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Leutkirch – „Habt Ihr auch ein Bier da?“, fragte Talk-Gast Boris Palmer während des Gesprächs mit Joachim Rogosch, wohlwissend, dass ums Eck ein Sudkessel steht. Boris Palmer, Tübingens streitbarer Oberbürgermeister, unterhielt am Montagabend (4.5.) sein etwa 500-köpfiges Publikum beim „Talk im Bock“ (der aus Platzgründen in der Festhalle stattfand) über zwei Stunden bestens. Dieses ließ die Festhalle Leutkirch so rappelvoll erscheinen wie selten. Und spendete 3200 Euro für ein Jugendvorhaben in Tübingen. Musikalisch umrahmt wurde der Talk im Bock wie immer von der Hausband „Just friends“.

Der streitbare und auch umstrittene Politiker Boris Palmer hatte enormes Interesse geweckt. Die Leutkircher Festhalle war rappelvoll.

Ein Ex-Grüner, umgeben von hiesigen Grünen. Unser Bild zeigt Boris Palmer mit (von links): Hannah Rogosch, Cornelia Furtwängler, Hanna Stauß, Bruno Sing und Gottfried Härle.
„Ich sage immer selbstbestimmt: Ich bin ein ,Grüner‘.“ Der als streitbar bekannte Oberbürgermeister von Tübingen – inzwischen ohne grünes Parteibuch – stellte sich nach dem „Talk im Bock“ umso freundlicher mit „grünen“ Parteiaktiven zum Familienfoto vor die Kameras (Bild). Mehr als zwei Stunden redselig und unterhaltend, setzte der prominente Politiker allerdings auch Grenzen. Zum Streit um die wohl rehbraunen Augen einer jungen Gesprächspartnerin von Manuel Hagel erklärte Palmer: „Da will ich jetzt nicht mehr drüber sprechen.“
„Ich bin kein Freund langer Laberrunden“, betonte Boris Palmer. Um dann doch mehr als zwei Stunden klar das Publikum zu unterhalten. Das dankte seinen Pointen mit gelöstem Lachen. Kein Wunder, dass dem Tübinger Rathauschef dabei der Mund trocken wurde und er freundlich fragte. „Habt Ihr auch ein Bier da?“. Freilich nicht ohne das heimische Härle zu loben und zu fragen: „Wo ist der Gottfried?“ Als Moderator Joachim Rogosch um 21.25 Uhr vorsichtig nachhakte, ob der Podiums-Gast überhaupt noch Zeit habe, beruhigte Palmer: „Gottschalk war nie vor halbzwölf fertig.“
„Man ist wahrscheinlich mehr Kind seiner Eltern als man das merkt.“ In diesem Fall hochbegabter Sohn des Geradstetter Pomologen und Obsthändlers Helmut Palmer. In einem Fax an Redaktionen sandte Mutter Palmer damals einen Gruß ihres Mannes. Mit dabei: das frische Abiturszeugnis des Sohnes Boris. Note eins. Vater Palmer führte dazu aus: „Daran können Sie sehen, dass der Vater auch gescheit ist.“ Und streitbar. Darin eingeübt in langer Familientradition. So erzählte Boris Palmer am Montagabend in der Festhalle, schon sein Urgroßvater sei 1913 wegen Beleidigung angeklagt worden. Wie sein Vater Helmut, der mehrmals im Gefängnis saß, weil alte Nazis sich von ihm beleidigt gefühlt hatten.
„Wenn einer AfD wählt, ist er noch lange kein Nazi“
Dabei stemmte sich der Talk-im-Bock-Gast gegen die gegenwärtige Mode, alle Möglichen und Unmöglichen als „Nazis“ zu beschimpfen. Palmer: „Wenn einer AfD wählt, ist er noch lange kein Nazi.“ Aktuell herrsche stattdessen der Irrtum vor, alle, die anderer Meinung als man selbst seien, als „Nazis“ zu bezeichnen. Boris Palmer forderte stattdessen beim Talk im Bock am Montagabend in der Festhalle: „Wir müssen zivilisierten Streit pflegen.“ Leben ohne Meinungsverschiedenheiten – das gebe es nicht. „Das ist ja nicht mal bei der Ehe so.“ Palmer riet deshalb, dem kürzlich verstorbenen Philosophen Jürgen Habermas zu folgen nach dem „zwanglosen Zwang des Arguments“.
