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Adrian Reiter, Jahrgang 1901, ist die Hauptfigur im neuen Roman des österreichischen Autors Norbert Gstrein und sein Geburtsjahr wohl kaum zufällig gewählt. Das 20. Jahrhundert hat schon eine kleine Zeitspanne hinter sich, als Adrian das Licht der Welt erblickt. Er ist damit einerseits ein Kind seiner Zeit, andererseits scheint er nicht so recht mit ihr Schritt zu halten. Er hinkt den historischen Ereignissen im wahrsten Sinne des Wortes hinterher.

Das Cover von: Norbert Gstrein, Im ersten Licht.
Beim Holzmachen schlägt der Vater seinem Sohn die Axt in den Unterschenkel, die Nachbarschaft spricht nicht ganz zu Unrecht vom „goldenen Hieb“. Die Verletzung und ihre Folgen bewahren Adrian vor den Schlachtfeldern beider Weltkriege. Somit ist sein eigener Lebenslauf eben nicht deckungsgleich mit der unmittelbaren Kriegsteilnahme – und doch werden ihn das Kämpfen und Sterben der anderen sein ganzes Leben lang beschäftigen. Er trägt schwer an seinem Glück, seine Außenseiterposition erfährt er als Privileg und als Makel, sie beschämt ihn zuweilen. Zentral gestaltet ist dies in drei persönlichen Beziehungen zu Personen, deren Schicksale aufs Heftigste vom Krieg bestimmt wurden.
Zu Beginn der Zwanzigerjahre ist Adrian in einem Erholungsheim für Kriegsversehrte im Salzburger Umland tätig. Dort trifft er auf einen ehemaligen Kavalleristen, dessen Gesicht dermaßen entstellt ist, dass er sich – zumindest zunächst – lieber für tot erklären lässt, als seiner Verlobten unter die Augen zu treten. Während der Naziherrschaft hält Adrian, inzwischen Lehrer für Englisch und Geschichte am Gymnasium, Kontakt zu einem ehemaligen Schüler, dessen militärische Begeisterung ihn an die Ostfront trägt und mutmaßlich an schlimmsten Kriegsverbrechen auf ukrainischem Boden teilnehmen lässt. In den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg schließlich reist Adrian etliche Male in den Süden Englands, wo sich seine neue Liebe unermüdlich für ein gerechtes Gedenken an ihren Bruder einsetzt, der einst in Flandern desertierte und daraufhin von der britischen Armee standrechtlich erschossen wurde.
Norbert Gstrein teilt seinen Roman anhand der geschilderten Begegnungen in drei große Teile. Dabei erzählt er nicht immer strikt linear und chronologisch, sondern kleine Rück- und Vorausblicke geben der Erzählung eine ganz eigene Dynamik. Der souveräne Erzählfluss kommt glücklicherweise ohne jede Effekthascherei aus. So entsteht ein großer, fesselnder Roman, der existenzielle Fragen aufwirft. In einem Interview hat der Autor seine Hauptfigur Adrian als „vermeintlichen Zaungast“ des Krieges bezeichnet und auch auf die Bezüge dieser Position zu unserer aktuellen politischen Situation verwiesen.
Christoph Schmaus
Norbert Gestrein ist mit „Im ersten Licht“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, der am 19. März vergeben wird.
Norbert Gstrein: Im ersten Licht.
Hanser, 416 Seiten, 27 Euro.



































