

Kontakt
Redaktion
Anzeigen
Reute – Wie die Kernstadt, so durfte auch Reute seine urkundliche Ersterwähnung – war im gleichen Jahr (926) – würdig feiern. Genau genommens entstand die Ersterwähnung im Weißenburger Codex einen Tag nach der Erwähnung Waldsees, fand Stadtarchivar Michael Tassilo Wild heraus. Den Reutener Festakt am vergangenen Samstag (4.7.) gestalteten der Fanfarenzug Reute, Oberbürgermeister Matthias Henne, der Musikverein Reute-Gaisbeuren, Staatssekretär Raimund Haser, Stadtarchivar Wild, Ortsvorsteher Achim Strobel gemeinsam mit Josef Bösch und Max Huchler vom Arbeitskreis Heimatpflege der Solidarischen Gemeinde, der Kirchenchor Reute und der Chor Reutissimo unter der Leitung von Felicia Wieland, Generaloberin Maria Hanna vom Kloster Reute und die Dance Kids sowie die Jugendtanzgruppe Passion des TSV Reute unter Leitung von Annette Schreiber.

Oberbürgermeister Matthias Henne (Bild) begrüßte neben sehr zahlreichen lokalen Ehrengästen auch Axel Müller MdB und Staatssekretär Raimund Haser und freute sich auf eine angemessene und würdige Feier der 1100-jährigen Geschichte von Liutbrahtsriute (Reute). Er dankte allen, die diese Feier mitgestalten werden. Diese Feier sei Anlass, innezuhalten, zu erzählen und zu berichten.
Henne würdigte die Bedeutung der Ortschaften
Henne hob die Bedeutung der Ortschaften für die Große Kreisstadt Bad Waldsee hervor. Die Eingemeindung von früher selbständigen fünf Gemeinden mit zusammen heute fast 8000 Einwohnern sei für alle eine gelungene Symbiose, die erst das heutige politische Gewicht der Stadt ausmache. Florierenden mittelständischen Unternehmen konnte so ein attraktiver Standort mit von der Stadt zu stellender Infrastruktur geboten werden. Als örtliches Beispiel erwähnte er den Neubau des Kindergartens und den Bau der Durlesbachhalle, wo stets die Neujahrsempfänge stattfinden können. Den Franziskanerinnen dankte er für die Neugestaltung des Klosterbergs und für die Vermietung eines Gebäudes zur Unterbringung von Geflüchteten aus der Ukraine. Man leiste an Menschen orientierten Daseinsvorsorge. Damit und dank der vielfältigen Aktivitäten der Vereine sei sichergestellt, dass Reute-Gaisbeuren kein bloßer Schlafort ist. Henne nannte hier namentlich die Solidarische Gemeinde, die von Dr. Konstantin Eisele ins Leben gerufen wurde. Dieses Konzept diene heute vielen Gemeinden als Modell. Dem Engagement vieler Menschen – einst und jetzt – sei es zu verdanken, dass Reute heute so ist, wie wir es kennen. Die Neugründung des Klosters und die Eröffnung des Bahnhofs Durlesbach im 19. Jahrhundert seien gute Beispiele. „Mit oberschwabentypischem Engagement, Geselligkeit und gutem Miteinander können wir alle unsere Herausforderungen auch in Zukunft lösen“, zeigte sich Henne zuversichtlich. Abschließend betonte Henne, dass er stets gerne in Reute sei und wünschte allen einen interessanten, abwechslungsreichen Abend voller Geschichte, Begegnungen und Geselligkeit.
Die Festansprache hielt Staatssekretär Haser

