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Oscar-Preisträger unter sich: Rami Malik (links) und Russell Crowe überzeugen durch eine intensive Darstellung.

Am 7. Mai läuft James Vanderbilt’s Historiendrama “Nürnberg” in den deutschen Kinos an – fast sechs Monate nachdem der Film in den USA, zum 80. Jahrestag der Prozesse, seine Premiere feierte. Was Russell Crowe und Rami Malek da auf die Leinwand bringen, ist kein Geschichtsbuch, das atmet, sondern ein Psychoduell in einem Raum ohne Fenster. 

November 1945. Die Welt blickt auf eine ausgebombte Stadt in Franken, die für die nächsten Monate zum Zentrum einer historisch beispiellosen Strafverfolgung wird. In James Vanderbilts Film steht jedoch nicht das große Tribunal im Mittelpunkt, sondern ein schlichter Gefängnisgang im Justizpalast. Es ist der US-amerikanische Militärpsychiater Douglas Kelley – gespielt von Rami Malek mit gewohnter Intensität –, der dort täglich eine Zellentür aufschließt und dem mächtigsten noch lebenden Nazi gegenübertritt: Hermann Göring, Reichsmarschall, Luftwaffenchef, einst zweitmächtigster Mann des Dritten Reichs. Russell Crowe verleiht dieser Figur eine beängstigende Körperlichkeit und einen distanzlosen Charme, der den Zuschauer in dieselbe Falle lockt wie Kelley selbst.

Denn darum geht es in Nürnberg vor allem: um eine Annäherung, die keine sein dürfte. Kelleys Auftrag ist klar – die psychische Zurechnungsfähigkeit der 21 inhaftierten Kriegsverbrecher zu beurteilen, bevor das Internationale Militärtribunal seinen Betrieb aufnimmt. Doch Göring erweist sich als außergewöhnlich wacher Gesprächspartner, dessen Manipulationskunst selbst einem ausgebildeten Psychiater gefährlich werden kann. Vanderbilt baut diese Dynamik geduldig auf, schichtet Vertrauen und Täuschung übereinander, und lässt dabei nie vergessen, wessen Taten dieser Mann zu verantworten hat. Parallel dazu entwickelt sich das juristische Großprojekt des Hauptanklägers Robert H. Jackson – von Michael Shannon mit unerschütterlicher Autorität verkörpert –, das die Grundlage des modernen Völkerstrafrechts legen sollte.

Michael Shannon (links) gehört zu den besten Charakterdarstellern Hollywoods.

Basierend auf Jack El-Hais Sachbuch The Nazi and the Psychiatrist aus dem Jahr 2013 schrieb Vanderbilt das Drehbuch selbst und beweist dabei Sinn für dokumentarische Genauigkeit: Teile der Eröffnungsrede Jacksons sowie wesentliche Passagen des Kreuzverhörs entstammen den historischen Prozessprotokollen. Gedreht wurde der Film Anfang 2024 in Budapest, das für die Innenaufnahmen des Nürnberger Justizpalastes herhalten musste – ein Kompromiss, der auf der Leinwand kaum auffällt.

Das liegt nicht zuletzt an der Arbeit von Kameramann Dariusz Wolski, der für Nürnberg eine streng geteilte Bildsprache entwickelte: In den Gefängniszellen regiert eine einzelne Nacktibirne, deren hartes Licht kantige Schatten auf die Wände wirft – eine Ästhetik, die direkt aus authentischen Fotografien der damaligen Haftbedingungen abgeleitet wurde. Dennoch bleibt Nürnberg ein Film, der sein Potenzial nicht vollständig ausschöpft. Crowe ist hier zwar in Bestform – sein Göring ist keine Karikatur, sondern eine beunruhigende Studie in Eitelkeit und Kalkül. Malek hingegen wirkt stellenweise zu schematisch für den Part eines Mannes, dessen innere Zerrissenheit den dramatischen Kern des Films bilden sollte. Und Vanderbilt, der sicher durch die Gerichtssäle führt, verliert sich außerhalb davon in Episodischem.

Nürnberg ist kein Film, der Geschichte neu erfindet. Er erinnert vielmehr daran, dass Geschichte verhandelt wurde – von Menschen, in Räumen, mit Zweifeln. Das ist, gerade jetzt, nicht wenig.

Autor: Christian Oita


erschienen in Mai 2026

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