

Kontakt
Redaktion
Anzeigen
Isny – In der Städtischen Galerie in Schloss Isny lässt es sich derzeit gut aushalten. Nicht nur weil in dem schönen Gewölberaum viel angenehmere Temperaturen herrschen als draußen, sondern auch weil es dort in der Ausstellung „No Name Design“ gerade 1000 interessante Dinge zu entdecken gibt.

Blick in die Ausstellung. Foto: Herbert Eichhorn
Der Sammler
Alles, was da in zwei sich über die ganze Länge des Raumes erstreckenden, pultförmigen Vitrinen präsentiert wird, kommt aus der Sammlung von Franco Clivio. Der Schweizer Gestalter und Hochschullehrer, Jahrgang 1942, hat in seinem Berufsleben für so renommierte Hersteller wie den Schreibgeräteproduzenten Lamy oder den Leuchtenspezialisten Erco Produkte gestaltet. Bereits als Student an der heute legendären Ulmer Hochschule für Gestaltung hatte er zusammen mit Dieter Raffler für den Gartenausrüster Gardena dessen berühmte Steckkupplung entwickelt. Mit Spürsinn und sicherem Blick hat Clivio über Jahrzehnte auf Flohmärkten, in Trödelläden oder Ähnlichem Tausende von Gegenständen zusammengetragen, die sein Interesse als Produktgestalter geweckt haben. Die Sachen haben meistens keinen namentlich bekannten Gestalter oder Erfinder, sondern sind vielmehr sogenanntes anonymes Design, also eben No Name Design. Oft handelt es sich um Dinge, die eine kluge, häufig verblüffend simple Lösung für alltägliche Anforderungen anbieten. Seine ungewöhnliche Sammlung war in der Vergangenheit bereits in so namhaften Ausstellungshäusern wie dem Deutschen Museum in München oder dem Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg zu sehen.

Blick in eine der beiden Vitrinen. Bei manchen ausgestellten Sachen weiß man nicht, für was man sie eigentlich benutzt. Foto: Herbert Eichhorn
Rund 1000 Dinge
Die rund 1000 Objekte sind in Isny ganz gleichmäßig in den beiden langen Vitrinen ausgebreitet. Einfaches liegt neben kompliziert Gebautem, Banales neben Edlem. Dinge aus demselben Material oder auch Dinge, die dem gleichen Gestaltungs- oder Konstruktionsprinzip folgen, werden allerdings nebeneinander gruppiert. An der Oberkante der Vitrinen läuft ein weißes Band entlang, auf dem immer wieder kurze Texte Informationen zu den ausgestellten Objekten liefern. Mal gibt es Erläuterungen zu einer ganzen Werkgruppe wie etwa bei „Zum Schutz der Augen“ oder „Vielkönner“. Oder es wird nur auf ein einziges Stück eingegangen. So erfährt man zum Beispiel, wie das Kinderspielzeug eines blechernen Kletteraffen hergestellt wurde. Einige Schritte weiter findet sich dann ein regelrechter Lobpreis auf so ein banales, gleichwohl aber eigentlich kongeniales Hilfsmittel wie das eines Baugerüstverbinders.

Hübsch und nützlich: Trowaliersteine. Foto: Herbert Eichhorn
Rätselhaftes und ästhetisch Reizvolles
Als Besucher surft man in der Ausstellung quasi durch ein gefühlt unendliches Feld an Gegenständen. Immer wieder stößt man auf Rätselhaftes, ja Kurioses, oder auch ästhetisch Reizvolles. Da sind zum Beispiel die hübschen bunten Trowaliersteine. Aus dem begleitenden Text erfährt man dann, dass mit ihnen die scharfen Kanten gestanzter Metallteile entschärft werden. Oder man findet Dinge, die einem bekannt vorkommen: Lag diese seltsame Gerätschaft nicht immer bei den Großeltern ganz hinten in der Küchenschublade, ohne dass man wusste, für welchen Zweck man sie eigentlich braucht? Oder man erkennt erst im Kontext dieser Ausstellung, wie einerseits simpel und andererseits geradezu genial manche vertrauten Werkzeuge funktionieren. Manchmal geht der Blick in der Ausstellung in der Geschichte auch ganz weit zurück. Im Kapitel „Bereit zum Gebrauch“ geht es beispielsweise um Halbfabrikate, die später weiterverarbeitet werden. Als frühes Beispiel wird da der Golddraht der alten Ägypter erwähnt, den diese dann für alles Mögliche verwenden konnten.

