

Kontakt
Redaktion
Anzeigen

Bad Waldsee – Bekanntlich feiert Bad Waldsee in diesem Jahr dreifach seine Geschichte. Dazu gibt es in der Pfeilerhalle des Kornhauses seit März eine große Sonderausstellung, die prägende Stationen der Stadtgeschichte reich bebildert veranschaulicht. Weil heute Informationen vorzugsweise medial vermittelt werden, zeigt der Museums- und Heimatverein im ersten Obergeschoss auch eine sehr sehenswerte mediale Geschichtsdarstellung der heutigen Kurstadt. Unter dem Motto „Geschichte erleben“ werden in acht Kapiteln relevante Ereignisse in lebenden und wechselnden Bildern leicht verständlich kommentiert bzw. erzählt. Organisator und Autor der Videopräsentationen ist Hubert Leißle. Das Lektorat übernahm Susanne Haag. Dr. Matthias Thorner und die Firma Rauch & Spiegel, Studio für Bewegtbild in Ravensburg, sind die Produzenten der Videos. Peter Lutz ist für die Bildschirmzeitung „Der Waldseer“ durch die Austellung im 1. OG gegangen. Hier seine Eindrücke:
Fünf Erzählvideos und drei Bildergalerien
Die acht Kapitel der Ausstellung im 1. OG bestehen aus fünf Erzählvideos und drei Bildergalerien. Mit einem Bedienelement neben dem Bildschirm können die Besucher jedes Kapitel „interaktiv“ einzeln und wiederholt aufrufen. Die Erzählvideos sind:
Waldsee im Bauernkrieg
Waldsees urkundliche Ersterwähnung
Der Waldseer Pranger
Reformationsversuch um 1530
Die Stadtrechterhebung
Die Bildergalerien zeigen
100 Jahre Postkarten
Waldsee Ende April 1945
Schlaglichter der Stadtgeschichte
Waldsee im Bauernkrieg
Waldsee im Bauernkrieg

Bauernkrieg 1525. Ein Bauernführer mit Dreschflegel steht in Verhandlungen. Im Hintergrund aufständische Bauern mit Sensen und Gabeln.

Das Video „Waldsee im Bauernkrieg“ erzählt eine Episode aus dem Kriegsjahr 1525. Den Bauern ging es um Befreiung aus ihrer unterprivilegierten gesellschaftlichen Rangordnung, womit sie erste demokratische Vorstellungen entwickelten. „Fryheit“ war ihre Parole. In diesem Video sind die Ansichten der ummauerten Stadt mit noch gotischer Kirche St. Peter und die Verbindung zum außerhalb liegenden Schloss über eine Brücke zu sehen (Abbildung oben). Als sich ein Bauernhaufen der Stadt näherte, war mit der Stürmung des Schlosses und mit der Geiselnahme der Truchsessin Maria, Gattin des abwesenden „Bauernjörg“, und ihrer sechs Kinder zu rechnen. Truchsess Georg III. von Waldburg, der Bauernjörg, war gerade damit „beschäftigt“, im Auftrag des Schwäbischen Bundes, bestehend aus Adel, Klöstern und Städten, die aufständischen Bauernhaufen niederzuschlagen. In großzügiger Geste gestatteten die Bürger der ummauerten Stadt der Truchsessin, das bedrohte Schloss zu verlassen und in der Stadt Schutz zu suchen, womit sie wohl vor der drohenden Ermordung bewahrt wurde. Diese Geste belohnte der Bauernjörg mit der Rücknahme des sogenannten „Bösen Briefes“ aus dem Jahr 1415. In eindrucksvollen Bildern wird dieser Vorgang erzählt.

Die Bürger Waldsees empfangen die Truchsessin mit ihren Kindern. Man beachte das Wappen Waldsees am Torbogen.

