Schnelllebig ist unsere Zeit. Schon verblasst das Bild vom Heiligblutfest des Jahres 2026. Andere Ereignisse rücken in den Vordergrund. Wir wollen dennoch einen Blick zurückwerfen auf das wichtigste Fest Bad Wurzachs. „Der Wurzacher“-Reporter Gerhard Reischmann war am Morgen des Blutfreitages (10.7.) mit dem Fahrrad im Städtle unterwegs und hat Eindrücke gesammelt.
Als er um 8.30 Uhr am Haus St. Hedwig vorbeikommt, ruft ein Bewohner: „So, bisch mit’m Fahrrad do?“ Der Reporter, nicht maulfaul, antwortet: „Jo, mit em Stahlross.“ Was allgemein für Heiterkeit am Prozessionsweg sorgt.
Am Friedhof steigt er aus dem Sattel und kettet sein „Ross“ an. Zu Fuß den Gottesberg hinauf. Aus dem Gottesberg-Garten erschallt Kinderlärmen. Ein Bub hält die Hände vors Gesicht und zählt runter. Die sechs munteren Kids spielen Versteckerles. Es sind die Pagen, die um sieben Uhr am Schlossportal Spalier gestanden waren – rotsamtene Kissen in der Hand, darauf die Leidenswerkzeuge. Nachdem die 1. Abteilung der insgesamt 62 Reitergruppen den Altar am Schlossportal passiert hatte, waren die Aloisiuspagen zum Gottesberg gewechselt, wo sie ein zweites Frühstück bekamen und auf ihren zweiten Einsatz warteten; der ist ab zirka 10.00 Uhr am Wegkreuz am Fuße des Gottesberges, wenn die 2. Abteilung gesegnet wird. In der Zwischenzeit also spielt man Verstecken.
„Derf i a Foto von Euch mache. ‘s isch für d‘ Bildschirmzeitung. Kennet’r dia?“ – „Jo, dia liest immer mein Opa“, ruft einer der Pagen. Schwester Klara, die am Eingang zur Gottesbergkirche Mess-Stipendien in ein großes Buch einträgt, gibt zu bedenken: „Dia Page sind grad it reat a‘zoga.“ – „Ab’r se spielat doch so schee. Des Foto muass sei. I fotografier se noche no im volla Ornat.“
Der Pagendienst sei unter den Erstkommunionkindern durchaus begehrt, berichtet Schwester Klara. Es habe sogar eine Warteliste gegeben.



In der Wartezeit auf ihren nächsten Einsatz spielen die sechs Aloisius-Pagen im Garten des Gottesberges Verstecken.
9.30 Uhr: Die Pagen verschwinden im Bruderhaus des Gottesberges, um kleidungsmäßig wieder auf Stand gebracht zu werden.
Nun ist der Reporter am Warten. Hat er doch das Foto „im vollen Ornat“ zugesagt.
Da kommt Jakob. Angetan mit Umhang, Mütze, weißer Halskrause, weißen Handschuhen. Auf seinem Polster ist die Leiter angepinnt. Sie steht bei den Leidenswerkzeugen Christi für die Kreuzabnahme Jesu nach seinem Tod.


Der Reporter hat sein Foto. Bald wechselt er hinunter zum Wegkreuz, zur zweiten Segnungsstation. Dort sieht er seine Pagen wieder. Hurtig zwischen den Blutreitergruppen auf die andere Straßenseite gehuscht – Presse darf das – und die Pagen ins Visier genommen.

Die Pagen bei der zweiten Segnungsstation (am Fuße des Gottesberges).

Da, vorne, das ist doch Jakob mit der Leiter. Die Handschlaufe, damit das Polster nicht abrutscht, war dem Reporter noch gar nie aufgefallen.

Die das Heilige Blut beschützenden Hellebardenträger werden seit jeher in (Bad) Wurzach als Schweizergarde bezeichnet. Was für ein Zufall: Die Farben der Original-Schweizergarde im Vatikan und die Stadtfarben Bad Wurzachs sind identisch.

Rasch noch Franziska, die den Abtsstab hält, fotografiert und rauf zum Gottesberg. Der Einzug des Baldachins, unter dem die Reliquie getragen wird, steht bald bevor. Rechts am Weg hat das Wurzacher Jugendrotkreuz sein Zelt aufgeschlagen und bietet Wasser an. Es soll ein heißer Tag werden. Aber noch weht ein angenehmes Lüftle.


Am Baum neben dem JRK-Zelt wartet ein Musikant aus Molpertshaus auf seinen Einsatz.

Er steht auf AC/DC und Gottesberg: Franz aus Marbach. Auch er steuert das Pontifikalamt an.
Der Reporter hat inzwischen für den Einzug des Baldachins ein strategisch günstiges Plätzchen gefunden, ziemlich weit oben am Weg zum Frei-Altar.
Musik ist zu hören. Heuer haben die Molpertshauser die Ehre, den Einzug zu begleiten.
Vorneweg zwei Ordnungshüter. Die Feuerwehrmänner Norbert Fesseler und Carl-August Mohr gehören zu den vielen ehrenamtlichen und hauptamtlichen Helfern, die vor und hinter den Kulissen dafür sorgen, dass das Fest gelingt.