Universalmaterial Draht. Foto: Herbert Eichhorn
Lieblingsstücke
Überhaupt das Thema Draht, dem ein eigenes Kapitel gewidmet ist, „Universalmaterial Draht“: Was man aus feinen und dickeren Drähten so alles herstellen kann, von der fragilen Sektkorkenhalterung über den in strengem Muster geflochtenen Topfuntersetzer bis zum Schutzhandschuh aus Draht! Aus einem einzigen Stück dicken Drahts wurde schließlich auch ein anderes Objekt geformt. Es könnte auch als strenge moderne Skulptur durchgehen und hat es vielleicht auch deshalb in das Schlusskapitel der Präsentation geschafft, das den Favoriten des Sammlers gewidmet ist. Seine Funktion? Es diente als Laubfänger für die Dachrinne. Der Sammler erläutert, was dieses Objekt und die anderen hier zusammen gezeigten persönlichen Lieblingsprodukte auszeichnet: „Sie drücken das aus, was ich unter guter Gestaltung verstehe: das außergewöhnlich Einfache. Sie alle haben etwas, das mich fasziniert. Sie verbinden Einfachheit mit ungewöhnlichen technischen Lösungen… und haben eine große poetische Kraft und strahlen eine beinahe zeitlose Vollkommenheit aus.“

Gerätschaften aus Naturmaterialien. Foto: Herbert Eichhorn
Die Natur kann’s am besten
Ein Kapitel der Ausstellung ist Gegenständen aus Naturmaterialen gewidmet, unter dem schönen Motto „Die Natur kann’s am besten“. Da geht es natürlich um Dinge aus Holz oder Stroh, aber auch um Borsten, Schwämme und Federn. An einer anderen Stelle sind Werkzeuge versammelt, die aus einem einzigen Material gefertigt sind. Das fasziniert natürlich einen Produktgestalter. Ausgestellt sind hier dann so ganz unterschiedliche Dinge wie eine alte japanische Schere, geschmiedet aus einem einzigen Stück Eisen, oder eine Klistierbirne aus Gummi.

Die Schere von Fiskars und einige ihrer Nachahmungen. Foto: Herbert Eichhorn
Original und Nachahmung
Als jemand, der selber für verschiedene Auftraggeber gut funktionierende und gut gestaltete Produkte entworfen hat, behält Franco Clivio beim Sammeln natürlich auch das Thema der Plagiate und Nachahmungen im Blick. In der Ausstellung wird das unter dem Motto „Fast alles falsch“ an der berühmten Büroschere des finnischen Herstellers Fiskars festgemacht. Dessen Schere mit dem typischen orangefarbenen Kunststoffgriff wurde vor vielen Jahrzehnten aus der klassischen Schneiderschere entwickelt und gilt heute als Paradebeispiel modernen Designs. Wohl jeder hat so eine Schere zuhause auf dem Schreibtisch oder in der Schublade liegen. Wobei es sich dabei wahrscheinlich meistens um eines der vielen – mal gut, mal weniger gut gemachten – Nachahmerprodukte handelt. In der Ausstellung wird das Gegenüber von Original und Nachahmungen geradezu inszeniert.
Als Besucher beugt man sich immer wieder fasziniert über die in den Vitrinen präsentierten Objekte. Es gibt einfach unendlich viel zu entdecken. Und immer wieder hat man ein regelrechtes Aha-Erlebnis. Man könnte daher viele anregende, ja wahrscheinlich geradezu beglückende Stunden hier verbringen. Und da die Ausstellung in der Städtischen Galerie bis Anfang November läuft, hat man tatsächlich noch genügend Möglichkeit, wiederzukommen, ganz unabhängig davon, ob es draußen noch heiß so ist wie zur Zeit oder endlich wieder angenehmer.
Bericht und Bilder:Herbert Eichhorn
Weitere Bilder in der Galerie
Leider ist das Buch zur Sammlung Clivio schon lange vergriffen. Wer trotzdem etwas mit nach Hause nehmen will, für den werden zu der Ausstellung im Museumsshop ein panoramaartiges Leporello für 40 Euro und ein Plakat für 15 Euro angeboten.
Ausstellung „No Name Design“
28. Juni bis 9. November 2026
Städtische Galerie im Schloss Isny
Montag, Donnerstag und Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr
Samstag, Sonntag und Feiertag 10.00 bis 17.00 Uhr
Weitere Informationen unter www.schloss-isny.de
















































