Zum Hauptinhalt springen
130 Namen, 130 Schicksale

Als ein Kriegsdienstverweigerer das Arnacher Kriegerdenkmal ausmalte

Foto: Gerhard Reischmann
Relief am Fuß des Arnacher Gefallenenmahnmals.
veröffentlicht am: 23.09.2026
Autor: Gerhard Reischmann
Lesedauer: ca. 21 Minuten

Arnach – 1996 ließ der Arnacher Pfarrgemeinderat den Oberen Friedhof – den Gottesacker unmittelbar an der Kirche – neu bauen. Auch das Kriegerdenkmal wurde hergerichtet. Kirchenpfleger Gerhard Reischmann bat den selbständigen Malermeister Walter Vogt, die verwaschenen Buchstaben der Gefallenennamen mit roter Farbe auszumalen. Es war ein schönes Bild, wie der friedensbewegte Maler mit den langen Haaren, der freimütig bekannte, ein Kriegsdienstverweigerer zu sein, die Kerben der Buchstaben ausmalte und so die Erinnerung an die Arnacher Kriegstoten bewahren half.

Während Walter Vogt malte, betrachtete Gerhard Reischmann das 1922 errichtete und nach dem Zweiten Weltkrieg erweiterte Mahnmal. Obwohl heimatgeschichtlich beschlagen, waren ihm etliche Namen von Gefallenen und Vermissten gänzlich unbekannt: Volk, Zollikofer, Brauchle, Hazler zum Beispiel. Er beschloss, den Namen nachzuspüren.

Erste Quelle war das auf dem Arnacher Rathaus verwahrte Ehrenbuch zum Ersten Weltkrieg, in dem die Kriegsteilnehmer aus Arnach genannt sind, also jene Männer, die 1918 und 1919 mehr oder weniger heil heimkamen, und jene, die draußen auf den fernen Kriegsschauplätzen, in Frankreich, in Russland und anderswo, ihr junges Leben eingebüßt hatten.

Die knappen Angaben aber reichten nicht, um die Männer den hiesigen Häusern zuzuordnen. Gerhard Reischmann befragte alte Arnacher. Sein ergiebigster Gewährsträger war Josef Gögler aus Hünlishofen (1934 – 2022). Der Landwirt war eine Quelle par excellence. Warum? Obwohl am Rande eines Weilers zu Hause, war er bestens ins Dorf integriert, war im Musikverein aktiv, spielte Theater, saß im Pfarrgemeinderat.

Aber auch andere alte Arnacher halfen weiter. Der in Arnach weit verbreitete Name Gut stellte den Namensrechercheur vor Probleme. Er befragte Thaddäus Hummel (1934 – 2002) in Riedlings. „Herr Hummel, kennt’s sei, dass der Name Gut mit Ui zsammahanget? I bin auf d‘r Suche nach emma Karl Gut.“ – „Do bisch bei mir reat. Des war mei Großvat’r.“ Und dann erklärte mir „Thedi“, wie er in Arnach allgemein gerufen wurde, seine Familiengeschichte.

Karl Gut, geboren 1884, überlebte den Großen Krieg, kam aber schwer angeschlagen heim. Am 7. Januar 1919 starb er im Alter von 35 Jahren. Karl Gut war Bauer auf dem heutigen Hummel-Hof in Riedlings. Er hinterließ drei Töchter, darunter Rosalia, die spätere „Rad“-Wirtin in Leutkirch. Diese war die Mutter von Thedi. Witwe Gut heiratete ein zweites Mal, Max Dorn. Beider einziger Sohn Max fiel im zweiten Krieg (1943). Thedi half schon als Schüler auf dem Hof in Riedlings. Ende der 1950er-Jahre heiratete dann der Leutkircher Gastwirtssohn Thaddäus Hummel auf den Hof seiner Großmutter und trieb ihn mit seiner Frau Hilde (geborene Müller, von der Riedlingser Käserei stammend) um, bis sie 1988 an Sohn Karl-Josef (mit Frau Margit) übergaben.

Das ist eine der vielen Familien-Geschichten, die sich hinter den 51 Namen an der großen Stele und den 79 Namen an den Tafeln des Rundbogens am Arnacher Mahnmal verbergen.