Auch Klaus Schütt, seines Zeichens Organisationsleiter, geht voran.

Wie jede der 28 Musikkapellen haben auch die Molpertshauser ihre Sträußchen-Trägerinnen.


Da kommt der Page mit der Leiter.

Abt Dr. Marianus Bieber trägt die Reliquie.
Nach dem Pontifikalamt sieht der Reporter oben bei den Ehrenplätzen den neuen Bürgermeister im Gespräch mit Fürst Erich. Höflicher Smalltalk mit den hohen Herren. Das Foto ist im Kasten.
Jetzt aber runter zur TSG und zur Wallfahrer-Bratwurst. Vom eingerüsteten Kirchturm grüßt die gelb-weiße Kirchenfahne, der „Zachäus“.

Nach der Atzung strebt der Reporter die häusliche Redaktionsstube an. Vor dem Zelt der TSG hocken ein paar Musikanten aus Arnach. „Hock na“, rufen sie und schieben ein frisch gezapftes Bier her. Der Reporter, tapfer im Dienstmodus, widersteht der Lockung. „I sott weiter.“ – „Wa hosch den so Pressants?“ – „I hon a Foto vom nuia Schultes, wia’r mit dem Fürscht schwätzt. Des muss sofort in de ,Wurzacher‘ nei.“ Artig adieu gesagt und rasch das Stahlross bestiegen. Fünf Kilometer bis Brugg gestrampelt. Um 14.15 Uhr steht das Fürsten-Bild online.

Hohe Herren.
14.15 Uhr: Höchste Zeit, ab zur Bergpredigt; nun mit dem Auto.

14.35 Uhr. Schwester Klara verliest das berühmte Gleichnis vom Weinstock und den Reben.
Manuel Hammer hat ein Meditationsbildchen verteilen lassen, das Christus in der Kelter zeigt. Das ist das Thema des aus dem Unterland stammenden Bergpredigers: Jesus als Winzer, der sein Blut keltert.
Manuel Hammer, inzwischen Pfarrer in Heilbronn, vor einigen Jahren als Vikar in der Seelsorgeeinheit Bad Wurzach tätig gewesen, ist ein routinierter Prediger. Macht mit einigen scherzhaften Bemerkungen seine schwere Kost bekömmlich, erinnert, wie er vor Jahr und Tag den Bad Wurzacher Stadtpfarrer von der Güte nordwürttembergischen Weines habe überzeugen wollen. „Gelungen“, ruft Stefan Maier. Und Hammer bemerkt, dass Pfarrer Maier am Vorabend des Blutfreitags, als der an der Tür des Wurzacher Pfarrhauses anklopfende Unterländer als Gastgeschenk einen Tropfen aus seiner Heimat überreichte, keinesfalls „erblasst“ sei.
„Weinbau am Gottesberg – das wär‘ doch was!“ So eröffnete Manuel Hammer seine Ansprache. „Aber die Kirchengemeinde hat ja alle Hände voll zu tun mit der Sanierung des Kirchturmes.“ Mit diesen Worten kassierte der Prediger sogleich seinen nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag.

Der Vorschlag ist vom Tisch. Aber die Zuhörer sind mittendrin in der Bergpredigt. Pfarrer Hammers Text, passend zum hier eingeklinkten Meditationsbild, haben wir unter dem roten Download-Balken in der rechten Spalte hinterlegt. Lesenswert.

„Christus in der Kelter“: Darstellung aus dem 12. Jahrhundert.

Nach Segen und Wallfahrtslied – immer wieder hörenswert – lockt nun mit Macht das TSG-Bierzelt. Kumpel Hans geht mit. Der Heiligblutwagen, an dem wir zielstrebig vorbeimarschieren, ist immer noch unversehrt. Ab 16.00 Uhr darf man Blumen entnehmen und so sammelt sich in den Minuten vor der Deadline eine gar nicht kleine Menge am Landauer. Als man zugreifen darf, sagt eine junge Musikantin hörbar: „Die lege ich aufs Grab von meinem Opa.“

Noch unversehrt: Der Heiligblutwagen um ca.15.30 Uhr.
Wir finden einen schönen Platz auf den großen Quadern an der Ach. Die jungen Stadtkapellen-Musikanten haben einen noch besseren Platz: Sie haben ihre Bierbänke in die Ach gestellt.

Sie haben sich ein ganz besonderes Plätzchen geschaffen: Bad Wurzacher Musikant(in)en am Nachmittag des Blutfreitags.
War wieder ein richtig schöner Blutfreitag.
Text und Fotos: Gerhard Reischmann
Nachstehend finden Sie unter „Lesen Sie hierzu auch“ weitere Bilder von Reischmanns Fahrrad-Exkursion am Blutfreitag
Unter dem roten Download-Balken in der rechten Spalte haben wir die Bergpredigt von Pfarrer Manuel Hammer hinterlegt








