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Winfried Kretschmann (rechts) im Gespräch mit Hendrik Groth. Foto: Roland Reck

Leutkirch – Es war ein Heimspiel, das sofort ausgebucht gewesen sei, freute sich Gottfried Härle bei der Begrüßung der über 100 Gäste in der rustikalen Malztenne seiner Brauerei und machte dafür Winfried Kretschmann verantwortlich. Der erste grüne Ministerpräsident hatte sich aus dem Ruhestand im heimischen Laiz bei Sigmaringen mit Frau Gerlinde und Sohn Johannes auf den Weg ins Allgäu gemacht, um der Einladung von „Oberschwaben Grün“ zu folgen und im Gespräch mit Hendrik Groth, dem ehemaligen Chefredakteur der Schwäbischen Zeitung, über Politik mit Haltung und als Handwerk nach 15 Jahren Regierungsarbeit als Ministerpräsident in Stuttgart nachzudenken. Es folgte ein kleines Philosophieseminar und ein großes Rätselraten über den Erfolg des Populismus und die Wahlerfolge der AfD. Ein Nachdenkstück. (Auch über das Alter, denn es fehlte die Jungend, so waren die Ü-60-Jährigen mit dem Ü-70-jährigen Kretschmann unter sich.)

Was Cornelia Furtwängler scheinbar nicht verdrießte. Die Biberacher Grüne hatte mit Gottfried Härle im Namen von „Oberschwaben Grün“ eingeladen und freute sich über „tolle grünliche Gesichter“, die ihr wichtig seien. Ob sie damit auch Oswald Metzger meinte? Der „Ur-Grüne“ (Härle), der schon lange CDU-Mitglied ist, übernahm mit Elmar Braun, ehemals erster grüner Bürgermeister überhaupt und weltweit in der Gemeinde Maselheim, die Einleitung mit einem Rückblick auf die Gründung von „Oberschwaben Grün“ am 1. April 1997 in Biberach. Kretschmann gehörte ebenfalls zu den Gründungsmitgliedern, und es sollte kein Aprilscherz sein, dass der grüne Klub vom Lande die Vormacht der CDU im Ländle brechen wollte und sich als geeigneten politischen Partner sah. Realos eben. Schwarz-Grün war schon damals die (reale) Hoffnung, dass es 14 Jahre später gar Grün-Schwarz werden sollte, bezeichnet Furtwängler als „Wunder“.

Der Journalist Hendrik Groth fragte Kretschmann, den er einst im Pressetross bei dessen Dienstreise nach Kalifornien begleitet hatte, nach dessen „Grundhaltung“ und will nicht weniger wissen als: „Wie sieht die nähere Zukunft aus?“ Das ist selbst dem philosophierenden Politikerklärer aus Laiz, der sich nun im Unruhestand mit dem alten Griechen Sokrates beschäftigt, eine Nummer zu groß. „Wenn ich das wüsste, wäre ich nicht Pensionär in Laiz.“ Aber er bemühte sich, mit den Armen in die Luft greifend, auf die weitläufigen Fragen Antworten zu finden.

Also: Zu den Wahlen in Sachsen-Anhalt fragt Kretschmann seinerseits, warum der Wahrheit willen kein Politiker die Wähler kritisiert, denen er unterstellt, dass sie wussten, wen sie wählten. Aber mit der Wahrheit sei es schwierig in der Politik: spricht man sie aus, wird man nicht gewählt, verschweigt oder beschönigt man sie, wird man der Unwahrhaftigkeit bezichtigt – und auch nicht gewählt. Ein Dilemma. Mit dem sich die Populisten nicht quälten, sie begnügten sich immer mit den vermeintlich einfachen Lösungen. In den Augen Kretschmanns sind es Lügen, die verfangen. „Warum glaubt die Mehrheit den Lügen?“ Das sei „die Achillesferse der Demokratie“.

Damit ist er wieder bei Sokrates, dessen Plädoyer für die Diskussion und die Kunst des Argumentierens, Kretschmann, der einstige Ethiklehrer, als die „Basis unserer Zivilisation“ bezeichnet. Und diese Kunst des Argumentierens ginge mehr und mehr verloren. Einen Grund sieht er in den sozialen Medien, die den Populismus beförderten. „Es wird immer weniger argumentiert“, kritisiert der Politikrentner auch seine Parteifreunde, indem er ausdrücklich Boris Palmer, den Tübinger Oberbürgermeister und Ex-Grünen, für dessen einsamen Versuch lobt, einen AfD-Kandidaten in einer öffentlichen Debatte zu stellen. Aber das Ergebnis sei nicht überzeugend gewesen, waren sich wohl Palmer und Kretschmann einig. Es bleibt Ratlosigkeit. Dabei wurde die Frage nach den Wahlerfolgen der AfD im Ländle (Landtagswahl 2026 knapp 19 Prozent und damit stärkste Oppositionspartei), trotz der „Politik des Gehörtwerdens“, gar nicht gestellt.

Was der grüne Ex-Ministerpräsident, der mit 15 Jahren drei Wahlperioden bestritten und so lange wie keiner seiner schwarzen Vorgänger in der Villa Reitzenstein logiert hat, glaubhaft verkörpert, ist die Kunst des Kompromisses. Auch die verlorene Volksabstimmung über Stuttgart 21 gleich zu Anfang seiner Amtszeit habe ihm „nicht länger als 30 Sekunden“ zu schaffen gemacht. Dabei bleibt er trotz leisem Zwischenruf von seiner Frau Gerlinde aus der ersten Reihe, die es wohl etwas anders in Erinnerung hat. Kretschmanns Fazit: Wem Kompromisse Schmerzen bereite, müsse von der Politik die Finger lassen.

Zum Ende stellt Hendrik Groth eine sehr persönliche Frage, die sich sowohl an den ihm gegenübersitzenden Politiker und Lehrer als auch Vater richtet. Groth schildert eine heftige Diskussion mit seinem Sohn (25), der Politikwissenschaft studiert und seinem Vater vorwirft, dass seine Generation ihm und seiner Generation eine ruinierte Welt hinterlasse. Wie damit umgehen? Kretschmann, mehrfacher Vater und Opa, flüchtet sich ins Allgemeine. „Die Vergangenheit können wir nicht ändern. Man muss jetzt handeln, und das kann jeder.“ Der Schlussapplaus signalisiert Zufriedenheit, wenngleich Groth, der verunsicherte Vater, zu verstehen gibt, dass sein entrüsteter Filius nicht grün wählt. Es klingt bedauerlich, aber interessiert nicht weiter. Die Jugend – das ist lange her.

Autor: Roland Reck


erschienen in Oktober 2026

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