In der Kapelle in Riedlings findet sich dieses Epitaph, das an den Soldatentod von drei Riedlingser Männern erinnert, alle die einzigen Söhne auf ihren Höfen (darunter Max Dorn vom heutigen Hummel-Hof). Foto: Gerhard Reischmann

Im November 1996, pünktlich zum 120-jährigen Jubiläum der Soldaten- und Schützenkameradschaft, einst Kriegerkameradschaft und zu Beginn Veteranenverein geheißen, brachte Gerhard Reischmann als Beilage zum Arnacher Kirchenanzeiger seine Namensliste zu den Arnacher Gefallenen und Vermissten der beiden Kriege heraus, der er einen zusammenfassenden Text voranstellte; diesen Artikel („Wenn der Stein reden könnte“) haben wir unten platziert sowie unter dem roten Download-Balken in der rechten Spalte als herabladbares PDF hinterlegt.

Am 13. November 2022 wurde daran erinnert, dass das Arnacher Gefallenenmahnmal exakt 100 Jahre zuvor errichtet wurde. Gerhard Reischmann (Bild) erinnerte in einer kurzen Ansprache an ausgewählte Schicksale. Die Rede haben wir unter dem zweiten Download-Balken in der rechten Spalte hinterlegt. Foto: Margit Reischmann

Gebhard Baumanns Weltkriegsausstellung

Im Jahre 2014, 100 Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, veranstaltete Gebhard Baumann, der heutige Ortsheimatpfleger, im Katholischen Gemeindehaus St. Ulrich eine Ausstellung mit Arnacher Erinnerungsstücken zum Ersten Weltkrieg. Er brachte damals ein Heft heraus, das eine erläuternde Namensliste zu den Arnacher Gefallenen des Ersten Weltkrieges und darüberhinaus eine Fülle an Zusatzinformationen enthält. Dabei hatte er sich auf die Arnach-Chronik von Hermann Haiss von 1931 und auf die Ausarbeitung von Gerhard Reischmann von 1996 gestützt. Zudem hatte er eigene Recherchen angestellt.

Die Zahl der Arnacher Kriegsopfer

Wieviel Arnacher waren es, die aus den beiden Kriegen nicht mehr heimkamen? Die Zahl differiert, je nachdem, ob man die Pfarrgemeinde oder die politische Gemeinde Arnach für die Statistik zugrundelegt. Während das Gefallenenmahnmal insgesamt 130 (51 + 79) militärische Kriegsopfer nennt (Gefallene und Vermisste), kommt die Rathausstatistik auf 138 Tote (56 + 82 / Erster Weltkrieg laut Ehrenbuch, Zweiter Weltkrieg gemäß den Portrait-Tafeln im Rathaus). Die Differenz erklärt sich im wesentlichen aus dem unterschiedlichen territorialen Zuschnitt der Kirchengemeinde Arnach einerseits und der politischen Gemeinde (Ortschaft) Arnach andererseits, wobei die Namensnennung auf dem Kriegerdenkmal sich auf die Pfarreigrenzen bezieht. Beispiel: die zwei Mayer-Söhne von der Niedermühle, die auf dem Rathaus genannt sind, nicht aber auf dem Kriegerdenkmal (der Wohnplatz Niedermühle gehört politisch nach Arnach, kirchlich nach Bad Wurzach).

Nimmt man die 130 Namen auf dem Kriegerdenkmal und zählt jene elf, die auf dem Rathaus – nicht aber auf dem Kriegerdenkmal – genannt sind, hinzu, kommt man sogar auf die Zahl 141. Diese Zahl setzt sich so zusammen: 127 Männer, die sowohl auf dem Kriegerdenkmal als auch im Rathaus genannt sind; elf, die nur auf dem Rathaus geführt werden, und drei, die nur auf Kriegerdenkmal genannt sind.

Bedauerlicherweise weder hier noch dort genannt ist Hans Hetzler, der einzige Sohn des „Adler“-Pächters Karl Hetzler, der als blutjunger Flieger im Zweiten Weltkrieg sein Leben einbüßte.

Nicht genannt sind auch Arnachs zivile Opfer wie etwa Zita Breimaier aus Hünlishofen, die bei einem Bombenangriff auf Freiburg ihr Leben verloren hat. 1944, im selben Jahr wie ihr Bruder Hubert, der gefallen ist! Zita Breimaiers Name steht auf dem Mahnmal der Breisgau-Stadt.