Zum Dank für die Aufnahme seiner Frau und damit für die Rettung vor den aufständischen Bauern im Frühjahr 1525 nahm der Bauernjörg (im Bild links) den „Bösen Brief“ aus dem Jahr 1415 zurück. Dieses KI-generierte Bild zeigt Waldsees Bürgermeister (rechts) mit den Gesichtszügen von Rudolf Forcher (Bürgermeister Bad Waldsees von 1972 bis 2004).

Das Video „Waldsee im Bauernkrieg“ thematisiert den Ruf nach „Fryheit“.
Ersterwähnung im Jahr 926
Das Kapitel Ersterwähnung im Jahr 926 wird in ähnlicher Weise präsentiert. Zu jener Zeit besaß das Benediktinerkloster Weißenburg im Elsaß weite Landstriche im damaligen Haistergau. Nach der ungarischen Landnahme zogen ungarische Gruppen plündernd und brandschatzend durch das damalige ostfränkische Reich und ganz Westeuropa. Militärisch waren sie den lokalen Kräften haushoch überlegen. Das mussten auch Waldsee und Reute bitter erfahren. Frauen und Kinder wurden als Geiseln verschleppt, Besitztümer der Herrenhöfe und Bauernstellen wie Vieh und Geräte wurden geraubt. Auch Waldsees Basilika und die Kapelle in Reute wurden ausgeraubt und angezündet. Zurück blieben trostlos verwüstete und menschenleere Orte. Dieses Ereignis wurde von Weißenburger Mönchen als „Bestandsaufnahme“ in einem „Urbar“ (die Abschrift ist bekannt als Codex Edelini) festgehalten und gilt heute als erste urkundliche Erwähnung von Waldsee und Reute. So beginnt die Geschichte unserer Stadt mit einer Katastrophe! Der Codex Edelini wird in Speyer aufbewahrt. Auch dieser Vorgang ist im Video bestens mit bewegten und bewegenden Bildern illustriert. Gezeigt werden kampferprobte ungarische Reiter auf ihren wendigen Rössern, angsterfüllte Flüchtende, geraubte Tiere und niedergebrannte Anwesen.

Europa um 900. Die Ungarn hatten Ende des 9. Jahrhundert sich in der pannonischen Tiefebene sesshaft gemacht und schwärmten von dort nach Mittel- und Westeuropa aus.


Im Jahre 926 verheerten ungarische Horden die Gegend um Waldsee.
Der Waldseer Pranger
Auch ordnungspolizeiliche Geschichten erzählen die Autoren. Unter „Der Waldseer Pranger“ wird über den Driller berichtet, einem drehbaren Schand- und Strafkäfig. Er war wohl am Fuß des Historischen Rathauses unter dem Erker gegenüber der heutigen Touristinfo. Sehr heiter berichtet dieses Video über den betrunkenen Kerl namens Scheffel, der die Obrigkeit übel beleidigt haben soll. Seine Strafe war der Driller, von dem aus er weiter randalierte und ihm gar der Ausbruch gelang. Aber er wurde erneut im Käfig festgesetzt, nachdem er vom Aufseher etliche Schläge mit dem Hägeschwanz über sich ergehen lassen musste. Wohl erst danach kehrte wieder Ruhe in der Stadt ein.
Der Versuch, die Reformation in der katholischen Stadt einzupflanzen

Die Wiedertäufer progagierten die Erwachsenentaufe.
Sehr realistisch werden auch die Reformationsversuche in der rein katholischen Stadt dargestellt. Ulrich Zwinglis und Martin Luthers Vorstellungen hatten große Teile des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation erfasst. Zusätzlich „missionierten“, ausgehend von der Schweiz, auch in Oberschwaben die sogenannten Täufer, auch Wiedertäufer genannt. Sie predigten die Erwachsenentaufe und verweigerten öffentliche Dienstbarkeiten, auch den Kriegsdienst. Wie auch anderswo machte man in Waldsee mit solchen Vorstellungen kurzen Prozess, obwohl ihre Ideen beim gemeinen Volk gut ankamen. Hier wurden die männlichen Anhänger öffentlich geköpft, Frauen und Kinder im Stadtsee ertränkt. So blieb die Stadt bis 1806 rein katholisch. In jenem Jahr endete die Zugehörigkeit zu Österreich und man war fortan württembergisch.

