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Mit dem Zug von Bad Wurzach nach Bad Waldsee

Es war am 7. September 2008: Erinnerung an eine besondere Bahnfahrt

Foto: Gerhard Reischmann
Der Zug war pünktlich. Um 10.20 Uhr am 7. September 2008 kam die Lok aus Roßberg in Bad Wurzach zum Stehen. Man sieht die provisorischen Ausstiegshilfen und im Hintergrund einen Kamin der Bad Wurzacher Glasfabrik. RR-Archivbild.
veröffentlicht am: 09.06.2026
Autor: Gerhard Reischmann
Lesedauer: ca. 5 Minuten

Bad Wurzach / Bad Waldsee – Seit vielen Jahren bemüht man sich darum, die Roßberg-Bahn zu beleben. Es gibt inzwischen ein stabiles Angebot an touristischen Erlebnis- und Sonderfahrten. So fährt die Moorbahn regelmäßig an Sonn- und Feiertagen von Aulendorf über Bad Waldsee nach Bad Wurzach und zurück, das nächste Mal am 14. Juni; den Fahrplan haben wir unter dem roten Download-Balken in der rechten Spalte hinterlegt. Inzwischen gibt es in Bad Wurzach wieder einen Bahnsteig, nachdem dieser im Gefolge der Einstellung des Personenverkehrs im Jahre 1963 abgebaut worden war. Die Bemühungen, die Strecke zu beleben, gehen weit zurück. Bildschirmzeitungsredakteur Gerhard Reischmann ist am 7. September 2008 im Rahmen des damaligen bodo-Erlebnistages mitgefahren. Es war eine der ersten Personenzugfahrten nach langer Zeit auf der Strecke Bad Wurzach – Roßberg. Reischmanns Artikel erschien im Amtsblatt der Stadt Bad Waldsee am 16. Oktober 2008. Wir wollen eintauchen in jene Zeit:

Begrüßung des Roßberg-Zügles am 7. September 2008 in Bad Wurzach: Das Trio „Schräg-Akkord“ aus Bad Waldsee-Reute-Bergatreute intonierte natürlich „Auf d’r schwäb’scha Eisebahna“ und „Muss i denn zum Städtele hinaus“. RR-Archivbild: Gerhard Reischmann

Julian, 15, aus Leutkirch, Walter, 14, aus Biberach und Alex, 12, aus Friedrichshafen dürfen ins Führerhaus. Seit dem frühen Morgen sind sie mit der bodo-Netzkarte unterwegs, jetzt fahren sie mit dem Triebwagen 608 von Bad Wurzach nach Bad Waldsee. Stefan Kieble, der Lokführer, meldet seinem Fahrdienstleiter „Abfahrbereit in Bad Wurzach“ und mahnt dann die Fahrgäste zur obligatorischen Vorsicht bei der Abfahrt.

Die ist in besonderer Weise geboten, denn Bahnsteige gibt es in Bad Wurzach nicht mehr. Für die Sonderfahrten beim bodo-Erlebnistag wurden provisorische Holzpodestchen als Einstiegshilfen ausgelegt. Auch wenn Bad Wurzach keinen Personenverkehr mit der Bahn mehr hat, so ist das Städtchen nach wie vor ein Haltepunkt für den Güterverkehr. 150 000 Tonnen seien in den vergangenen fünf Jahren auf der Strecke befördert worden, sagte Bad Wurzachs Bürgermeister Roland Bürkle bei der Begrüßung der Bahn- und Busfans in der historischen Bahnhofsrestauration, die heute der Wurzacher Jugend als Heimstätte dient.

Am 7. September aber wurden keine Rohstoffe für die Glasfabrik auf der 102 Jahre alten Linie befördert, sondern Kind und Kegel, Promis und Normalos. So entstiegen dem Zug um 10.20 Uhr Verkehrsstaatssekretär Rudi Köberle, MdB Franz Romer, der Landtagsabgeordnete Paul Locherer, Bürgermeister Roland Weinschenk, Aulendorfs Amtsverweser Edgar Schaz, Kißleggs Bürgermeister Dieter Krattenmacher und weitere Vertreter und Verfechter des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV), um – nach einer Stärkung mit Weißwürsten – mit der neu eingerichteten Buslinie Bad Wurzach – Kißlegg weiterzufahren. Diese Zubringerlinie sei eine wichtige Stärkung der Allgäubahn, sagten Köberle, Bürkle und bodo-Geschäftsführer Löffler unisono. Es liege nun an den Bürgern, ob und wie das Angebot angenommen werde. Auf Dauer sei es politisch nicht vertretbar, Leerfahrten zu finanzieren.