Zu erinnern ist auch an Michael Pyscarczyk und Stefan Oruba. Die beiden polnischen Ziegelwerksarbeiter wurden im Sommer 1945 erschossen im Wurzacher Ried aufgefunden. Sie wurden 23 und 24 Jahre alt. Beigesetzt sind sie auf dem Wurzacher Friedhof. Die Todesumstände sind ungeklärt. Nachgewiesen ist, dass die Gestapo am 18. April 1945 auf dem Ziegelwerksgelände einen Appell durchgeführt hat.

130 Namen stehen auf dem Gefallenenmahnmal unsere Gemeinde. Es erinnert an 130 Menschen, die eines gewaltsamen Todes starben. Ihr Tod mahnt zum Frieden.
Gerhard Reischmann

Anmerkung: Der Autor des vorstehenden Artikels sah davon ab, im Ich-Stil zu schreiben, um seine Person nicht zu sehr in den Vordergrund zu rücken. Nachstehend jener Text, der über die oben beschriebenen Recherchen im Jahre 1996 entstanden war:

Wenn der Stein reden könnte

Am 6. August 1922 wurde das Arnacher Gefallenenmahnmal eingeweiht. Damals war es allein die Granit-Pyramide, die unverändert heute noch steht. Auf ihr sind 51 Namen eingemeißelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam der Rundbogen mit den hier angebrachten Erinnerungstafeln dazu. Darauf stehen 79 Namen.

Die würdige Anlage wird gemeinsam von der Pfarrgemeinde Arnach und der Stadt Bad Wurzach unterhalten. Die Soldaten- und Schützenkameradschaft Arnach hält die Erinnerung an die Toten der Kriege, an Opfer von Gewalt und Terror jeglicher Art, wach.

In Riedlings in der Kapelle …

…gibt es zudem eine Gedenktafel, die an die drei Riedlingser Gefallenen des Zweiten Weltkriegs erinnert. Es waren drei Bauernsöhne, jeweils die einzigen Söhne, die Hoferben. Gefallen alle in Russland.

Es sind dies:
Ulrich Engler, gefallen 1942 im Alter von 19 Jahren – heute Hof Engler
Max Dorn, gefallen 1943 im Alter von 20 Jahren – heute Hof Hummel
Karl Rast, gefallen 1944 im Alter von 32 Jahren – heute Hof Fimpel (Konrads Einöde)

Selbstverständlich stehen die drei Namen auch am Mahnmal in Arnach, im Rundbogen. An der Pyramide sind die Riedlingser Gefallenen des Ersten Weltkrieges genannt.

Die einzigen Söhne!

Die einzigen Söhne! Diesen Schmerz teilte der alte Wagner Wirbel, dessen Anton im Krieg blieb (1942), mit dem Dinser von Freipürsch, dessen Marzell nicht wiederkam (1944), und mit ach so vielen anderen.

Otto Weiland, gefallen 1941, war der Einzige beim „Wäscher“ gewesen (heute Maria und Manfred Rief, Rahmhaus), Josef Weiland, der Einzige von Franz Weiland (Rahmhaus; heute Franz und Christine Weiland).

Zwölf Tage vor der Kapitulation traf es den 19-jährigen Josef Schmid, den Einzigen vom „Ziegler“ (26. April 1945).

Oder im Ersten Weltkrieg: Bei „Metzgers“ waren Vater und Sohn im Krieg gewesen. Wie bitter musste es für den Xaver Müller (Jahrgang 1872), der glücklich die Heimat wiedersah, gewesen sein, als er wahrhaben musste, dass sein einziger Sohn Josef (geb. 1898) nicht wiederkam. Josef Müller starb 19-jährig am 20. Mai 1917 an Gasvergiftung; er liegt am Cornelett-Berg in Frankreich. Auf den Metzgerhof, eine „Mädlehoimat“, heiratet dann Konrad Klöckler aus Geboldingen (gestorben 1995); heute Konrad Kling.

