
KI gleicht einem Tsunami. Das Datenmeer scheint ruhig, der Wellengang des Datenflusses ist der gewohnte. Dann baut sich plötzlich eine Monsterwelle auf und überschwemmt alles in rasender Geschwindigkeit. So geschehen am 30. November 2022: Als das US-Unternehmen OpenAI mit ChatGPT, eine so genannte „Generative KI“, die Texte, Bilder oder Videos erstellen kann, schlagartig einer breiten Öffentlichkeit kostenfrei zugänglich macht. Mit dem Startschuss folgen weitere Programme aus den Tiefen des Silicon Valley und mehren seitdem Geld und Macht der dortigen Tech-Milliardäre. Sicher ist: Bei dem einen Beben wird es nicht bleiben, es werden weitere Wellen folgen. Sind wir schutzlos ausgeliefert? Klingt dramatisch. Ist es auch?
Derweil begeistert sich die Menschheit im Kleinen wie im Großen mit dem Können der KI. In Biberach wird es im Herbst parallel zu den klassischen Filmfestspielen ein KI-Filmfestival geben mit Bits und Byets statt mit Geist und Schweiß. Nichts ist unmöglich. In Burgrieden werden bei den diesjährigen Karl-May-Spielen Old Shatterhand und Winnetou beim Klang KI-generierter Musik über die Freilichtbühne galoppieren. Energie fressende, aber fast kostenlose Spielereien, die höchstens ein paar Schauspieler und Musiker arbeitslos machen. Aber dabei wird es nicht bleiben. Und da sind ja auch noch die Deep Fakes, die bösartige Variante dieser Technikspielerei, die schon von Kindern beherrscht wird und Kinder wie Erwachsene in die Verzweiflung treibt. Der Obszönität und Diffamierung hilflos ausgeliefert. Was ist wahr, was ist falsch? Wem kann ich vertrauen, wem muss ich misstrauen? Das ist der Nährboden auf dem das Verschwörungsgeschwurbel wie Unkraut wächst. Und Gesellschaft und Demokratie zerstört.
Es ist kein Zufall, dass Papst Leo XIV just am Pfingstmontag, 25. Mai, sich in seiner ersten Enzyklika „Magnifica humanitas“ (Die großartige Menschheit) dieses Themas annimmt. Der Untertitel verrät die Dringlichkeit: „Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“. Der Papst ruft dazu auf, die Würde des Menschen, die soziale Gerechtigkeit, die Wahrheit, die Freiheit und den Frieden im digitalen Zeitalter zu schützen. Er sieht sie bedroht. Große Worte, für die der Pontifex viel Lob erhalten hat. Was folgt daraus? Es folgt kein Tag, an dem nicht ein Dutzend Mails zu den fantastischen Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz auf dem Bildschirm auftauchen. Medien werden überschwemmt davon. Sie sind Kritiker und Nutzer. Wie damit umgehen? Darüber wird heftig gestritten. Es geht um journalistische Glaubwürdigkeit und Transparenz, das mediale Pfund, das von den Rezipienten goutiert oder ignoriert wird. Die KI ist inzwischen die allgegenwärtige Kollegin in den Redaktionen. Blitzschnell generiert sie Inhalte nach Wunsch. Wozu noch selber schreiben? Das trifft eine verunsicherte Branche heftig – mit weitreichenden Auswirkungen auf Gesellschaft und Politik. Verunsicherung ist das Phänomen der Zeit, die geprägt wird von Künstlicher Intelligenz. Papst Leo XIV warnt deshalb eindringlich vor der Verirrung eines „Turmbaus zu Babel“ und fordert stattdessen eine „Ökologie der Kommunikation“, die Demokratie und Dialog stärkt. Darüber gilt es zu sprechen.
Turmbau zu Babel
Der Turmbau zu Babel ist eine biblische Erzählung (Genesis 11,1–9). Der Mythos erklärt, wie die Menschheit nach einer gemeinsamen Ursprache durch göttliches Eingreifen in verschiedene Sprachen und Völker zerstreut wurde, nachdem sie versuchte, einen Turm bis in den Himmel zu bauen.
Sinnbild für Hochmut: In der biblischen Deutung steht der Bau für die menschliche Hybris (Überheblichkeit) und den Versuch der Menschen, sich selbst göttliche Macht zu verleihen. Göttliche Strafe: Gott bestraft diesen Größenwahn, indem er die Sprache der Menschen verwirrt und sie über die ganze Erde zerstreut. Der Name „Babel“ leitet sich etymologisch vom hebräischen Wort für „Wirrwarr/Verwirrung“ ab. Pfingsten als Gegenstück: Im Christentum gilt das Pfingstereignis (Apostelgeschichte 2) als theologischer Gegenpol. Das Sprachenwunder an Pfingsten hebt die Trennung auf und ermöglicht es den Menschen, sich trotz unterschiedlicher Herkunft wieder in der Liebe Gottes zu verstehen. Sinnbild des Scheiterns: Im heutigen Sprachgebrauch steht der Begriff oft metaphorisch für gigantische, größenwahnsinnige Bau- oder Großprojekte, die zum Scheitern verurteilt sind. Kommunikationsprobleme: Ebenso wird das „Babel“ als Symbol für mangelnde Verständigung, Chaos, das Aneinander-Vorbeireden oder den Verlust einer gemeinsamen Verständigungsbasis verwendet.
Historischer Hintergrund: Die Geschichte hat einen realen historischen Kern. Die Erzählung spielt im antiken Mesopotamien, dem heutigen Irak, und ist vermutlich von den dortigen Tempeltürmen, den sog. Zikkurats, inspiriert. Diese mehrstöckigen Sakralbauten wurden von den Babyloniern errichtet und ragten weithin sichtbar in die flache Landschaft. (rr mit Hilfe von KI)
Autor: Roland Reck
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„Großartige Menschheit“






