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Zwei Künstlerinnen, eine Ausstellung: Dorothea Schrade und Anne Carnein präsentieren ihre unterschiedliche Kunst in berührender Weise. Fotos: © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Kisslegg – Es kommt nicht oft vor, dass eine Ausstellung im Neuen Schloss Kißlegg verlängert wird, schließlich dauert sie bereits fünf Monate und hatte den ganzen Sommer über geöffnet. Bei „Ein Blumenjahr“ ist das anders, die Schau bleibt um fünf Wochen bis zum 1. November geöffnet. Der Zuspruch machte der Gemeinde diese Entscheidung leicht. All jenen, die noch nicht dort waren, sei der Besuch empfohlen. 

Es ist eine Ausstellung über Pflanzen und es ist eine Ausstellung über die Freundschaft zweier Künstlerinnen: Dorothea Schrade (1943 -2025) und Anne Carnein (geb. 1982). Beide wohnten über Jahre sozusagen Haus an Haus, getrennt durch eine Straße und einen großen Kastanienbaum – Schrade im ehemaligen Pfarrhaus Diepoldshofen bei Leutkirch, Carnein im ehemaligen Schulhaus. Hier die Malerin, dort die Stoff- und Drahtkünstlerin.

Es kommt nicht oft vor, dass eine Künstler-Freundschaft von solcher Sympathie getragen ist. Man merkt es der Ausstellung an, die Anne Carnein kuratiert hat. Sie hat im 2. Obergeschoss des Schlosses 80 Werke über sechs Räume verteilt. Sie hat dabei einen Sommergarten geformt, in dem sich nicht nur zahlreiche Blumen und Bäume finden, sondern auch Tiere und Pilze. Den Ausstellungstitel „Ein Blumenjahr“ hatten die beiden Künstlerinnen noch zusammen ausgesucht. Leider konnte Dorothea Schrade die Schau nicht mehr realisieren, sie verstarb im vergangenen Jahr. Doch auch ohne ihr Mitwirken ist die Freundschaft zu spüren. Worin? Im Gleichklang. Im Wunsch, sich beim Streben nach künstlerischer Eigenständigkeit nicht zu stark von der anderen abzugrenzen. Vielmehr Rücksicht zu nehmen auf deren Qualitäten. So überließ Anne Carnein die meisten Wände der Malerin, obwohl sie selbst viele Werke für die Wand geschaffen hat. Sie war sich sicher: künstlerisch wirkungsvoll sind unsere Werke allemal. „Kleider machen Pflanzen“ lautet ein Beitrag des SWR über die Ausstellung, der im Eingangsbereich zu sehen ist. Er nimmt Bezug auf die Materialien, mit denen Anne Carnein ihre Pflanzengebilde formt: aus gebrauchten Kleiderstoffen, aus Leder oder Rupfen. Teile eines Poloshirts gaben beispielsweise die Außenhaut eines Selleriepflanze, Teile einer alten Lederjacke die dazugehörige Knolle. Dass die Stoffe bereits getragen und benutzt wurden, darauf legt die Künstlerin Wert, denn die Verfärbungen durch Gebrauch und Licht verleihen ihnen eine gewisse Naturnähe. Die farbliche Abstufung des Saftgehalts einer Wurzel kann so auf fast malerische Weise wiedergegeben werden. 

Die Bildhauerin Anne Carnein gestaltet Pflanzen mit alten Kleidern und Stoffen aller Art in ihrem Atelier im alten Schulhaus in Diepoldshofen.

Der erste Blick auf Carneins Pflanzen-Skulpturen hält eine überraschende Erkenntnis bereit: Wurzeln und Knollen gehören dazu. Das uns Vertraute, dem wir regelmäßig über der Erde begegnen, ist nur ein Teil des Ganzen. Das weniger Vertraute steckt in der Erde und macht manchmal mehr als die Hälfte aus. Manche Wurzel, die sie formt, ist fast menschhoch, manche zeigen abenteuerliche Windungen und Krümmungen. Fast alle streben nach oben, wachsen dem Licht entgegen. Bei manchen Blättern hat es den Anschein als präsentierten sie sich mit einem gewissen Stolz. Der Blick aus der Nähe offenbart die Machart, legt das Künstliche offen – die Flecken aus Stoff, die offen liegenden Fäden, das farbige Garn, das sich um ein Drahtgebilde windet. Jedes von Carneins Pflanzenwesen hat somit zwei Naturen.

Im Fernsehbeitrag erfährt man, dass ihre Eltern aus der Landwirtschaft stammen, dass für sie selbst der Umgang mit Pflanzen und Tieren von Kindheit an selbstverständlich war. Ganz ähnliche Wurzeln hat Dorothea Schrade, die in den 1960er Jahren auf dem Hofgut Missen in der Nähe von Kißlegg eine landwirtschaftliche Lehre absolvierte. Beide kennen das Gewachsene also nicht nur vom Betrachten.

Die verstorbene Malerin Dorothea Schrade arbeitete in ihrem Atelier in direkter Nachbarschaft zu Carnein. Aus der Nähe wurde Freundschaft.

Die Malerei von Dorothea Schrade öffnet Augen und Herzen. Ihre kräftigen Farben, das Vertraute, das Zarte, das sie uns so üppig darbietet. Sie springen einen regelrecht an. Immer wieder richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf blühenden Mohn und ganze Mohnfelder. Ihr Rot scheint in manchen Bildern regelrecht über die Landschaft zu fließen, stellenweise nimmt es die Anmutung von Blut an. Zeitweise galt die Künstlerin als „Mohnmalerin“, was dem Spektrum ihrer Motive nicht gerecht wird: Rosen, Veilchen, Malven oder Ashanti Gold wurden ihr ebenso zum Anlass. Eine Ansammlung von Tulpen formte sie zum „Aufstand der Frühlingsarmee“. Und immer wieder hielt sie blühende Bäume mittels Ölfarbe fest. Die Energie, die sie aus dem Betrachten empfing, die ist unmittelbar spürbar.

Die Ausstellung endet mit einer Ansammlung von Kleinskulpturen. Anne Carnein erweitert ihr Spektrum dabei um Vasen, Dorothea Schrade um Pferde. Der Blick aus dem Fenster des Schlosses in den alten Baumbestand ergänzt noch das Gesehene und bestätigt auf überraschende Weise die Kraft künstlerischer Ideen. Häufig heißt es ja, dass die Natur in ihrer Vielfalt nicht zu übertreffen sei; angesichts dieser Ausstellung ist es angemessen zumindest von Augenhöhe zu sprechen, auf der sich die Kunst für einen Moment mit der Natur begeben.

Am 18. Oktober führt Anne Carnein durch die Ausstellung. Der Katalog, 160 Seiten, kostet 23 Euro.

Autor: Uwe Degreif


erschienen in Oktober 2026

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