Mädlehoimata

Mädlehoimata, ausgestorbene Namen – Beispiel Niedermühle: Der alte Martin Mayer (Jahrgang 1883) musste im Frühjahr 1943 erfahren, dass sein Martin seit Januar verschollen ist; 1944 ereilte ihn die Nachricht, dass sein Alois am 18.6.1944 für den Führer den Heldentod gestorben ist (beide Mayer-Söhne sind in der Verena-Kirche in Bad Wurzach genannt, da der Arnacher Teilort Niedermühle pfarrlich nach Wurzach gehört). Heute schreibt man sich auf der Niedermühle Schiedel.

Alte Arnacher Namen, die kaum einer noch kennt, ausgelöscht mehr oder weniger von der Kriegsfurie: Brauchle (Riedlings / heute Bucher), Dinser von Freipürsch-Hasenhorner (heute Lupfer), Mangold aus Arnach, Traut von Freipürsch-Gastlis (heute Frommlet), Dreßler (Riedlings / später Lauber, dann Jocham), Zollikofer von Geyers (heute Blank Herbert und Stephanie).

Ausgestorbene Arnacher Namen – wer kennt sie noch? Butscher, heute Bernhart im Greutfeld (Hof Rotes) ist noch ein Begriff; aber wer weiß noch von der Vorgängerfamilie Hazler, deren Franz Josef anno 1916 gefallen ist? Wer weiß noch von Schenk und Schaaf, beide Übendorf, wer von Volk in Riedlings (später Marxer, heute Schneider), oder von Rogg in Hünlishofen (später Gögler, heute Gresser).

In Schlesis waren einst die Kiechles; Otto (1941) und Eugen (1943) blieben im Krieg; später wurde an Vetters verkauft (auch die Familie Vetter hat einen Gefallenen zu beklagen: Ruprecht, der 1945 mit 19 Jahren fiel / ein Bruder von Rudolf Vetter).

Drei Söhne und der Schwiegersohn

Oder die Familie Welte im Rahmhaus: Drei Söhne und der Schwiegersohn fielen! Baptist Welte traf es 1943 mit 28 Jahren; Josef, der drei Jahre älter war, fiel 1944; Xaver, Jahrgang 1913, ist seit April 1945 vermisst.

Und dann war da noch August Dömkes, ein Rheinländer, Jahrgang 1915, der – mitten im Krieg, 1942 – die Theresia Welte heiratete. Beider einziges Kind – Ingeborg – sah der Unteroffizier an Weihnachten 1943 zum ersten Mal. Das Mädchen war damals fünf Monate alt. August Dömkes musste zurück in den Krieg und kam nicht wieder (Theresia Dömkes heiratet später den Fidel Geisler von Immenried; der Hof wurde in den 60ern an Sünder verkauft (später Dentler).

Tragödien, wohin man schaut: Bei Gapps schlug Schnitter Tod binnen 14 Tagen zweimal zu: Heinrich Gapp, den Sohn vom Postboten Gottfried Gapp, traf es am 11.8.1943; sein Cousin Josef, den Sohn von Posthalter Bernhard Gapp, am 24.8.43.

ANZEIGE

Geboldingens schwarzer Tag

Man schrieb den 17. Oktober 1942: an diesem Tag fielen Hans Klöckler und Ulrich Längst aus Geboldingen – aus dem selben winzigen Weiler stammten sie, zwei Häuser auseinander, und dasselbe Schicksal ereilte sie just am selben Tag, viele hundert Kilometer voneinander entfernt in den Weiten Russlands.

Hans Klöcklers Bruder Wilhelm blieb auch im Krieg; hinter Wilhelm Klöcklers Namen steht die Jahreszahl 1947. Umgekommen in der Gefangenschaft, in Sibirien. Dreimal, erzählte Maja Klöckler fast ein halbes Jahrhundert später unter Tränen, dreimal habe sein Name auf einer Heimkehrerliste gestanden und dreimal habe er am Bahnhof umkehren müssen. Wilhelm Klöckler, Jahrgang 1900, hatte sich freiwillig gemeldet – für seinen Bruder Xaver, den Hofbauern in Geboldingen. Wilhelm Klöckler, Lehrer in Wolfegg, hinterließ Frau und fünf Kinder.