Die Festansprache hielt Staatssekretär Raimund Haser (Bild). Es sei ihm eine besondere Ehre und Freude, zu diesem Jubiläum sprechen zu dürfen, bekannte Haser. Mit der Zahl 1100 Jahre werde einem bewusst, wie klein der eigene Abschnitt eigentlich ist. Aber wie wir, so haben vor uns Viele jeweils einige Jahrzehnte diesen Ort mitgestaltet und Viele werden es auch nach uns tun. 1100 Jahre entsprechen ungefähr 40 Generationen. „Wir empfinden aber oft, als wären wir selbst schon immer hier gewesen und hätten erst gestern eigenhändig das letzte Mammut mit der Steinaxt erschlagen“, führte Haser mit plastischen Worten aus. Die Geschichte des Dorfes sei nie bequem gewesen, oft geprägt von Krieg, Krankheit, Hunger und Unsicherheit. So lade uns das Jubiläum ein zu fragen, woher kommen wir denn und was bedeutet das für uns heute. Anders als heute war Reute erst mal ohne Kirche, Straße und Dorfplatz. Es war Wald, Moor und Nebel, in das ein Mensch trat, der rodete, was dem Ort den Namen gab. Daraus wurde Lichtung und Acker und aus Acker wurde Heimat wie in vielen anderen Rodungssiedlungen Oberschwabens. Sie entstanden aus dem Mut, Neuland zu gewinnen.
Nach der Würdigung des Liutbraht (Leiprecht) und seiner Rodungsmannschaft ging Raiund Haser in der Geschichte noch weiter zurück, wandte sich dem Ende der Römerzeit zu. Nach dem Ende des weströmischen Reiches gab es die Völkerwanderungen ohne Sicherheit und Frieden. Erst die Gründung des Ostfrankenreiches schenkte Ordnung unter Karl dem Großen und seinen Nachfolgern. Ein zweiter wichtiger Vorgang war die Einführung des Christentums, so durch den iroschottischen Mönch Gallus, der in unserem Raum blieb. Mönche schrieben Urkunden über Verwaltungsvorgänge, die für uns Heutige Erinnerung sind. Im sicher lange Zeit vor 926 entstandenen Dorf schrieben einfache Menschen Geschichte, indem sie lebten, arbeiteten, beteten und ihre Kinder erzogen. Reutes Ersterwähnung geschah in Zeiten einer Erneuerung und eines Aufbruchs Europas mit Klostergründungen und der Besiegung der plündernden Ungarn. Reute schrieb nun seine Geschichte beispielsweise als Kloster, als die Gute Beth hier wirkte, in wechselnden Herrschaften in Kriegen und Frieden und nun auch in Jahrzehnten des Wohlstands, was nie selbstverständlich war.
Das so kluge Wort Goethes
Die wichtigste Botschaft des Jubiläums ist für Haser: Friede, Freiheit und Wohlstand sind nie selbstverständlich. Jede Generation müsse das neu erringen. Dazu zitierte Raimund Haser Goethes Wort, „was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen“. Und er rief zu Verantwortung und zu oft auch unbequemen Entscheidungen auf. Es brauche wohl Menschen wie jene Rodungsbauern, die das nicht für sich, sondern auch für Generationen nach ihnen taten. Heute ende Reutes Geschichte nicht, es beginnt das Jahr 1101. In Zukunft werden Menschen fragen, was wir bewahrt und wofür wir Verantwortung übernommen haben. Die Antworten dazu schreiben wir selbst jeden Tag. Den zahlreichen Anwesenden wünschte Haser den Mut des Rodungsbauern, die Weisheit früherer Generationen und die Zuversicht, Kindern und Enkeln das Dorf zu hinterlassen, auf das wir heute stolz sein dürfen! Die selige Gute Beth möge weiterhin ihre schützende Hand über Reute halten! Mit diesen Worten schloss Raimund Haser seine Festansptache.
Die Ausführungen des Stadtarchivars

Stadtarchivar Michael Tassilo Wild (Bild) erläuterte wie auch bereits zur Eröffnung der Jubiläumsausstellung im Waldseer Kornhaus, wie urkundliche Ersterwähnungen zu verstehen seien. Sie seien eher zufällig. In früheren Jahrhunderten seien Verträge und Vereinbarungen meist nur per Handschlag besiegelt worden und nicht in lückenlos geführten Urkunden. Schadensmeldungen fanden allerdings Eingang in Urkunden, so auch im Fall Reutes. So hätten plündernde ungarische Gruppen im zehnten Jahrhundert Siedlungen überfallen, ausgeraubt und vernichtet. Im Weißenburger Codex sei zu lesen, was damals in Reute existierte und wert war, mitgenommen zu werden.
Jenseits der Urkunde ist zu konstatieren, dass es bereits vor über 5700 Jahren hier ein jungsteinzeitliches Moordorf gab. Damals aber lebten Siedler kaum länger als drei Generationen an einem Ort und zogen dann weiter.
Was wir auch wissen, sei der Durchbruch eines technologischen Sprungs, nämlich die Entwicklung von Dolchen, die wohl vergleichbar mit der Einführung des Computers heute sei. In unserem Geschichtsbewusstsein sollte uns klar werden, dass wir nicht mehr sind als ein kleines Glied in der Kette zwischen heute, gestern und morgen.
Der Dank des Ortsvorstehers

