
Biberach – Am 2. August 2025 ging es bei regnerischem Wetter am Biberacher Marktplatz los. Auf der ersten Etappe bis Friedrichshafen wurden die Radler noch begleitet von einer Gruppe von Freunden und Kollegen. Danach war der Weg das Ziel: Afrika mit dem Fahrrad erleben.
Imke Frodermann (52) und Ralph Lang (56), Religionslehrer am Berufsschulzentrum Biberach, hatten zwei Sabbatjahre angespart. Nach ihrer Weltumrundung von den USA, entlang der Seidenstraße nach Australien in den Jahren 2016 -2018 (BLIX berichtete: Die Weltradler) sollte es über mehr als ein Jahr durch Afrika gehen, ungefähres Ziel war Nairobi, die Hauptstadt Kenias. Was sie nicht erreichten.
Am 22. August 2026 landeten sie in Frankfurt mitten im deutschen Hitzesommer. Die letzte Etappe der 14.000 Kilometer hatte sie nach Lusaka in Sambia geführt. „Jeden Tag lebten wir im Sattel unter Bedingungen, die von uns erforderten, alles Lebensnotwendige täglich neu zu erfinden. Unterkunft, Vorankommen, Naturbedingungen sind zu keinem Zeitpunkt verlässlich. Wir fuhren jeden Tag morgens los, ohne zu wissen, wo wir abends schlafen werden, bis wohin uns die Straße bringen würde, ob es in einem Kilometer noch eine ‚Straße‘ geben würde, ob es dort dann Wasser und Essen gäbe. Afrika stärkte unsere Unsicherheitstoleranz. Wer so reist, legt schnell die Hybris ab zu glauben, ein ausgedachtes Ziel sei erreichbar. Ein guter Teil der Anstrengung, die Afrika von einem Radfahrer fordert, liegt in diesen allumfassenden Ungewissheiten“, konstatiert Ralph Lang.
Schon im Mai hatten er und seine Frau erfahren, dass sich im Osten der Demokratischen Republik Kongo die Ebola-Epedemie schnell ausbreitete. Bevor sie von Botswana, Zimbabwe und Sambia kommend abseits sehr stark befahrener Straßen durchs ländliche Ruanda und Uganda an der kongolesischen Grenze mit zahlreichen Flüchtlingen entlang fahren müssten, beschlossen sie, den Plan zu ändern. „Wir wären gerne weiter gefahren, aber nicht unter diesen Bedingungen. Die für uns in Frage kommenden Alternativen waren enge Straßen mit viel Schwerlastverkehr, auf denen wir 1500 Kilometer in der Erwartung hätten fahren müssen, in den Straßengraben gedrängt zu werden. Wir prüften auch große Umwege über Malawi, wir prüften die Staubpisten im Hinterland und im Dschungel, durch Löwengebiet, durch Sumpfgebiete, über Gebirge. Alles mit dem Ergebnis: zu gefährlich, fahrlässiges Risiko.“

Das Härteste, was man machen kann
Traurig waren sie, den Kontinent verlassen zu müssen. „Das, was wir hier an Freundlichkeit, Fürsorge und Herzlichkeit erlebten, habe ich mir eigentlich erst vom Paradies erhofft“, gesteht der Theologe. Viele Gefahren seien im Nachhinein nicht so groß gewesen, hätten sich eher als Vorurteile erwiesen: Kriminalität und Gewalt. Nie habe man auch nur ansatzweise schlechte Erfahrungen gemacht. „Alle haben für unsere Sicherheit gesorgt, haben uns vor wilden Tieren gewarnt und auf der Suche nach einem Übernachtungsplatz oder Trinkwasser geholfen. Trotz aller zusammengetragener Informationen und obwohl er im Unterricht auch „Global Studies“ unterrichtet hatte, war Afrika für den Lehrer ein weißer Fleck geblieben. Und dennoch: „Afrika mit dem Fahrrad ist das Härteste, was man machen kann“, ist sich das Ehepaar einig. Dies ist vor allem dem Klima geschuldet. Im wüstenhaften Mauretanien radelten sie jeden Tag bei 43 Grad. Wobei selbst die Beduinen klagten, dass es in diesem Jahr besonders heiß sei. Mit der Überschreitung des Senegal-Flusses wurde es grün, die Temperatur fiel auf 36 bis 37 Grad. Wohltuend. Wäre dies nicht mehr als ausgeglichen worden durch die gestiegene Luftfeuchtigkeit. Am brutalsten war es in Sierra Leone. Eine echte Herausforderung.