Auch der „Löwen“-Wirt

Arnacher Namen: Wer kennt noch Xaver Buchbinder, den einstigen „Löwen“-Wirt? Xaver Buchbinder, ein gelernter Metzger, stammte aus Rohr. 1938 heiratete er Rese Kiebler, die auf dem „Löwen“ im Dienst war, und übernahm den Gasthof. 41 wurde er eingezogen. Gleich in den Osten, Stalingrad. Einer von den vielen, die sich von Stalingrad nach Sibirien schleppten, in die Gefangenschaft, das war der Xaver Buchbinder aus Arnach. Den Marsch nach Asien überlebte der 32-Jährige nicht. Xaver Buchbinder hinterließ zwei Buben, den Albert (geb. 1939) und den Rainer (geb. 1942), dessen er nie ansichtig geworden ist.

Rese Buchbinder brachte die Wirtschaft allein über die Kriegs- und die erste Nachkriegszeit, unter tatkräftiger Mithilfe ihrer Schwester Wally (später Fimpel, Rudolf, Weißenbauern). 1950 heiratete sie den Gebhard Peter aus Aich bei Karsee, den legendären „Peter-Wirt“. 15 Jahre lang trieben die Peters den Arnacher „Löwen“ um, dann zogen sie sich aufs Altenteil nach Leutkirch zurück.

Fünfmal Mahle

Manche Familien traf es besonders schlimm; so auch die Mahles aus Übendorf. Anton – er war verheiratet gewesen nach Augsburg – fiel 1914 (seine Witwe kam während des Krieges mit ihrem Kind auf dem Hof in Übendorf unter); Xaver wurde am 16. Oktober 1917 von einem Artilleriegeschoss zerfetzt; Josef sah zwar die Heimat wieder, er war aber so gezeichnet, dass er am 14. Januar 1920 mit 38 Jahren starb (Josef Mahle liegt in Arnach begraben). Der vierte Bruder, Matthias, der den Hof übernahm, hatte im Krieg einen Lungenschuss erlitten, an dem er jahrelang litt; 1930 starb Matthias Mahle mit 34 Jahren an den Folgen einer Lungenoperation. Seine Witwe stand mit drei kleinen Kindern (Josef, Xaver, Bernhard) da und brachte den Hof über die Runden. 1943 musste sie zu allem noch die Nachricht vom „Heldentod“ ihres Sohnes Xaver erfahren.

Soldatenmütter, Kriegerwitwen

Ja, die Soldatenmütter. Mutter Schlump von Übendorf ist ihrer Lebtag nicht mehr farbig gegangen, nachdem zwei ihrer Söhne (Josef / vermisst 44, Felix / vermisst 45) nicht mehr wiederkamen. Mutter Mangold, deren Mann Matthias am 15. April 1945 fiel (im Alter von 53 Jahren!), klammerte sich an die Hoffnung, dass wenigstens der Sohn wiederkomme: „‘s muass immer oiner im Haus sei, ‘s muass immer a Licht brenna, em Fall, d‘r Bua kommt hoim!“ – habe sie stets gesagt. Der Sohn, ebenfalls mit Namen Matthias (Jahrgang 1922), ist nicht mehr gekommen.

Wer kennt noch Genovefa Schaaf von Übendorf? Den ersten Mann verlor sie im ersten Krieg. Max Schaaf war durch Artillerie-Volltreffer am 8. Juni 1917 gefallen (wie es auf dem Sterbebildchen heißt / im Ehrenbuch auf dem Rathaus heißt es: „durch Verschüttung“). Mit Max Schaaf, der nur 33 Jahre alt wurde, hatte sie zwei Kinder (Georg und Anna). Nach dem Krieg heiratet Luzius Henkel von Rotkreuz bei Kempten in das kleine Häuschen nach Übendorf (heute Haus Harald und Andrea Braun); mit Luzius Henkel hatte Genovefa Schaaf, geb. Sauter von Rahmhaus, noch drei Kinder (Magnus, Theresia, die spätere „Bären“-Wirtin von Reichenhofen / verheiratete Bernhardt, sowie Hedwig). Magnus Henkel fiel am 7. Mai 1943 in Orel im Osten. Genovefa Henkel von Übendorf – eine einfache Frau, die im ersten Krieg den Mann und im zweiten Krieg den Sohn verlor.