Ortsvorsteher Achim Strobel (Bild) dankte allen, die diese Jubiläumsfeier mitgestaltet haben, insbesondere OB Matthias Henne, Staatssekretär Raimund Haser, Sponsoren, Vereinen und Ehrenamtlichen und auch für den stattlichen Besuch des Bürgerfestes. Er wünsche sich ein Identifizieren mit der Geschichte des Ortes, aber aus der Geschichte seien auch Lehren zu ziehen.
Podiumsgespräch mit Max Huchler und Josef Bösch

Anschließend bat der Ortsvorsteher Max Huchler und Josef Bösch vom Arbeitskreis Heimatpflege zum kurzen Austausch auf die Bühne (Bild). Thema war die neue Chronik, die druckfrisch vorlag. Das ursprüngliche Konzept hatte nur eine etwa siebzigseitige Publikation vorgesehen, daraus seien nun 140 Seiten geworden. Wie das geschafft wurde, wollte Strobel wissen. Die Antwort der Beiden: Es gab ein tolles motiviertes Team, gute Zusammenarbeit mit historisch Interessierten, insbesondere mit dem geistigen Vater der Chronik, mit Franz Zembrot. Großer Dank gebühre auch Elisabeth Maucher, die die Texte intensiv gelesen habe und sprachlich perfektioniert habe. Das Werk sei nun zum Preis von fünf Euro zu erwerben. Strobel, Huchler und Bösch überreichten darauf allen Prominenten und Gestaltern des Festakts ein Gratisexemplar. Es gab kräftigen Applaus für die vorbildlich geleistete Arbeit.

Max Huchler …

… und Josef Bösch würdigten das Teamwork, das hinter der Erstellung der Reute-Chronik stand.
Die Enthüllung
Achim Strobel bat nun Bürgermeisterin Monika Ludy auf, die neu geschaffene Tafel zur Ortsgeschichte zu enthüllen (Bild oben). In 23 Daten und einem Luftbild von Reute-Gaisbeuren fasst die Tafel für alle öffentlich sichtbar Reutes Geschichte zusammen.
Der Boden, auf dem wir stehen

Auch die Generaloberin der Franziskanerinnen Sr. Maria Hanna (Bild) trat ans Mikrofon und bat zunächst energisch um Aufmerksamkeit der bereits Feiernden, um einen Segen sprechen zu dürfen. Sie zeichnete das Bild unseres gemeinsamen Bodens, auf wir alle stehen. Dieser trage alles, auch Schweres, und aus ihm wachse auch vieles, was wir uns wünschen. Er präge auch unsere Kultur. Maria Hanna forderte dann alle zum Aufstehen auf, um die Arme symbolisch aus dem Boden zu bewegen: Arme hoch zu Gott, Arme überkreuz über der Brust zum Ich, zu mir und dann Arme weit ausbreiten für die ganze Welt, was zum Kontakt mit den Nebenstehenden führte.
Tänze zum Abschluss

Den Schluss des Festakts gestalteten höchst eindrucksvolle Auftritte der Dance Kids (Bild) und der Jugendtanzgruppe „Passion“ unter der Leitung von Annette Schreiber vom TSV Reute, die mit großem Applaus belohnt wurden.

Die Jugendtanzgruppe „Passion“.

Die Leitung bei „Passion“ liegt bei Annette Schreiber.

Der Chor Reutissimo und der Kirchenchor sorgten für die musikalische Umrahmung. Begleitung am Keyboard: Bernadette Behr.

Felicia Wieland leitet „Reutissimo“.

Selbstverständlich waren beim Ortsjubiläum auch der Fanfarenzug Reute …

… und der Musikverein Reute im Einsatz, dirigiert von Peter Leins (FZ) und Klaus Wachter (MV).

Nach den Reden und Formalien des Festaktes war gemütliches Beisammensein auf dem Dorfplatz. Feuerwehr, Liederkranz und Kirchenchor sorgten für Speis und Trank. Und Dieter Langlouis mit seinem „Gesangsauflauf“ für Partyspaß.

Und über allem wachte die Ortsheilige, die Gute Beth von Reute.
Text und Fotos: Peter Lutz

































