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Zum Leserbrief „Agri-PV um jeden Preis?“ (DBSZ vom 30. Juni)
Oberschwaben möchte die Energiewende. Nur bitte so diskret, dass man sie weder sieht noch hört.
Es gibt Krankheiten, die sind wissenschaftlich gut erforscht. Heuschnupfen zum Beispiel. Oder Sonnenallergie.
Und dann gibt es die oberschwäbische Agri-PV- und Windradallergie. Sie tritt ausschließlich dann auf, wenn eine Agri-PV-Anlage oder ein Windrad in Sichtweite geplant wird. Die Symptome sind dramatisch: Sorge um die Landschaft, Angst um das Ortsbild und tiefe Trauer um einen Horizont, der bislang von BAG-Silos, Straßen, Kreisverkehren, Gewerbegebieten und Sendemasten offenbar nicht ernsthaft beeinträchtigt wurde.
Merkwürdigerweise verschwindet diese Allergie sofort, sobald die Anlage zwanzig Kilometer weiter weg geplant wird. Dann ist man wieder überzeugter Anhänger der Energiewende.
Überhaupt haben wir im Oberschwäbischen eine bemerkenswerte Begabung entwickelt: Wir möchten das Klima retten, ohne dass sich irgendetwas verändert. Keine Windräder. Keine Agri-PV. Keine Stromleitungen. Der Strom soll einfach da sein – möglichst geräuschlos und unsichtbar.
Über Agri-PV wird erstaunlich selten gesprochen. Dabei lassen sich große Anlagen oft wirtschaftlicher errichten als dieselbe Leistung verteilt auf unzählige Hausdächer. Großeinkauf, Planung und Montage sind effizienter. Und nein: Nicht jeder besitzt ein Eigenheim mit perfektem Süddach. Viele wohnen zur Miete oder können sich eine eigene Photovoltaikanlage schlicht nicht leisten. Auch sie haben ein Recht auf günstigen, sauberen Strom.
Zur Zeit grasen zwischen den meisten Agri-PV Anlagen Schafe. Sie scheinen mit den Solarmodulen erstaunlich gut zurechtzukommen. Vielleicht, weil Schafe nicht jeden Eingriff in die Landschaft gleich für den Untergang des Abendlandes halten. Aufgeständerte PV-Module lassen sogar zusätzlich die Produktion von Nahrungsmitteln zu. Doppelter Nutzen.
Interessanterweise kommt der lauteste Widerstand nicht selten aus jenen Wohngebieten, in die Menschen gezogen sind, weil es dort so schön ruhig ist. Das sei ihnen von Herzen gegönnt. Nur gehört zur Idylle oft auch ein Alltag mit langen Wegen. Zum Arbeitsplatz wird gependelt, zum Einkaufen gefahren, die Kinder werden chauffiert, und nicht selten steht für jedes Familienmitglied ein eigenes Auto vor der Tür. Der tägliche CO₂-Ausstoß rollt also zuverlässig durchs Land. Das Windrad dagegen soll die Landschaft ruinieren.
Manchmal hat man den Eindruck, der Auspuff gehört inzwischen zum Landschaftsbild, das Rotorblatt dagegen gilt als kultureller Affront.
Natürlich muss über Standorte diskutiert werden. Niemand verlangt, jeden Acker mit Solarmodulen zu überziehen oder jeden Hügel mit Windrädern zu bestücken. Aber wer jede Anlage ablehnt und gleichzeitig erwartet, dass der Strom trotzdem zuverlässig aus der Steckdose kommt, glaubt vermutlich auch, die Milch entstehe im Kühlregal.
Die gute Nachricht lautet: Der Blick auf den Himmel bleibt kostenlos.
Man muss ihn sich künftig vielleicht mit einem Rotorblatt oder ein paar Solarmodulen teilen. Das erscheint als ein erstaunlich kleiner Preis für die Aussicht, auch kommenden Generationen noch eine lebenswerte Landschaft zu hinterlassen.
Erwin Linder

