Predigt eines Wiedertäufers auf dem Waldseer Rathausplatz. Die undatierte Zeichnung, Jahrhunderte später entstanden, schildert eine Szene, die etwa 1530 sich so zugetragen haben könnte.
Die mutmaßliche Geschichte der Täufer in Waldsee wird in drastischen Bildern gezeigt, wie wir sie aus den bekannten Überlieferungen kennen. Ein Bild zeigt stellvertretend die Ertränkung einer Täuferin im Stadtsee. Man hob sie, noch lebend, mit dem Kopf nochmal über Wasser und fragte sie, ob sie abzuschwören bereit wäre. Das Opfer antwortete wohl, sie sei doch dem Paradies jetzt schon so nahe gewesen, worauf man sie schließlich ertränkte.

Ertränkung im Stadtsee. Links im Hintergrund das Wurzacher Tor mit der vorgelagerten Brücke über den Urbach. Hinten in der Mitte das Ravensburger Tor.

Weitere Zeichnung aus dem Täufer-Zyklus. Links das Biberacher Tor. Im Hintergrund Waldsees Alt-St. Peter (die Kirche noch in ihrer gotischen Gestalt).

Täufer werden vor Gericht gestellt.
Verleihung der Stadtrechte
Im Kapitel Verleihung der Stadtrechte wird zunächst vom Aufstieg des ehemals Aargauer Hauses Habsburg berichtet, genannt nach seiner Stammburg Habichtsburg im Schweizer Aargau. Nach den Wirren um die Königswürde war Rudolf von Habsburg schließlich römisch-deutscher König von 1273 bis 1291. Die Herren von „Wallsee“, die die Herrschaft über Waldsee innehatten, waren treue Gefolgsleute des Hauses Habsburg. Sie unterstützten auch den Sohn Rudolfs, Herzog Albrecht von Tirol/Österreich und Nachfolger Rudolfs. Im Juli 1298 kämpften die „Wallseer“ in der blutigen Schlacht am Hasenbühl bei Göllheim in der Pfalz an der Seite Albrechts um dessen Königswürde. Zum Dank dafür verlieh Albrecht I. am 13. Dezember 1298 vom fränkischen Kloster Holzkirchen aus dem Ort Wallsee die Stadtrechte mit allen damit verbundenen Freiheiten. „Stadtluft macht frei“, kommentiert der Videosprecher zurecht. Fantasiereich wird dieses Ereignis mit Bildern und Grafiken erklärt. Wallsee/Waldsee war damals schon ein Ort mit Mauern, Toren und Burg. Die Burg stand wohl auf jener Anhöhe, auf der heute die evangelische Kirche steht.

Die Verleihung der Stadtrechte an Waldsee (Walahse) am 13. Dezember 1298 durch König Albrecht I.

Den Ortsadligen von Wallsee ist ein eigenes Video gewidmet.

Auch dem für Waldsee über ein halbes Jahrtausend so wichtigen Haus Habsburg ist ein Video gewidnet.

Rot markiert die ummauerte Stadt zur Zeit der Stadterhebung (1298). Zu Beginn des 15. Jahrhunderts gab es die Erweiterungen „Wurzacher Vorstadt“ und „Biberacher Vorstadt“.
Waldsee als Postkarten-Motiv
In den drei Bildergalerien sind in Kapitel 6 alte Postkarten zu sehen. Das sind frühere Ansichten, Straßen, Plätze, Gebäude, Menschen, der Zeppelin, die ursprüngliche Bauernschule, das Freibad, Gaststätten wie beispielsweise der Bärenkeller und das beginnende Kurwesen. Die Postkarten entstammen dem Privatarchiv von Hans Grimm.