In den arabisch geprägten Ländern Nordafrikas genossen die Reisenden die typische muslimische Gastfreundschaft. Bald hörten sie auf, bei ihren Einkäufen die Preise nachzurechnen, den sie hatten nie das Gefühl, dass das überhaupt notwendig war.
Im subsaharischen Afrika war die vornehme Zurückhaltung der Araber weg. Die Reisenden wurden überall überschwänglich begrüßt und umarmt, alle winkten den Weißen zu, zeigten völlig unverstellt Freude über deren Kommen. „Dein Gegenüber macht dein Anliegen ganz selbstverständlich zu seiner Sache und fühlt sich verantwortlich.“ Durch umsichtige Planung gerieten die Biberacher nie wirklich in Not. Natürlich waren sie stets bereit, für Leistungen zu bezahlen, was aber nicht immer angenommen wurde.
Der Kontrast zum Leben in Deutschland ist gewaltig. „Fast jede Minute kommt uns seit unserer Rückkehr in den Sinn, wie privilegiert wir hier sind. Nicht weil wir es verdient hätten, sondern weil wir in einem gemäßigten Klima geboren wurden und die Gesellschaft wohlhabend ist. So sehen das auch die Afrikaner, die uns stets sehr beneidet haben um unsere Herkunft. Wir bringen eine große Traurigkeit mit, dass diese Menschen hungern und verhungern. Sie arbeiten hart und haben praktisch keine Möglichkeit, etwas zu ändern.“
Die Rückkehrer bedauern nicht, dass ihre Wohnung in Ummendorf wegen ihrer vorzeitigen Rückkehr noch für ein Jahr vergeben, das Auto abgemeldet ist. Sie besuchen ihre Familien und ihre Freunde per Rad und Bahn. Nach den gigantischen körperlichen Strapazen und den vielen Erlebnissen, die sie noch zu verarbeiten haben, könnten sie sich nicht einfach drei Monate aufs Sofa legen. „Zunächst gönnen wir uns drei Wochen Genussradeln in Frankreich“, erzählt Ralph während einer kleinen – was sonst – Radtour im Rottal. Wir sitzen auf einer schattigen Bank mit Blick auf die gepflegte Kapelle zur Heiligen Dreifaltigkeit, trinken ganz selbstverständlich sauberes Leitungswasser und kauen trockene Kekse aus Zimbabwe, die Ralph noch aus der Radtasche fischt. Es begegnen sich zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Aus dem Reisetagebuch: Wie man einen Schlafplatz findet
Guinea, eines der ärmsten Länder Afrikas hatte neue Lektionen bereit. Plötzlich gab es keine Herbergen oder Hotels mehr auf unserer Route. Sie führte uns jetzt in die Berge des Fouta Djalon (das Bergland Mittelguineas), des Hochlands Guineas. Am Ende des dritten Tages kamen wir in ein Dorf. Weit und breit gab es keine Hotels mehr. Unsere Strategie war also, das zu tun, was uns unser Freund Edzard und viele Afrikaner auf dem bisherigen Weg ans Herz legten: „Fragt die Leute, sie werden euch nicht allein lassen.“
In diesem Fall jedoch verkündete der Ladenbesitzer sofort vor den Umstehenden, als wäre es seine geniale Idee gewesen: Die Weißen sind weit hergekommen, aus Deutschland, mit dem Rad, über 5000 Kilometer, vier Monate. Sie sind jetzt müde, und vielleicht könnten sie ja in der Schule ausruhen. Wir erleben sehr oft, dass unsere Geschichte, unser Familien- und Kilometerstand vom Ersthelfer weiterberichtet wird an die später Dazugekommenen, und jedes Mal hören wir Stolz und Fürsorge gleichermaßen aus solchen Berichten unserer Geschichte. Wir werden so oft zu Zuhörern und Beobachtern unseres eigenen Lebens hier in Afrika. Das ist immer ein sehr schöner und wertvoller Moment. Wir sind jetzt allerdings wirklich sehr erschöpft.
