Agri-PV bei Arisheim kontrovers diskutiert


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Gaisbeuren – Mit einem Protestbanner vor dem Dorfgemeinschaftshaus in Gaisbeuren wurden die Besucher am Donnerstagabend (30.7.) empfangen: Das geplante Agri-Photovoltaikprojekt bei Arisheim bewegt die Gemüter. Die Solmotion Project GmbH aus Ravensburg hatte auf Anregung von OB Matthias Henne zu einer öffentlichen Informationsveranstaltung eingeladen, um ihre Planungen vorzustellen und Fragen der Bürger zu beantworten. Die Besucherzahl blieb zwar überschaubar, dennoch waren zahlreiche unmittelbar Betroffene anwesend. Auch jener Landwirt, der die betreffende Fläche an das Unternehmen verpachten möchte, verfolgte die Veranstaltung. Auffallend war außerdem die Teilnahme mehrerer Gemeinderatsmitglieder verschiedener Fraktionen, die sich später engagiert an der Diskussion beteiligten.

Ortsvorsteher Achim Strobel (Bild) begrüßte die Anwesenden und stellte den Referenten, Jonas Steur der Solmotion Project GmbH, vor. Anschließend erläuterte dieser die Planungen für die vorgesehene Agri-Photovoltaikanlage auf einer rund 13 Hektar großen Fläche bei Arisheim.
Warum gerade Arisheim?
Eine der meistdiskutierten Fragen des Abends lautete: Warum wurde ausgerechnet diese Fläche ausgewählt, obwohl der Regionalverband zahlreiche weitere Standorte für Freiflächen- und Agri-Photovoltaikanlagen ausgewiesen hat? Ein Besucher hatte dazu eine entsprechende Übersichtskarte mitgebracht und stellte die Frage direkt an den Projektierer.
Die Antwort machte deutlich, dass bei der Standortsuche weit mehr Faktoren eine Rolle spielen als die bloße Ausweisung geeigneter Flächen. Zunächst müsse ein wirtschaftlich sinnvoller Netzanschlusspunkt vorhanden sein. Da das Umspannwerk Haisterkirch noch Kapazitäten habe, habe man sich in dieser Gegend umgeschaut und sei auf ein paar Flächen gekommen, die wirtschaftlich sinnvoll an das Umspannwerk angeschlossen werden könnten. Anschließend seien die Eigentümer angesprochen worden. Einige hätten eine Verpachtung abgelehnt, ein Eigentümer habe zugestimmt. Erst dadurch sei der Standort Arisheim überhaupt in die engere Auswahl gelangt. Die Erläuterung zeigte den Besuchern, dass die Standortwahl keineswegs beliebig erfolgt, sondern von technischen, wirtschaftlichen und eigentumsrechtlichen Voraussetzungen abhängt.
Strom erzeugen und gleichzeitig Landwirtschaft betreiben
Geplant ist eine Anlage mit einer Leistung von 12 Megawatt Peak (MWp) sowie einem Batteriespeicher mit 20 Megawattstunden (MWh). Der Netzanschluss soll, wie oben beschrieben, über das Umspannwerk Haisterkirch erfolgen.
Im Mittelpunkt der Präsentation stand die Funktionsweise einer Agri-Photovoltaikanlage. Anders als bei einer herkömmlichen Freiflächenanlage werden die Solarmodule aufgeständert und beweglich montiert. Sie folgen dem Sonnenstand und können dadurch sowohl die Morgen- als auch die Abendsonne besser nutzen. Während fest installierte Module ihre höchste Leistung überwiegend zur Mittagszeit erreichen, erzeugen nachgeführte Module bereits in den frühen Morgenstunden Strom – genau dann, wenn der Strombedarf in den Haushalten wieder ansteigt.
Der entscheidende Unterschied zur klassischen Freiflächen-Photovoltaik liegt jedoch in der Doppelnutzung der Fläche. Unter den hoch aufgeständerten Modulen kann weiterhin Landwirtschaft betrieben werden. Mit Reihenabständen von rund elf Metern bleibt ausreichend Platz für landwirtschaftliche Maschinen.
Nach den gesetzlichen Vorgaben müssen mindestens 85 Prozent der Fläche weiterhin landwirtschaftlich nutzbar bleiben. Nach Angaben von Solmotion werden in Arisheim sogar 91 Prozent der Fläche weiterhin bewirtschaftet. Lediglich neun Prozent entfallen auf Fundamente, Technik und Fahrgassen. Der Ackerstatus bleibt erhalten.
Auch der landwirtschaftliche Ertrag ist gesetzlich geregelt. Er muss mindestens 66 Prozent des Ertrags einer vergleichbaren Referenzfläche erreichen. Als mögliche Kulturen nannte das Unternehmen unter anderem Weizen, Gerste, Triticale, Ackerbohnen sowie weitere Feldfrüchte.
Solmotion sieht den wesentlichen Vorteil der Agri-Photovoltaik in der gleichzeitigen Nutzung der Fläche für Landwirtschaft und Stromerzeugung. Das Unternehmen spricht deshalb von einer Landnutzungseffizienz von 186 Prozent.
Regional verwurzeltes Familienunternehmen