Waldsee-Ansicht nach 1907 (das Krankenhaus – im Bild links unten – ist schon vorhanden).

Was für ein Prachtbau! Das 1907 erbaute Waldseer Krankenhaus.

Undatierte Aufnahme des Strandbades.

Morgens Fango, abends Tango: Moorbad-Freuden im Bad Waldsee der Fünfziger-Jahre.

Der „Bären“ war ein wichtiger Faktor im Moorbad Waldsee (das Prädikat „Bad“ wurde der Kurstadt 1956 verliehen).

Blick in die Wurzacher Straße (stadteinwärts). Undatiert.

Der Zeppelin schwebt über Waldsee. Die Aufnahme stammt wohl aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.

Eisfest in alter Zeit.
Die Franzosenzeit
In Kapitel 7 werden die Anfänge der französischen Besatzung ab Ende April 1945 gezeigt. Darin sind befreite KZ-Häftlinge, französische Panzer und Militärfahrzeuge und das beim Eimarsch zerstörte Haus Stärk/Denzel zu sehen, weil von dort beim Einmarsch Schüsse von einem SS-Mann abgefeuert wurden.

Das Haus Stärk wurde beim Einmarsch der Franzosen am 24. April 1945 zerstört. Das Foto ist sicherlich erst einige Tage danach entstanden (nach Aufhebung der Ausgangssperre).

Das Haus Stärk vom Spital her gesehen.

Befreit! Dieser ehemalige KZ-Häftling geht als freier Mann durch Waldsee. Überraschenderweise trägt er noch Häftlingskleidung. Die Aufnahme ist offensichtlich einige Zeit nach dem 24. April 1945 – dem Tag des Einmarsches – entstanden, denn auch die Einwohner Waldsees wagen sich wieder auf die Straßen.
Alfons Walz und Erwin Hymer
Kapitel acht zeigt Schlaglichter der Waldseer Geschichte, darunter auch die Industrialisierung und Unternehmerpersönlichkeiten wie Alfons Walz und Erwin Hymer.
Das Fazit von Peter Lutz
Die von den Machern medial verarbeiteten Stadtgeschichten dürfen sicher als gelungener und zeitgemäßer Versuch gesehen werden, insbesondere auch junge Menschen für Geschichte zu interessieren und sie anzuregen, sich selbst damit auseinanderzusetzen. In Museen sonst eher statische Darstellungen werden so lebendig-bewegend und tragen zur Attraktivität von Museen bei, im konkreten Fall des ehrwürdigen Bad Waldseer Kornhauses! Die medientechnisch ambitionierte Ausstellung wäre nicht zustandegekommen ohne die Unterstützung von Sponsoren.
Eintritt frei!

Sie förderten die Ausstellung zur 1100-jährigen (Bad) Waldseer Geschichte. Die Ausstellung im Bad Waldseer Kornhaus ist ein ideales Ziel für einen verregneten Ferientag. Der Eintritt ist frei.
Text und Fotos: Peter Lutz
Peter Lutz hatte für die Bildschirmzeitung „Der Waldseer“ auch die Eröffnung der Ausstellung besucht. Unter „Lesen Sie hierzu auch“ finden Sie nachstehend jenen Artikel, veröffentlicht am 2. April. Dort geht er auch auf die Exponate in der Pfeilerhalle und auf die Konzeption der Ausstellungsmacher um Stadtarchivar Michael Tassilo Wild ein. Der hochinformative Artikel ist eine ideale Ergänzung zum jetzt veröffentlichten Bericht über den Ausstellungsteil im OG. Des Weiteren haben wir noch einen Artikel über eine Leihgabe von Seiten des Erwin-Hymer-Museums verlinkt.






