Oder die Kriegerwitwe Wilhelmine Schenk. Eigentlich hatte sie nur drei Jahre im Allgäu gelebt. 1943 war sie bei ihren Schwiegereltern Airinger in Übendorf untergekommen, evakuiert aus Düsseldorf, wo prompt die elterliche Wohnung zerbombt wurde. Wilhelmine und Georg Schenk, der Stiefsohn von Schuhmacher Airinger, hatten 1943 im Rheinland geheiratet. Die Ehe dauerte nur wenige Monate. Als der Bub – Hans-Georg wie der Vater – kam, war der Berufssoldat Georg Schenk schon tot, gefallen am 22.2.43, noch keine 24 Jahre alt. Dass er Vater wurde, das hat er gewusst, erleben durfte er sein Vaterglück nicht mehr. Wilhelmine Schenk ist dann gleich 46 zurück nach Düsseldorf, eine der vielen Trümmerfrauen, die Hand anlegten beim Wiederaufbau. 1948 holte sie ihr Bübchen nach. Geheiratet hat sie nicht mehr, den Lebensunterhalt verdiente sie als kaufmännische Angestellte. Ihre ganze Sorge galt ihrem Sohn, dem sie sogar ein Studium ermöglichte. Das Airinger Häuschen, in dem der Schenk-Bub den Großvater so oft beim Schuhe flicken zugesehen hat, das gibt’s nicht mehr; es hatte ganz in der Nähe der Kapelle gestanden und war so winzig gewesen, dass Wilhelmine und ihr Kind darin auf Dauer keinen Platz hatten – sie lebten dann in Buchbinders Stüble. Josef Airinger, der Schuster, muss in den 1950-ern gestorben sein.

In Arnach begraben …

… ist Karl Gut aus Riedlings. Er starb am 7. Januar 1919 im Alter von 35 Jahren an den Folgen eines Kriegsleidens. Karl Gut war Bauer auf dem heutigen Hummel-Hof; er hinterließ drei Töchter, darunter Rosalia, die spätere „Rad“-Wirtin in Leutkirch (Mutter von Thaddäus Hummel).

In Arnach begraben ist auch Adolf Ringer von Balthases. Ökonomierat Ringer, seines Zeichens auch Kirchenpfleger, ruhte nicht eher, bis sein Sohn Adolf, der am 5. November 1917 an den Folgen einer Granatsplitterverletzung im Westen starb, in die Heimat überführt wurde. Adolf Ringer, geb. am 5. Januar 1895, ruht an der Kirchenmauer gegenüber dem Kriegerdenkmal. Franz Ringer, der Bruder von Adolf, nannte seinen zweiten Sohn (der erste war Erich) nach dem Gefallenen, ein Brauch, der in vielen Familien zu beobachten ist. Dieser Adolf Ringer fiel dann im Zweiten Weltkrieg im Alter von 22 Jahren (1944 / liegt in Italien).

In fremder Erde

Kopfschuss, Schuss ins Herz, umgekommen im Gas, verschüttet im Schützengraben, gefallen im Sturmangriff – so liest es sich im Ehrenbuch für die Gefallenen und Vermissten des Ersten Weltkrieges. Dieses Buch, in dem auch die 176 Heimkehrer mit Ehrenblättern bedacht werden, wurde ums Jahr 1930 von vermutlich jenem Lehrer Haiss angelegt, dem wir Arnacher so viel Kenntnis der Ortsgeschichte verdanken. Über Adolf Gmünder zum Beispiel lesen wir: Geboren am 16. Juni 1876 in Arnach (heutiger Hof Hasenmaile); eingezogen im November 1917 nach Mindelheim (mit bereits 41 Jahren); Armierungssoldat; er starb am 8. April 1918 nach der Amputation beider Füße. Adolf Gmünder liegt in Sedan begraben.

Der Ort des Grabes – im Ersten Weltkrieg, der ein verbissener Stellungskrieg gewesen ist, lässt er sich häufig recht genau nennen; anders als im zweiten Krieg, der ein Bewegungskrieg mit modernsten Mitteln war und in dem viele ohne Ortsangabe im Irgendwo untergingen. Wurde ein Soldat als vermisst gemeldet, konnte in der Heimatpfarrkirche auch kein Requiem gehalten werden, was den Schmerz sicherlich noch vertiefte.

Doch auch bei den Gefallenen des Ersten Weltkrieges findet sich nicht selten die Formulierung: „Ort des Grabes unbekannt“. Begraben irgendwo in fremder Erde, liegen gelassen mitunter im Niemandsland zwischen den Schützengräben. Oder es heißt vage: „Liegt im Wald bei …“ (wie bei Josef Mangold, gefallen 1915 bei Lowicz / Russland).