Die Solmotion Project GmbH wurde 2009 gegründet und beschäftigt heute rund 90 Mitarbeitende. Das Familienunternehmen aus dem Landkreis Ravensburg entwickelt Photovoltaikprojekte für Privatkunden, Landwirtschaft, Gewerbe und Industrie. Ergänzend werden verschiedene Modelle der Bürgerbeteiligung angeboten – vom Bürgerdarlehen bis hin zu Unternehmensanleihen.
Wirtschaftlicher Nutzen für Stadt und Region
Für die Anlage in Arisheim wird eine Betreibergesellschaft mit Sitz in Bad Waldsee gegründet. Die Stadt profitiert dadurch von der Gewerbesteuer und sie erhält nach dem EEG 20 Jahre lang 0,2 Cent für jede erzeugte KWh. Laut Solmotion summiert sich dies auf runde 830.000 Euro.
Kritik an später Bürgerinformation
Mehrere Anwohner kritisierten, dass sie als direkte Nachbarn erst relativ spät über die Planungen informiert worden seien.
Der Projektierer entgegnete, dass sich das Vorhaben noch in einem frühen Planungsstadium befinde. Das seien alles erst Gedanken, so Jans Steur. Viele Fragen seien derzeit noch offen. Ob das Projekt letztlich wirtschaftlich realisiert werden könne oder überhaupt genehmigungsfähig sei, lasse sich derzeit noch nicht abschließend beurteilen. Gerade deshalb sei der richtige Zeitpunkt einer Bürgerinformation nicht einfach festzulegen.
B30 bleibt das große Fragezeichen
Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft die Planungen der neuen B30. Nach Angaben des Unternehmens könnte eine der diskutierten Trassenvarianten das vorgesehene Gelände der Agri-Photovoltaikanlage tangieren. Solange hierzu keine Entscheidung des Regierungspräsidiums Tübingen vorliegt, ruhen die weiteren Planungen. Wann mit einer Entscheidung gerechnet werden kann, ist derzeit offen. Auf Nachfrage der Redaktion konnte auf die Stadt noch keinen Zeithorizont für die Entscheidung nennen.
Kontroverse Diskussion zeichnet sich bereits ab
Deutlich wurde während der Diskussion auch, dass das Projekt auch im Gemeinderat unterschiedlich bewertet werden dürfte. Der Ortschaftsrat Reute-Gaisbeuren hat sich bereits grundsätzlich für das Vorhaben ausgesprochen. Sollte die B30-Planung dem Projekt nicht entgegenstehen, wird sich später der Gemeinderat der Stadt Bad Waldsee mit dem Vorhaben befassen. Während Vertreter der Grünen sowie der SPD den Ausbau erneuerbarer Energien grundsätzlich unterstützten, wurden aus den Reihen der CDU deutliche Vorbehalte geäußert. Ein anwesender Landwirt und Gemeinderat machte darauf aufmerksam, dass die Landwirtschaft in erster Linie hochwertige Lebensmittel erzeugen müsse. Bevor wertvolle Ackerflächen genutzt würden, müsse zunächst das große Potenzial geeigneter Dachflächen konsequent ausgeschöpft werden. Vertreter der Befürworter hielten dagegen, dass die Energiewende ohne zusätzliche Flächen kaum zu bewältigen sei. Wer Landschaft und Umwelt auch für kommende Generationen erhalten wolle, müsse den Ausbau erneuerbarer Energien weiter voranbringen und dürfe die Diskussion nicht ausschließlich aus der Sicht der eigenen Betroffenheit führen.
Photovoltaik gehört zu den günstigsten Energiequellen
Auf Nachfrage erklärte Solmotion, die Stromgestehungskosten der geplanten Anlage lägen bei rund vier Cent pro Kilowattstunde.
Nach rund zwei Stunden endete die Informationsveranstaltung. Deutlich wurde dabei, dass die technische Vorstellung der Anlage nur einen Teil der Diskussion ausmachte. Fragen nach Landwirtschaft, Landschaftsbild, Energiewende und dem weiteren Ausbau der Infrastruktur werden die politischen Beratungen in den kommenden Monaten weiter begleiten. Ob die Anlage letztlich gebaut wird, hängt nicht zuletzt von der Entscheidung über den weiteren Verlauf der B30 und den noch ausstehenden Genehmigungsverfahren ab.
Agri-Photovoltaik in Arisheim auf einen Blick
- Standort: Arisheim (Gemarkung Gaisbeuren)
- Fläche: rund 13 Hektar
- Leistung: 12 MWp
- Batteriespeicher: 20 MWh
- Netzanschluss: Umspannwerk Haisterkirch
- Besonderheit: Aufgeständerte, nachgeführte Module ermöglichen gleichzeitig Landwirtschaft und Stromerzeugung
- Landwirtschaftliche Nutzung: rund 91 Prozent der Fläche bleiben bewirtschaftbar
- Ackerstatus: bleibt erhalten.
- Offen: Entscheidung über den Verlauf der neuen B30.
Stromgestehungskosten im Vergleich
(Richtwerte für neue Anlagen in Deutschland; die tatsächlichen Kosten hängen unter anderem von Finanzierung, Standort und Brennstoffpreisen ab. Die aufgeführten Kosten beruhen auf Angaben des Projektieres und aktuellen Vergleichszahlen)
| Energiequelle | Kosten je kWh |
| Freiflächen-Photovoltaik | 4–9 Cent |
| Gaskraftwerk | 15–33 Cent |
| Steinkohlekraftwerk | 17–29 Cent |
| Kernkraftwerk (Neubau) | 15–26 Cent |

