Zur Bürgermeisterwahl
Am kommenden Sonntag haben die Wurzacher die Wahl, wer für die nächsten acht Jahre die Geschicke der „Residenz am Ried“ und ihrer Teilorte mit seiner Persönlichkeit, seinen Erfahrungen und Ideen prägen darf. Es ist erfreulich, dass die Bürger – entgegen den anfänglichen Befürchtungen – doch noch eine Wahl bekommen haben und es gilt, diese mit Bedacht zu treffen. Denn es ist erkennbar, dass unterschiedliche Herangehensweisen, Stärken und Schwächen zur Auswahl stehen.
Genauso wichtig, wie die Betrachtung der Bewerberprofile ist dafür eine nüchterne Analyse der Lage und Verfasstheit unserer Stadt und unseres Landes insgesamt. Denn zum passenden Kandidaten wird man erst, wenn man auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.
Ohne schwarzzumalen, kann es heute schon als gesichert gelten, dass die kommenden Zeiten weit ungemütlicher werden, als die zurückliegenden acht Jahre. Denn selbst die Corona-Jahre konnten mit dem soliden Polster der „fetten Zehnerjahre“ noch halbwegs unbeschadet überstanden werden. Doch nun haben wir es nach übereinstimmender Sicht der Politiker mit einer „Zeitenwende“ zu tun, die – egal ob sichere Arbeitsplätze, Rente, NATO, Eigenheim, Energie oder Exporterfolg – alte Gewissheiten und Selbstverständlichkeiten zunichte macht. Gleiches gilt im Schlepptau für die Kommunalfinanzen, die einerseits von steigenden Sozialausgaben, Personalkosten, Kreisumlagen und andererseits von Verlusten bei Gewerbesteuer – und bei uns im städtischen Kurwesen – in die Mangel genommen werden. Die „fetten Jahre“ sind vielleicht für immer vorbei.
Wir meinen, dass es in dieser Situation nicht der richtige Weg ist, ein „weiter so“ auszurufen, getreu der jahrzehntelang eingeübten Routine, möglichst keine Fördergelder verfallen zu lassen. (Schließlich kennt jeder jemanden, der „dauernd Kruscht kauft, bloß weil’s an fetta Rabatt gäeh hot“.) Auch darf der Weg unserer Stadt, in der aus etwa 90 städtischen Bediensteten 1980 (mit Schreibmaschinen, Tipp-ex und 12.500 Einwohnern) inzwischen 280 (mit PC und 15.000 Einwohnern) geworden sind, auf keinen Fall so weiter beschritten werden. Denn irgendwann ersticken die Kosten eines überbordenden Staats den Bürger.
Bad Wurzach braucht darum eine Person als Bürgermeister, die auch „zahlenverliebt“ ist und einen Millionenverlust im Kurbetrieb nicht erst nach einem dreiviertel Jahr bemerkt. Nur wer an Zahlen nah dran ist, merkt auch schnell, wenn es „irgendwo stinkt“. Das muss einem „im Blut liegen“ und man kann es auch als „Chef“ – im Gegensatz zu vielen klassischen Aufgaben der öffentlichen Verwaltung – nicht von sich wegdelegieren.
Nur auf dieser Basis entwickelt man auch ein Gefühl für Angemessenheit. Passt es in unsere Zeit, für hunderttausende Euro einen Aufzug ins Rathaus zu bauen, „damit auch einmal ein Rollstuhlfahrer die Bürgermeisterin besuchen kann“ (O-Ton Gemeinderatsitzung), oder sind auch Begegnungsräume und Arbeitsplätze im Erdgeschoss für diese Belange ausreichend? Ist die Vorhaltung städtischer Kureinrichtungen ein „Muss“, oder können das nicht, wie bei den Waldburg-Zeil-Kliniken, private Träger viel besser? Sollten wir unser Geld nicht lieber zur Förderung unserer Familien einsetzen, statt es in Prestigeprojekte zu stecken? Hätte man nicht besser gleich Stromkabel mitverlegt, wenn schon für 70 Millionen Euro zu jedem Hof ein Breitbandkabel verlegt wird, obwohl es längst Satelliteninternet gibt. (So hat es uum Beispiel Markdorf gemacht.) Denn schon in weniger als zwanzig Jahren soll ja die Nutzung von Gas, Öl und Benzin bei uns verboten sein.
Menschenähnliche Roboter, Künstliche Intelligenz, Autonomes Fahren – die Welt wird sich in den nächsten Jahren in einem rasanten Tempo verändern. Da kann es der Stadt nur guttun, jemanden als Bürgermeister zu bekommen, der schon etwas von der Welt gesehen hat. Und vor allem könnte ein Auge wertvoll sein, das darin geschult ist, zu sehen, wie nah Erfolg und Scheitern oft beieinander liegen, und darum weiß, was man schleifen lassen darf und was nicht. Es ist nun an uns, am Sonntag die Frage zu beantworten, wem wir das am ehesten zutrauen.
Herbert Birk, Friedrich-Thorsten Müller, Dr. Stefan Hövel, Jürgen Fricker, Gerhard Gschwind, Otto Freisinger, Martina Hofrichter, Franz Essig, alle Bad Wurzach
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