begegnung mit Nomaden in der Sahara berichtete, schrieb ich sie über ihren Verlag an (Telefon hatte sie in ihrem stromlosen Haus nicht) und vereinbarte einen Besuchstermin. Wir sprachen über die Beweggründe der damals noch Berufstätigen, sich freiwillig so zu beschränken, sowie über unsere gemeinsame Faszination der algerischen Wüste. Ihr so stilvoll eingerichtetes puristischen Blockhäuschen und ihre offene Art beeindruckten mich sehr.
Offenbar bewundern auch heute viele, die sich ein kompaktes Wohnen wünschen, die Minimalistin. Wie auch Isabell Barsamian. Für sie wäre ein idealer Ort dafür Ummendorf, wo ja seit Jahren seitens der Gemeinde von einem Quartier für Kleines Wohnen gesprochen würde. Aber da scheine ja nichts voran zu gehen. Als Gemeinderätin in Ummendorf weiß ich, dass man in Ummendorf das an der Fischbacher Straße geplante Projekt keineswegs ad acta gelegt hat. Zunächst war auch hier die Suche nach einem geeigneten Grundstück nicht einfach gewesen. Es gab dann Querschläger seitens des Regierungspräsidiums Tübingen, das fürs Wohngebiet eine Linksabbiegerspur von der Landesstraße 307 gefordert hatte. Auch die Planung der Verkehrsführung, eine Art Ringstraße durchs Tiny-House-Gebiet mit etwa 35 bis 40 Einheiten, hat viel Zeit gefressen. Ebenso die Diskussionen mit der Unteren Naturschutzbehörde, ob man die zu fällenden maroden Obstbäume auf der geschützten Streuobstwiese durch Neupflanzungen ersetzen kann. Ein weiteres Problem: Zumindest die untere Reihe der Häuser wäre von Überflutungen durch die Umlach bedroht. Klar ist, dass es in Ummendorf keine Bauwagen auf Rädern geben soll, sondern schöne Modul-Häuser mit maximal 90 Quadratmetern auf Flächen von ca. 250 bis 300 Quadratmetern.
Die Hochwasser-Problematik ist es auch vor allem, die die Planung derzeit verzögert. Wie Ummendorfs Bürgermeister Heiko Graf betont, ist die Verwaltung derzeit voll beschäftigt mit der Planung des Hochwasserschutzes in der Gemeinde, dem Beantragen von Zuschüssen und dem Ankauf von Grundstücken für die notwendigen Baumaßnahmen. Sind die Arbeiten an Dämmen, Mauern und Brücken in Auftrag gegeben, wird man sich auch wieder um das Thema „Kleines Wohnen“ kümmern können.
Wer Interesse am Austausch hat oder ein Grundstück anbieten möchte ist willkommen: tinyhouse.stammtisch@gmail.com
Autorin: Andrea Reck
NEUESTE BLIX-BEITRÄGE
„Wir sind keine Hippies“






