
Ochsenhausen – Das Börsenblatt ist das reichweitenstärkste Fachmagazin für die deutsche Buchbranche. Gedruckt seit 1834 und mittlerweile natürlich auch im Netz. Bis 2002 hieß es Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel. Und diese wichtige Verbandsorgan des Börsenvereins aus Frankfurt berichtete nun auf zwei Seiten über die Lesebar in Ochsenhausen!
Unter dem Titel „Ein Ankerplatz in Krisenzeiten“ schreibt die Autorin Sabine Cronau: „Die Lesebar in Ochsenhausen lädt seit März zu wöchentlichen Debattierrunden ein. An Tischen diskutieren die Gäste über ihr Leben in der Kleinstadt – und über große Politik.“
Weiter berichtet sie: „In der oberschwäbischen Kleinstadt Ochsenhausen versammeln sich Menschen regelmäßig am Tisch, um über den Zustand der Welt (und der Provinz) zu diskutieren. Nicht satirisch, sondern aus ernsthaftem Interesse an Gesellschaft, Gemeinschaft, Politik. Die wöchentlichen Treffen in der örtlichen Buchhandlung Lesebar drehen sich um Themen wie »Meinungsfreiheit und Kleinstadt: Wo stehen wir damit in Ochsenhausen?«, »Zuhören statt zu schimpfen: Wie reden wir eigentlich miteinander?« oder »Wehrpflicht und Aufrüstung: Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen?«. Insgesamt zehn solcher Debattierrunden finden in diesem Jahr von März bis Mai statt, organisiert von den beiden Lesebar-Inhaberinnen Pat Götz und Inge Grieser.
„Die Lesebar denkt laut. Ein Raum, eine Stadt, viele Perspektiven“ heißt das neue Veranstaltungsformat, das den politischen Diskurs nicht nur denen überlassen soll, die ohnehin immer laut sind. „In der Lesebar möchten wir einen ständigen offenen Raum schaffen, in dem Menschen aus Ochsenhausen nicht übereinander sprechen – sondern miteinander. Über Themen, die viele bewegen. Über Fragen, die nicht in 30 Sekunden beantwortet sind. Über Unterschiede, die ausgehalten werden müssen“, so der Flyer zur Reihe. Klingt gut, aber wie sieht das in der Praxis aus?
Pat Götz hatte die Idee für die Treffen. Um Grüppchenbildung zu vermeiden und wechselnden Gästen die Teilnahme zu ermöglichen, gibt es keinen festen Wochentag dafür, sondern rollierende Termine von Montag bis Freitag. Im Schnitt kommen 30 bis 45 Teilnehmer. Sie verteilen sich auf acht Tische, die im Veranstaltungskeller der Buchhandlung und oben im Laden bereitstehen. Paare und Freunde setzt Pat Goetz auseinander, es geht ja um den Austausch mit anderen, nicht mit denen, die man ohnehin schon kennt. Zur Begrüßung gibt es für jeden Gast einen Zettel mit passenden Zitaten zum Thema. Außerdem bereiten die Buchhändlerinnen immer eine Einführung ins Thema vor. Danach beginnt der 90 Minuten lange Austausch, ein so genannter „Unterhaltungsspeiseplan“ auf den Tischen sorgt mit ein paar Fragen für Gesprächsimpulse. Viele bleiben am Ende sitzen und reden weiter. Die Altersstruktur der Gäste liegt bei 50 plus.
Beim Blick auf die politische Weltlage und die Wahlerfolge der AfD im ländlichen Raum mache sich bei Vielen ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit breit, beobachtet Pat Götz: „Sie möchten aktiv werden, wissen aber nicht, wie. Hier wollen wir mit unserer Buchhandlung zum Knotenpunkt werden, der die Menschen verbindet. Inspirationsquelle dafür war ein Buch:10 Lektionen aus der Geschichte für die drängendsten Fragen unserer Zeit (DuMontVerlag, Rezension von Pat Götz in BLIX November/2025). Soziologe Roman Krznaric geht darin der Frage nach, wie frühere Gesellschaften fundamentale Krisen bewältigt haben – und beschreibt unter anderem die englischen Kaffeehäuser des 17. und 18. Jahrhunderts, in denen debattiert und gelesen wurde.
Das Format lockt nicht nur Stammkundschaft. „Gut die Hälfte sind keine klassischen Leser“, schätzt Pat Götz. Auf Buchtipps oder prominent platzierte Büchertische verzichtet sie. Tagsüber sei im Laden von Kunden oft zu hören, man dürfe ja nichts mehr sagen. Götz stellt sich dann eher die Frage, ob man über Meinungsfreiheit – oder über Widerspruchsfreiheit rede. Dass an den Diskussionsabenden eher Konsens herrscht als Kontroverse, findet Pat Götz deshalb fast etwas enttäuschend. Für manche seien die Tischrunden in der Lesebar bereits zu einem Ankerplatz in einem unsicheren Alltag voller Krisen und Kriege geworden. Und die Themen gehen Pat Götz so schnell nicht aus. Aktuell ganz oben auf ihrer Ideenliste: Geschlechterrollen, die Werte des Westens, die Frage, ob Einsamkeit politisch ist. Das findet man offenbar auch in Frankfurt interessant.
Autorin: Andrea Reck
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„Ankerplatz in Krisenzeiten”