Ein Junge auf dem Motorrad wird losgeschickt, wir sollen ihm mit den Rädern folgen. Er wird das Anliegen dem Chef de Village vortragen, dem Dorfältesten. Wir dienen dabei als Anschauungsmaterial. Wir stehen jetzt vor dem würdevollen Herrn, und der Begrüßungsreigen beginnt wieder von Neuem. Auch wird unsere Geschichte in allen Details vom Motorradjungen vorgetragen. Wir stehen dabei und haben jetzt nichts mehr zu sagen. Anschauungsmaterial, ganz wörtlich. Denn es hat sich schnell die ganze Großfamilie versammelt, die uns jetzt gegenübersteht. Wir sollen Platz nehmen, denn nun steigt der Dorfälteste umständlich hinter dem Motorradjungen auf, und die beiden fahren weg. Natürlich wird jetzt ein Rat einberufen, an dem der Schuldirektor und die noch anwesenden Lehrer befragt werden.
Nach etwa zehn Minuten kam der Motorradjunge zurück. Imke war in der Wartezeit schnell dazu übergegangen, mit unserem Zeigebüchlein (Bilder von Oberschwaben, unserer Hochzeit, unseren Familien, einer Daimler-Niederlassung und Kühen vor dem Bodensee …) alle Frauen der Nachbarschaft um sich zu versammeln. Ich genoss abseits, dass Männer öfter mal zu nichts nutze sind, und schaltete kurz ab. Jetzt aber sollten wir dem Motorradjungen zur Schule folgen. Dort platzten wir passenderweise in die Gesamtlehrerkonferenz (der Direktor und die fünf Lehrer), die nun durch die Dorfältesten und den Vorsitzenden des Elternbeirats erweitert wurde. Auch für uns wurden jetzt zwei Plastikstühle in die Runde gestellt. Erneut Begrüßungspalaver (sehr wichtig) und erneut unsere Geschichte, vorgetragen durch uns selbst.
Zwei Stunden waren unterdessen vergangen. Jetzt hob der Direktor zu einem Vortrag an: über die Wichtigkeit von Bildung allgemein, über die Schwierigkeiten, eine große Dorfschule zu führen, über die Strukturen, die Einbindung der Eltern, die Schulpflicht, Fächer, Stundenplan, Trimestergestaltung – es war für uns nicht uninteressant. Allerdings ging unser Zustand langsam in ein Unterzuckerkoma über. Dennoch stellten wir interessierte Nachfragen. Dem Chef de Village wurde es zu langweilig, denn er ließ sich vom Motorradjungen wieder nach Hause fahren. Schließlich verkündete der Direktor, dass wir selbstverständlich hier im Klassenzimmer unser Zelt aufstellen dürften. Er freue sich, uns Herberge anzubieten. Denn: „On est ensemble.“ Für diesen Satz, der uns hier in Westafrika so oft begegnet und uns jedes Mal tief bewegt hat, haben wir bis heute keine passende Übersetzung gefunden. „Man ist gemeinsam“ gibt nicht die Tiefe der Bedeutung wieder. Dieser Satz drückt sowohl aus: „Wir lassen dich nicht allein“ als auch „Wir stehen das gemeinsam durch“ und „Gemeinsam sind wir besser“. Wir kennen diesen Satz auch schon in der Lokalsprache Wolof: „Kon en goto“. Wir haben ihn immer dann gehört, wenn wir Hilfe erhielten und uns bedankten. Dann kam dieser Satz wie eine Erklärung dafür, dass es ja auch sinnvoll und ganz vernünftig sei, sich gegenseitig zu helfen. „On est ensemble“. Dieser Satz, der eher eine Lebenshaltung ist, fängt sehr gut ein, was wir hier erleben und was uns bei allen Strapazen immer wieder auf wunderbare Weise Energie gibt.
Ralph Lang auf der Website: www.von-hier-nach-da.de
Autorin: Andrea Reck
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„Erst vom Paradies erhofft“