Mit einem Protestbanner machten Gegner der geplanten Agri-Photovoltaikanlage bereits vor Beginn der Informationsveranstaltung auf ihre Bedenken aufmerksam.

Im Dorfgemeinschaftshaus Gaisbeuren stellte die Solmotion Project GmbH ihre Planungen für eine Agri-Photovoltaikanlage bei Arisheim vor.

Die Solmotion mit Sitz in Ravensburg wurde 2009 gegründet, realisierte schon über 400 Anlagen und beschäftigt 90 Mitarbeiter.

Der Referent der Solmotion Project GmbH, Jonas Steur, erläuterte die technischen Grundlagen, die Standortwahl und den Ablauf des Genehmigungsverfahrens.

Der Standort der geplanten 13 ha großen Anlage ist direkt nach dem Austritt des viel begangenen Spazierweges aus dem Schorren-Wald nach Arisheim

Die Präsentation zeigte den grundsätzlichen Aufbau einer Agri-Photovoltaikanlage. Unter den aufgeständerten Modulen bleibt die landwirtschaftliche Nutzung möglich.

Eine computergestützte Visualisierung zeigt, wie die geplante Agri-Photovoltaikanlage aus Richtung Arisheim aussehen könnte.

Solmotion bietet eine ganze Reihe von Möglichkeiten für eine Bürgerbeteiligung an diesem Projekt. Los geht’s mit Beteiligungsbeträgen ab 1000 Euro.

Das ganze Projekt steht unter dem Vorbehalt der Trassenführung der neuen B30.
Text und Fotos: Erwin Linder
































