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Hagen Vockerodt war als Soldat 1638 Tage in den Einsatzgebieten der Bundeswehr. In seinem Buch berichtet er von seinen Erlebnissen.

Ochsenhausen – Hagen Vockerodt hat 1638 Tage lang erlebt, was es bedeutet, als Bundeswehr-Soldat im Kriegseinsatz in Bosnien, Kosovo und Afghanistan Elend, Zerstörung und Tod zu sehen. In Ochsenhausen lauschten Menschen jeden Alters seinen Schilderungen „Als Soldat im Einsatz für Freiheit und Demokratie“.

In seinem Vortrag, veranstaltet vom Bildungswerk Ochsenhausen mit der Katholischen Erwachsenenbildung der Dekanate Biberach und Saulgau e.V., der Buchhandlung Lesebar und der Seelsorgeeinheit St. Benedikt Ochsenhausen, spricht er laut Ankündigung anhand seiner Biografie über den hohen Preis, den die Verteidigung von Freiheit und Demokratie mit sich bringen. Er erzählt von der Spannung zwischen soldatischer Pflicht und moralischem Dilemma, zwischen Auftrag und Gewissen, zwischen Kameradschaft und Trauma, zwischen Stolz und Zweifeln.

„Wir sprechen viel über Demokratie heute“, verspricht Hagen Vockerod zu Beginn seines Vortrags am 16. April im Katholischen Gemeindehaus Ochsenhausen. In seinen Einsätzen  habe er erlebt, was es bedeutet, Freiheit und Demokratie militärisch zu verteidigen. 

Man darf ihn gerne bei seinem Spitznamen Vocko nennen. „Auch im Einsatz nennt man nie den Klarnamen.“ Relativ viele der Zuhörenden haben „gedient“, wie er zu Beginn erfragt. Einer war, wie er, Fallschirmspringer. „Mir ist egal, was jemand wählt“, erklärt er und ermuntert: „Unterhaltet euch nicht nur mit Leuten, die eurer Meinung sind. Bleibt offen!“ Er kümmere sich nicht um Parteipolitik, betont aber, dass sein erster Einsatz unter Rot/Grün, Gerhard Schröder und Joschka Fischer stattgefunden habe. 

Auf der Leinwand stellt er sich als Familienvater, Autor, Speaker, Coach vor. Unter den Zuhörern ist sein zwanzigjähriger Sohn aus einer früheren Beziehung, den er zwölf Jahre nicht gesehen hat, der jetzt aber mit seiner Frau, drei Töchtern und einem Pflegekind in Ehingen lebt. Der Sohn, und darauf ist er stolz, ist bei der Bundeswehr.

Vockerodt spricht ohne Mikrofon über „Motivation“ (eine große Lüge, die fehlt schnell) und „Mindset“, ohne das man wenig schaffen könne. Mit 18 Jahren war der in Landau in der Pfalz Geborene 1996 zur Bundeswehr und zum Sanitätsdienst gegangen, wurde Fallschirmspringer bei den spezialisierten Kräften und Teil einer Elitetruppe. Seinen ersten Einsatz hatte er mit 21 Jahren zehn Monate im Kosovo, dann war er in Bosnien-Herzegowina und wieder im Kosovo.

2005 leistete er Tsunami-Opfern in Badah Ace/Indonesien humanitäre Hilfe. Den Ton der Millionen Fliegen, die um die Massengräber geschwirrt seien, könne er bis heute nicht vergessen. Mit einem Kameraden zusammen musste er Massengräber füllen und desinfizieren, der reine Horror.  

Nach einem BWL-Studium wurde er Leutnant, 2009 war er in Afghanistan im Einsatz. Dort traf er in Masar-e Scharif den damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und wurde von ihm zum Frühstück eingeladen. Sein Aufenthalt in Afghanistan veränderte viel: „Vorher fühlte ich mich wie Captain America“. Mit Musik unterlegte Video-Sequenzen mit dem Titel „My  life in two minutes“ zeigen belastende Szenen. In Afghanistan musste er zuschauen, wie eine Frau gesteinigt wurde, konnte aber wegen der Übermacht der Taliban nichts tun. 

Und schon sind wir beim Thema „warum wir über Demokratie reden und warum wählen gehen wichtig ist“. Und beim Thema Wehrpflicht. Die findet er gut, zudem würden wir nicht darum herum kommen, weil sich einfach zu wenige Freiwillige melden. Er plädiert für ein verpflichtendes Jahr, in dem Männer wie Frauen etwas für Deutschland machen sollen.

Dann steht auf der Leinwand die Zeile „Die Wunde, die keiner sieht – aber alles verändert“. Wir sind bei PTBS, Posttraumanischen Belastungsstörungen. Vockeradt lobt die Militärpfarrer beider Konfessionen, die er bei seinen Einsätzen kennengelernt hat. 

Durch einen Angriff in Afghanistan, bei dem seine Kameraden links und rechts von ihm getötet wurden, lernt er erstmals Angst kennen. Er war Kompaniechef, konnte aber nicht mehr. Erst seine Frau, als Zahnärztin selbst Oberleutnant bei der Bundewehr, zwang ihn, Hilfe zu holen. „Mir ist heute nichts mehr peinlich“, sagt er und gibt zu, dass er am Ende war, sich nachts eingenässt hat. „Ich musste im Einsatz leider auch Menschen töten.“ 28 bestätigte Abschüsse sind dokumentiert. Als er sich trotz 600 Stunden Psychotherapie in einer tiefen Depression befand, übersetzte ein Pfarrer aus einer hebräischen Bibel „Du sollst nicht morden“. Man sprach damals über den Unterschied zwischen töten und morden.

Und nun kommt der Coach mit FAR, was Fokus, Anstrengungsbereitschaft und Routine meint. Man solle keinen Plan B haben, sondern alles für Plan A tun. Vockerodt betont, keine Werbung für die Bundewehr machen zu wollen, positioniert sich allerdings klar für Soldaten und Einsatzkräfte. Als Coach hilft er Unternehmen, etwa aus der Versicherungsbranche, und  Privatpersonen dabei, mentale Widerstandskraft aufzubauen. Mit Hilfe eines Anwalts verließ der 1978 Geborene vier Jahre nach seinem Zusammenbruch als Hauptmann die Bundewehr.   

2022 nahm Hagen Vockerodt als Captain des deutschen Teams an den Invictus Games in Den Haag teil – einer internationalen Sportveranstaltung für verwundete, verletzte und erkrankte Soldaten. Er traf dort Prinz Harry, der die Spiele ins Leben gerufen hatte. Für Vockerodt mehr als nur ein sportlicher Wettkampf. Die Erkenntnis, dass Grenzen oft nur im Kopf existieren.  

Eine Diskussionsrunde schließt sich an. Ein 91-jähriger ehemaliger Soldat zitiert auf Latein: Man müsse kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen. Die Fragen aus dem Publikum sind recht freundlich unkritisch, am Ende macht eine junge Frau noch ein Selfie mit „Vocko“. 

Vockerodt www.hagenvockerodt.de betreibt auch Podcasts auf Instagram und Youtube. Seine Erfahrungen verarbeitete er im Buch 1638 Tage im Krieg – Die Kehrseite der Einsatzmedaille, 19,80 €. 

Autorin: Andrea Reck


erschienen in Mai 2026

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