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Leserbrief

Sie kann es

veröffentlicht am: 24.04.2026
Autor: Wolfgang Hübner
Lesedauer: ca. 5 Minuten

Zur Bürgermeisterwahl

Entspannt im Sessel habe ich mit meiner Frau die Kandidatenvorstellung zur Bürgermeisterwahl am Bildschirm verfolgt. Amtsinhaberin Frau Scherer eröffnete den Reigen der Bewerbungsreden. Sie berichtete über acht Jahre belegtes Wirken für unsere Stadt und sprach konkret zu den Aufgaben für die nächsten acht Jahre. Keiner der nachfolgenden neuen Bewerber konnte mit vergleichbaren Fakten punkten.

Wenn ein Unternehmen mit 500 Mitarbeitern den Chef sucht, dann formuliert es in der Stellenanzeige die Anforderungen, welche zur Ausübung dieser Funktion unabdingbar sind. Fachliche Kompetenz, eine passende berufliche Entwicklungslinie mit breit angelegter Basis sowie Führungskompetenz sind die grundlegenden Kriterien zur Auswahl der Bewerber.

Am Beispiel verdeutlicht: Wenn die Leitung der Chirurgie in einer Klinik ausgeschrieben ist, dann hat man als Bewerber nur Chancen, in die engere Auswahl zu kommen, wenn man eine erfolgreich abgeschlossene Ausbildung als Arzt mit anschließender fachlicher Erweiterung zur Chirurgie und zudem jahrelange Praxis als Chirurg sowie in der Führung von Mitarbeitern nachweisen kann. Und als letzten Punkt muss der Bewerber auch noch Persönlichkeit und Empathie ausstrahlen, denn der künftige Chef ist die Visitenkarte für das Unternehmen. Gelten für das Bürgermeisteramt des „Unternehmens Stadt Bad Wurzach“ vergleichbare Kriterien?

Alle Kandidaten, welche der Vorstellung von Frau Scherer folgten, sind Neulinge für die anstehende Führungsaufgabe des „Unternehmens Stadt Bad Wurzach“. Keiner von ihnen hat sich in einer öffentlichen Verwaltung schrittweise hochgearbeitet, nur einer kann Erfahrung mit der Arbeit in einem Stadtrat nachweisen und keiner hat schon einmal eine große öffentliche Verwaltung mit mehreren hundert Mitarbeitern verschiedener Fachgebiete geführt. So verwundert es nicht, dass alle Herausforderer von Frau Scherer sich in ihren Präsentationen auf Allgemeinplätze beschränken mussten; „Visionen“, „Attraktivität der Innenstadt“, „offene Kommunikation“, „harmonisches Miteinander“ – das alles ist leicht und rasch formuliert. Keiner der Neulinge verfügt über einschlägige breite Referenzen, um die Eignung als Chef von Bad Wurzach zu belegen. Ein Studium mit beruflichem Werdegang von der Juristerei über die Müllbranche, Soziale Arbeit oder Tätigkeit als EDV-Fachmann allein genügt nicht für diese große Aufgabe.

Trotz dieses Heimvorteils der belegten Kompetenz und Erfahrung von Frau Scherer gibt es auch Kritik zu ihrer Arbeit. Aber wer von uns hat in seinem Berufsleben nicht den einen oder anderen seiner Chefs kritisiert oder wer von uns hat in seinem Leben stets fehlerfrei gearbeitet? Auf den Vorwurf „Verlust im Kurbetrieb“ ging Frau Scherer offen und ehrlich ein: Ja, da sind Fehler passiert, da gibt es nichts zu beschönigen und da stehen mehrere Beteiligte in der Verantwortung. Man habe die Ursache erkannt und Kontrollmechanismen etabliert, „die nicht mehr umgangen werden können“.

Die Formulierung lässt tief blicken. Wurden ihr und dem Stadtrat geschönte Zahlen vorgelegt?

Glaubwürdig betont sie, dass gemeinsam mit dem Stadtrat eine grundlegende zukunftsgerechte Lösung für den seit vielen Jahren in Diskussion stehenden Kurbetrieb erarbeitet werde mit dem Ziel, das Kurwesen wirtschaftlich weiterzuentwickeln, denn es ist Teil der Identität von Bad Wurzach.

Ins Persönliche gehende Kritik an Frau Scherer, etwa zu ihrer Wohnungswahl – sie hat ihren Erstwohnsitz hier in Bad Wurzach seit sieben Jahren – oder zu ihrer Freiheit, sich auf eine andere Position zu bewerben, kann man nur kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen. In Laupheim, wo ihre Familie ihren Lebensschwerpunkt hat, starb der Oberbürgermeister völlig überraschend im Amt. Es tat sich eine Lebenschance auf, mit der nie und nimmer zu rechnen war; normalerweise hätte der jäh Verstorbene noch zehn Jahre oder länger amtiert. Kann man es einer tüchtigen Verwaltungskraft verdenken, hier zuzugreifen?

Nach der missglückten Kandidatur hat sie in und für Bad Wurzach mit ganzer Kraft weitergearbeitet. Mehr ist dazu nicht zu sagen. Punkt.

Halt, das ist noch zu sagen: Mit ganzer Kraft, das heißt, weit mehr als 40 Stunden in der Woche!

Wer schon mal bei einer Stadtratssitzung dabei war, hat Frau Scherer in ihrem Element erlebt: Souverän und gut vorbereitet führt sie durch die Sitzung, hat ein Ohr für unterschiedliche Positionen, ist versöhnlich im Dialog, nimmt Fragen aus der Zuhörerschaft ernst und kommt am Schluss auf den berühmten Punkt. Das ist die Königsdisziplin eines Bürgermeisters.

Wo ist die entsprechende Erfahrung der anderen in Sachen Sitzungsmanagement?

Zur Bürgermeisterwahl ausgeschrieben ist keine Lehrstelle, auf der man lernen kann, Bürgermeister zu werden, sondern eine anspruchsvolle Führungsposition zur Leitung des „Unternehmens Stadt Bad Wurzach“.
Dr. Wolfgang Hübner, Bad Wurzach

Anm. d. DBSZ-Red.: Leserbriefe sind Meinungsäußerungen. Die Redaktion der Bildschirmzeitung akzeptiert ein breites Spektrum an Meinungen. Nicht veröffentlich werden extremistische, persönlichkeitsverletzende oder offensichtlich wahrheitswidrige Äußerungen.

Bevorzugt veröffentlichen wir Leserbriefe zu lokalen und regionalen Themen. Aber auch Meinungsäußerungen zu allgemeinen Themen, die die hiesige Leserschaft bewegen, werden gerne entgegengenommen.

Leserbriefe zur Bürgermeisterwahl werden nur bis Freitag, 24. April, 12.00 Uhr angenommen. Die Redaktion behält sich vor, zum Ausgleich notwendige Leserbriefe nach Ablauf der Frist zuzulassen. Am Samstag, 25. April, werden keine Leserbriefe mehr neu eingestellt.

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