1989! Post vom Suchdienst

Anders dagegen bei Fritz Buffler: Welch eine Überraschung, ja Sensation war es, als Emma Reichl (Kisslegg) den Brief vom Suchdienst der Kriegsgräberfürsorge öffnete: Man wisse jetzt ganz genau, schrieben die unermüdlichen Sucher aus Kassel, wo ihr Bruder Fritz liege: in Neu-Trebbin (Kreis Seelow/bei Frankfurt an der Oder); beigefügt war ein Foto, das einen kleinen hellen Grabstein mit Inschrift zeigt. Fritz Buffler, tödlich getroffen von Granatsplittern am Kopf, liegt dort in einem von örtlichen Privatleuten gepflegten Grab – zusammen mit 20 deutschen und 10 russischen Soldaten. Der Brief aus Kassel kam 44 Jahre nach dem Tod des 21-Jährigen (erst nach der Wende 1989 konnte die Kriegsgräberfürsorge im Osten unbehindert suchen – mit Erfolg auch noch nach so vielen Jahren). Jener Brief, den Fritz Buffler am 11. Februar 1945 nach Hause geschrieben hatte – einen Tag vor seinem Tod – brauchte trotz der Kriegswirren nur wenige Wochen; er kam in Arnach an, kurz, bevor die amtliche Todesnachricht eintraf.

Wenige Wochen später, im Mai 45, stand bei Bufflers der Vater vor der Tür: Fritz Buffler sen., der schon im Ersten Krieg den Kopf hatte hinhalten müssen, hatte sich im April und Mai zu Fuß von Tirol ins Allgäu durchgeschlagen – wie so viele in den unübersichtlichen Tagen des Zusammenbruchs.

Ein riesiger Schrei

Einen sehr lebendigen Eindruck der letzten Kriegstage geben die Aufzeichnungen von Hedwig Hierlemann (1928 – 1994) wieder. Die Tochter von Josef Kling (1891 – 1981), dem damaligen Bauern auf „Schwobes“ Hof in Brugg, schreibt: „Am 28. April in der Frühe holten wir Gras für die Kühe auf der Geboldinger Wiese. Wir hörten in der Ferne einen riesigen Lärm aus der Wurzacher Richtung, wie das Geschrei von vielen Menschen. Später erfuhren wir, was das war: Es war die Befreiung der internierten Engländer durch die Franzosen; die Engländer waren im Wurzacher Schloss hinter Stacheldraht eingesperrt gewesen. Jetzt feierten sie die Freiheit.“

Die weiße Fahne am Kirchturm

Weiter Hedwig Hierlemann: „Am selben Tag (28.4.1945), mittags um halb 12, war es dann soweit: Lange, bevor man die Panzer sah, hörte man (in Brugg) das dumpfe Dröhnen. (…) Ein Teil der Panzer fuhr Richtung Arnach und ein Teil Richtung Leutkirch. Auch in Arnach stand es auf Messers Schneide, dass es zum Beschuss kommen könnte. Die Panzer stellten sich schon auf, weil keine weiße Fahne am Kirchturm zu sehen war. Wir hatten ein Fernglas und konnten es genau beobachten. Dann atmeten wir auf: Die weiße Fahne wurde auf dem Turm sichtbar und der Ort war gerettet. Der französische Kriegsgefangene auf Heges Hof neben der Kirche hatte der Bäuerin das Tischtuch vom Tisch gerissen und war die Kirchturmtreppe hochgerannt. So wurde viel Unheil abgewendet.“

Nach anderen Quellen sei es der Kriegsgefangene von Klemens Steinhauser gewesen, der so zupackend reagiert habe.