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Statt mit dem Promi-Bus gen Kißlegg fahren wir um 14.15 Uhr mit Julian, Walter und Alex sowie Stefan am Steuerknüppel nach Bad Waldsee. Die jungen Eisenbahnfans kennen die für Automobilisten ungewohnten Verkehrszeichen aus dem Effeff. Ein „P“-Schild etwa mahne den Lokführer zu einem Hupton. Ein Tritt auf ein Fußpedal und es ertönt das Warnsignal, das bei unbeschrankten Bahnübergängen geboten ist. Auf dem Weg nach Rossberg muss Stefan Kieble des Öfteren auf sein Pfeifpedal treten, denn es kreuzen viele Weglein den alten Schienenstrang. Mehr als Tempo 50 ist nicht erlaubt, auf der Höhe von Kimpfler und bei der Kiesgrube nach Mennisweiler dürfen nur 20 km/h gefahren werden.  „Wir erreichen nun Rossberg. Rossberg ist nur ein Betriebshalt. In Rossberg bitte nicht aussteigen“, sagt Stefan Kieble in sein Bordmikro. Das gilt aber nicht für uns. Denn unser Triebwagen mit der Nummer 650 001-1 kommt in Rossberg in Fahrtrichtung Wolfegg zu stehen. Lokführer und Fan-Kleeblatt müssen in den Triebwagen 650 006-0 auf der Waldseer Seite des Zuges umsteigen. Während wir übers Kiesbett staksen, wird die Weiche von Hand gestellt. Weiche und Weiterfahrsignal werden mit Drahtseilen gekurbelt – „eine ganz alte Ausführung eines Stellwerks“, erläutern die jungen Experten.

Auch für ihn ein Novum: Lokführer Stefan Kieble befuhr die Strecke Bad Wurzach-Rossberg erstmals. RR-Archivbild (2008): Gerhard Reischmann

Ab Rossberg kann Stefan Kieble seine 750 Pferdchen rennen lassen. Mit Tempo 100 schnurren wir nach Bad Waldsee hinab. „Bis nach Aulendorf fällt die Strecke. Wir rollen quasi.“

Vor Mittelurbach sehen wir ein schwarzweiß gerautetes Schild; hier kann sich der Lokführer auf einen automatisierten Bahnübergang verlassen, hier gehen die Schranken wie bei der Märklinbahn durchs bloße Befahren des vorgelagerten Streckenabschnitts runter. Dass das funktioniert, erkennt der Lokführer an einem Lichtsignal nach der Raute. „Was ist, wenn das Lichtsignal nicht kommt?“ Auch darauf wissen die jungen Experten die Antwort: „Dann muss er schlüsseln.“ Dann müsste er anhalten und die Schranke mittels Schlüsselkontakt eigenhändig herunterlassen.

14.42 Uhr. Wir erreichen Bad Waldsee. Treffen am Bahnsteig einen guten Freund. Kurzer Schwatz. Er und seine Frau fahren nach Aulendorf.

17.41 Uhr. „Auf Gleis 2 fährt ein der Erlebniszug von Aulendorf nach Bad Wurzach.“ Wir stehen am Bahnsteig, treffen wieder Bekannte, unterhalten uns und freuen uns auf ein geruhsames Fährtle nach Rossberg und dann den Bläsiberg hinauf nach Bad Wurzach. Da und dort winken Leute, der Zug wird viel fotografiert. Aus der Glasfabrik grüßt ein Gabelstaplerfahrer. Um 18.08 Uhr hält der Zug in Bad Wurzach.

Geht es nach Roland Bürkle, so wird spätestens im Juli nächsten Jahrs wieder ein Personenzug in Bad Wurzach Halt machen. 2009 feiert der Gottesberg 300 Jahre und da würde Bürkle sich sehr über einen Sonderzug mit Wallfahrern freuen.

Anmerkung der DBSZ-Redaktion knapp 18 Jahre später: In der Tat folgte der Erlebnisfahrt vom 7. September 2008 ein kleines, aber stabiles Freizeitfahrten-Angebot. Siehe den unter dem roten Download-Balken in der rechten Spalte hinterlegten Sommer-Fahrplan.
Gerhard Reischmann

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