Auf dessen Spuren pflege Boris Palmer inzwischen „viele schöne Brieffreundschaften mit Ministerien“. Warum? Anlass dazu habe eine der letzten politischen Bestimmung von Winfried Kretschmann gegeben: das „Kommunal-Regelungs-Befreiungs-Gesetz.“ Es erlaube Rathaus-Chefinnen und -Chefs, den jeweiligen Landesministerien zu schreiben, wenn die Ortspolitiker ein Gesetz als unsinnig empfänden. Beispiel: Tübingen gelte seit einigen Jahren als „Erdbebengefahrengebiet“. Wenn jemand auf seinem Haus ein weiteres Stockwerk errichten wolle, sei dabei die neuere Erdbebenvorschrift zu beachten. Im Ernstfall gelte dann: „Das Haus bricht weg – aber die Gaube bleibt stehen.“ Der Tübinger Rathauschef nehme deshalb auch nicht alle Ergüsse der Bürokratie wortwörtlich ernst. Palmer: „Die schreiben viel, wenn der Tag lang ist“.
„Die Rente mit 63 ist vorbei“
Gar zu lang sei der Arbeitstag in Deutschland aber bestimmt nicht. Deutschland werde sich nicht wirtschaftlich erholen, „wenn wir am wenigsten schaffen, am meisten Urlaub machen und am frühesten in Rente gehen“. Die Alterssicherung sei nach alter Regel inzwischen so nicht mehr bezahlbar, „weil die Menschen heute doppelt so lange in Rente sind“ als vor Jahrzehnten. Derzeit fehlten dem Alters-Sicherungs-System 300.000 junge Einzahlerinnen und Einzahler. Boris Palmer forderte deshalb: „Wir müssen Anreize abschaffen, nix zu schaffen.“ Folge: „Die Rente mit 63 ist vorbei“.
„Mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben“
Und was rät der „Grüne“ ohne „grünes“ Parteibuch seinen ehemaligen Parteifreunden? Antwort Palmer: „Die entscheidende Frage ist, ob es den ‚Grünen‘ gelingt, den Leuten zu zeigen, dass man mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben kann. Das muss andere mitreißen.“ Darin erkennt der Oberbürgermeister der Stadt, die inzwischen 90 % ihres Stroms dank erneuerbarer Energiequellen gewinnt, „die entscheidende Frage – für die `Grünen‘ – und für unser Land.“
Am Rande notiert
Übernimmt Boris Palmer im neuen Landeskabinett Baden-Württemberg ein Amt? Etwa als Staatsrat? „Wenn Du mich brauchst, melde Dich bei mir“, hatte Palmer Cem Özdemir erklärt. Und bisher keine Rückfrage des vermutlich neuen Ministerpräsidenten erhalten. Falls überhaupt, dann könne er sich bestenfalls eine Stelle als „Geheimrat für Bürokratieabbau“ vorstellten, sagte Boris Palmer am Montagabend beim Talk in Bock in der Leutkircher Festhalle.
Und wie verhält es sich mit der Trauung des neuen Landesvaters im Februar 2026? „Wir haben uns heute, am 14. Februar, kurz nach Mitternacht im Tübinger Rathaus das Jawort gegeben und sind sehr glücklich darüber“, ließ Cem Özdemir damals wissen. Behördlich möglich zu so später Stunde? „Ich bin selber Standesbeamter“, versicherte Oberbürgermeister Palmer. Und versicherte: „Die haben meiner Überzeugung nach aus Liebe geheiratet.“ Was sagte der „Standesbeamte“ dann direkt nach der Trau-Zeremonie? „Das ist Dienstgeheimnis“, betonte Palmer und ergänzte, er erlaube frisch vermählten Paaren bei solcher Gelegenheit meistens: „Sie dürfen sich jetzt küssen.“
Text und Fotos: Julian Aicher
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