Tiefflieger am Bahnhof

Noch einmal Hedwig Hierlemann, die in Brugg im Hof gegenüber der Kapelle zu Hause war: „Es war etwa am Anfang der Woche des Einmarsches (demnach am 23./24. April 1945; Anm. d DBSZ-Red.). Auf der Straße war nicht nur nachts, sondern auch tagsüber sehr viel Militär auf dem Rückzug nach Süden. Ganze Auto- und Lastwagenkolonnen und auch Pferdefuhrwerke zogen am Haus vorbei. Auf den Fahrzeugen saß immer ein Mann auf dem Kotflügel, um nach Tieffliegern Ausschau zu halten. Von Nachbarn wurde erzählt, dass es am Wurzacher Bahnhof Konserven und Schokolade aus Heeresbeständen geben solle. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen und so fuhren ich (17 Jahre alt) und Wirts Rosa (Rosina Abele, Bauernhansers) mit dem Fahrrad Richtung Bahnhof. Es waren sehr viele Leute dort, die alle etwas holen wollten. Nun kamen überraschend Tiefflieger und schossen auf die Menge, und alles rannte und suchte Schutz. Ich drängte mich gegen die Wand eines Güterschuppens. Als der Spuk vorbei war, fuhren wir so schnell wir konnten Richtung Brugg, allerdings ohne Beute. Es war ganz schlimm, was da auf der Straße los war. Die Tiefflieger hatten die Straße Wurzach – Leutkirch angegriffen. Immer wieder musste man an brennenden Autos vorbei. Zwischen Niedermühle und Truschwende war ein Bus die Böschung hinuntergestürzt. Nach Truschwende und im Gensen waren brennende Fahrzeuge, die immer wieder explodierten, so dass wir den Weg über Geboldingen nehmen mussten. Ich war dann heilfroh, als ich daheim war und die Familie ebenso. Sie hatten diesen Angriff auch erlebt. So sah es auf der Straße bis Leutkirch aus.

Noch Wochen später lagen die ausgeglühten Autowracks am Straßenrand. Oder dass irgendwo im Wald ein liegengebliebener deutscher Panzer stand. Auch bei uns hinterm Haus stand ein Pkw des Militärs von diesem Ereignis. Er kam mit seinen durchschossenen Reifen und Scheiben gerade noch hinter den Hof. Dort stand er dann Monate später noch und wurde von uns ausgeschlachtet. Ebenso wurde an jenem Tag in Brugg ein Pferd eines durchfahrenden Wagens erschossen und musste dann weggeschafft werden.“

Hedwig Hierlemann berichtet über ein weiteres Ereignis ähnlicher Dramatik, wenige Tage vor dem Einrücken der Franzosen: „Ich wurde nach Arnach geschickt mit dem Rad, um Butter zu holen bei Konrad Schmid (Käserei). Ungefähr unterhalb der Schlossboschen kam ein Tiefflieger und schoss auf mich. Ich warf mein Rad weg und rannte über die Wiese zu Bauernhansers Hof. Es wäre wohl besser gewesen, mich in den Straßengraben zu legen. Das Flugzeug drehte dann ab und ich war erleichtert.“

Bei der Bombardierung Freiburgs

Die 17-jährige Hedwig Kling wäre nicht das einzige zivile Opfer Arnachs gewesen. Zu erinnern ist etwa an Zita Breimaier aus Hünlishofen, die beim Bombenangriff auf Freiburg ihr Leben verloren hat. 1944, im selben Jahr wie ihr Bruder Hubert, der gefallen ist! Zita Breimaiers Name steht auf dem Mahnmal der Breisgau-Stadt.

Zu erinnern ist auch an das Leid der Vertriebenen: Nicht wenige unter uns Arnachern haben ihre Wurzeln im Osten. Was sie auf der Flucht zum Teil mitgemacht haben – es ist kaum zu beschreiben.
Gerhard Reischmann

Überarbeiteter Text aus dem Jahre 1996 (damals veröffentlicht im Kirchenanzeiger der Pfarrgemeinde Arnach und als Sonderseite in verschiedenen Lokalausgaben der „Schwäbischen Zeitung“)

Den Artikel „Wenn der Stein reden könnte“ haben wir unter dem roten Download-Balken in der rechten Spalte hinterlegt.

Unter dem zweiten roten Balken findet sich Gerhard Reischmanns Ansprache am Volkstrauertag des Jahres 2022.

Nachstehend ein großer Bericht zum 150-jährigen Jubiläum der Arnacher Soldaten- und Schützenkameradschaft

ANZEIGE
Neueste Beiträge
Ein Partnerunternehmen der Bildschirmzeitung
Diese Anzeige kann aufgrund Ihrer Netzwerkeinstellungen nicht angezeigt werden.