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Buchtipp von Christoph Schmaus: Rainer Bayreuther und Gunilla Eschenbach, Das Dorf der Visionäre

Auf der Tausendmeterlinie

Foto: Osiander
Christoph Schmaus, Buchhändler bei Osiander in Wangen, gibt in der Bildschirmzeitung regelmäßig Buchtipps. Heute stellt er „Das Dorf der Visionäre“ von Rainer Bayreuther und Gunilla Eschenbach vor.
veröffentlicht am: 10.04.2026
Autor: Christoph Schmaus
Lesedauer: ca. 4 Minuten

Der schönste Weg, um das Dörfchen Saig im Hochschwarzwald zu erreichen, führt über die Seesteige vom Titisee her. Überquert man den Scheitel des Höhenzuges, liegt der Ort mit seinen abfallenden Wiesen und Lichtungen vor einem wie ein sonnenbestrahltes Amphitheater. Der Blick reicht zu den Vogesen und bis zu den Schneeriesen des Schweizer Gebirges, mit dem Säntis – für uns Oberschwaben ungewohnt – ganz im Osten. Hier verbindet sich das Praktische der bäuerlichen und handwerklichen Welt mit einer Weite, die bezaubert und zum Denken anregt. Die Autoren Rainer Bayreuther und Gunilla Eschenbach schildern in ihrem bestechend guten Sachbuch, wie Künstler, Dichter und Denker, Wissenschaftler und Ökonomen auf gut tausend Höhenmetern Zuflucht und Inspiration fanden.

Das Cover von Rainer Bayreuther und Gunilla Eschenbach, Das Dorf der Visionäre. Foto: Verlag

Als Erstes kamen die Sommerfrischler, immer zahlreicher nach dem Ersten Weltkrieg und vorrangig mit der Höllentalbahn aus der nahegelegenen Universitätsstadt Freiburg, aber auch aus dem fernen Berlin. Die Studenten quartierten sich in den jahrhundertealten Gasthäusern und Gehöften ein, die Professoren und hohen Beamten bevorzugten gleich den Kauf oder Bau eigener Domizile. Der Familienclan des renommierten Bildhauers Fritz Klimsch, allen voran der schriftstellernde Sprössling Uli, ließ sich im traditionsreichen „Hierahof“ nieder. Die Bauern dürften vom Treiben der Boheme bisweilen irritiert gewesen sein. Die Ehefrau des Sohnes saß schon bald dem Vater Modell und wurde dessen dauerhafte Begleiterin.

Seriöser ging es im nahegelegenen „Ritterhorst“ zu, einem roten Häuschen mit Walmdach, erbaut von den örtlichen Handwerkern und benannt nach seinem Besitzer und Bewohner, dem nationalkonservativen Historiker Gerhard Ritter. Vielleicht wurde er zu seinem neuen Heim durch die legendäre Hütte seines Professorenkollegen Martin Heidegger angeregt. Dessen berüchtigter Denkort befand sich zwar an anderer Stelle im Schwarzwald, belegt sind jedoch bedeutende philosophische Spaziergänge Heideggers auch auf der Saiger Höhe.

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Ritter spielte dann während der nationalsozialistischen Herrschaft eine weitaus rühmlichere Rolle als der große Existenzialist. Er war Mitglied der „Bekennenden Kirche“ Dietrich Bonhoeffers und gehörte zum oppositionellen Kreis des sogenannten „Freiburger Konzils“. Zudem stand er in Kontakt zu den Widerständlern des 20. Julis 1944 und war sogar für einen Posten im Schattenkabinett für die Zeit nach dem geplanten Umsturz vorgesehen. Eine sozialpolitische Denkschrift der Hitlergegner, an der unter anderem auch der Ökonom Walter Eucken mitschrieb, blieb über Jahre in einem Saiger Heuschober versteckt. Später gingen von dem spektakulär geretteten Manuskript entscheidende Impulse für die föderale Struktur und die soziale Marktwirtschaft der jungen Bundesrepublik aus.

Auch das vielleicht bedeutendste publizistische Druckerzeugnis der Nachkriegsjahre entstand in Saig. Benno Reifenberg, ehemaliger Kulturredakteur der von den Nazis verbotenen „Frankfurter Zeitung“, und der Berliner Verleger Erich Stückrath trafen in der Abgeschiedenheit des Schwarzwalds aufeinander. Sie bildeten ein eigenwilliges Duo – hier der zaudernde, bedächtige Journalist, dort der ungestüme und tatendurstige Unternehmer, der am liebsten die Druckmaschinen schon angeschmissen hätte, bevor die Lizenz der französischen Militärregierung aus Baden-Baden vorlag. Gemeinsam trugen sie entscheidend zum Neuaufbau der Presselandschaft bei. Ihre Zeitschrift „Die Gegenwart“ hatte zeitweise eine Auflage von 220.000 Exemplaren und wurde in allen vier Besatzungszonen gelesen. Die ersten Redaktionskonferenzen fanden am großen Tisch des „Gasthofs Ochsen“ in Saig statt. „Die Gegenwart“ lieferte sowohl eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Schuldfrage im Rahmen der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse als auch die publizistische Vorbereitung der Währungsreform und der mit ihr verbundenen Freigabe der Preise.

Die beiden Autoren der vorliegenden, glänzend recherchierten Studie fügen die zahlreichen einzelnen Episoden zu einem beeindruckenden Gesamtbild des Ortes und der Ereignisse. Gunilla Eschenbach arbeitet am Deutschen Literaturarchiv in Marbach und an der Uni Stuttgart. Rainer Bayreuther ist vorwiegend als Musikwissenschaftler tätig. Die überbordende Detailfülle ihrer Darstellung verlangt durchaus eine gewisse Ausdauer bei der Lektüre, diese aber wird reichlich belohnt. „Das Dorf der Visionäre“ ist ein wichtiger Beitrag zur Geschichte Deutschlands für den beschriebenen Zeitraum, verfasst aus einer ebenso überraschenden wie aufschlussreichen, bisher kaum bekannten Perspektive.

Rainer Bayreuther, Gunilla Eschenbach: Das Dorf der Visionäre. Aufbruch in die Bundesrepublik 1927-1947. Gutkind, 461 Seiten, 30 Euro.

Weitere Buchbesprechungen von Christoph Schmaus finden Sie nachstehend unter „Lesen Sie hierzu auch …“

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Christoph Schmaus
veröffentlicht am
10.04.2026
Lesedauer: ca. 4 Minuten
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