Schreibzwillinge, eine Meisterschwimmerin und eine Rolex-Uhr




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Bad Wurzach – Die „Schreibzwillinge“ Eva Maria Bast und Jörn Precht, die unter dem Pseudonym Charlotte Jacobi schon mehrere Romane veröffentlicht haben, lasen im Rahmen des Literaturfestivals Allgäu-Schwaben in der Stadtbücherei im Kapitelsaal von Maria Rosengarten aus ihrem im vergangenen Jahr veröffentlichten Spiegelbestseller „Heldin der Gezeiten“.
Die Leiterin der Stadtbücherei, Cornelia Merk, erklärte in ihrer Begrüßung, warum das Festival nach dem Zusammenschluss von Allgäuer Literaturfestival und Literaturfestival Nordschwaben nun Literaturfestival Allgäu-Schwaben heißt. Durch den Zusammenschluss habe sich auch ein viel längerer Veranstaltungszeitraum ergeben, weswegen die Veranstaltung in Bad Wurzach nun bereits Anfang März anstatt Anfang Mai stattfand.
Sie dankte ihren Kolleginnen von der Stadtbücherei, den Damen der Bad Wurzach Info, die für die PR gesorgt hatten. Ihr Dank ging auch an Markus Fritsch für die technische Betreuung der Lesung und Alicia Kanzleiter für die Blumensträuße. Ein großes Dankeschön galt Manuela Pflug von „Der Buchladen“, die wie immer mit ihrem Büchersortiment der Autoren zu der Lesung gekommen war. Merk wies dabei auf die in Deutschland geltende Buchpreisbindung hin und dass es im Buchladen eine tolle Beratung und nette Gespräche gebe und ein Lächeln „kostenfrei on top“ dazu gebe.
Die in München geborene, jetzt mit ihren fünf Kindern am Bodensee wohnende Journalistin, ist der weibliche Part der – wie sie sich selbst bezeichnen – Schreibzwillinge. Sie ist Leiterin der Bast-Medien GmbH und baut derzeit ihre eigene Schreibschule auf. Per Notebook und Zoom waren einige ihrer Schüler bei der Lesung live dabei. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter den Lokaljournalistenpreis der Konrad Adenauer Stiftung in der Kategorie Geschichte.
Der in Esslingen geborene Jörn Precht ist der männliche Teil der „Schreibzwillinge“ von Charlotte Jacobi und wohnt mit seiner Familie in Stuttgart. Er ist Professor an der Stuttgarter Hochschule der Medien und mehrfach preisgekrönter Drehbuchautor für Kino und Fernsehproduktionen und Gewinner des Literaturpreises „Bronzener Homer“. Neben den Veröffentlichungen unter dem Pseudonym Charlotte Jacobi und Solowerken veröffentlichen die Beiden unter dem Namen Romy Herold weitere Gemeinschaftsproduktionen in einem anderen Genre.
Bevor die Beiden in die Lesung einstiegen, erzählten sie ein wenig zu ihrer Arbeitsweise, zum Beispiel dass sie bei der Vorbereitung die Orte der Handlung gemeinsam bereisen. Und auch, dass sie bei der Umsetzung der Recherchen in Textform – beinahe unheimlich – gleich ticken, weswegen sie sich selbst als „Schreibzwillinge“ bezeichnen.
„Was hat eine Rolex-Uhr mit der Langstreckenschwimmerin Mercedes Gleitze zu tun?“ Diese Frage klärten die Beiden im Rahmen Lesung.
Die Langstreckenschwimmerin Mercedes Gleitze 1900-1981 – ihr Vater war aus der Gegend von Göttingen nach England ausgewandert – wuchs bei ihrer Großmutter in Deutschland auf, war aber schon immer vom Element Wasser fasziniert und unternahm schon als Jugendliche, die zu jener Zeit noch nicht alleine Reisen durfte, den Versuch, schwimmend über Helgoland irgendwie nach England zu ihrer Familie und ihren Geschwistern zu gelangen.
Der in Deutschland in Kulmbach aufgewachsene Neffe der beiden Gründer bekannten Maisel Brauerei, Hans Wilsdorf lernte mit 19 Jahren in La-Chaux-de-Fonds die boomende Schweizer Uhrenindustrie kennen und begründete 1908 in England die später nicht zuletzt durch das „Joint-Venture“ mit der Schwimmerin Gleitze zu Weltruhm gelangte Uhrenmarke Rolex S.A.. Wilsdorf war mit Rolex der erste Hersteller, der den Markennamen anstelle des Verkäufers auf das Zifferblatt der Uhr druckte.
Mit der Uhr durch den Ärmelkanal
In dem Roman „Heldin der Gezeiten“ werden die Biographien der beiden Hauptprotagonisten zunächst als eigenständige Erzählstränge vorgestellt. In die Lesung eingestiegen sind die Autoren dann mit der ersten Kontaktaufnahme zwischen der Schwimmerin – die zwischen 1920 und 1930 mehrfach versuchte, den Ärmelkanal zu durchqueren und damit ein großes Medienecho hervorrief – und dem Uhrenhersteller, der 1926 seine Rolex Oyster auf den Markt brachte. Aufgrund der Skepsis der Käufer, die anzweifelten, dass die Uhr vollkommen wasserdicht sein könne, waren 1927 die Verkäufe immer mehr zurückgegangen. Schwimmerin und Uhrenpionier waren sich vom ersten Treffen an sympathisch – dabei bewunderten beide das Durchhaltevermögen des anderen. Denn ihre erste Begegnung fand nach einer bei widrigsten Wetterverhältnissen durchgeführten Trainingseinheit im Ärmelkanal statt, die Wilsdorf tapfer die ganze Zeit beobachtet hatte. Er bat sie dabei darum, bei ihrem nächsten Versuch, den Ärmelkanal zu durchqueren, seine Uhr mitzuführen und damit den absoluten Härtetest zu machen. Zwischen 1922 und 1933 unternahm sie 15 Versuche, den Ärmelkanal zu durchschwimmen. Am 7. Oktober 1927 gelang es ihr von Frankreich aus, allen Widrigkeiten zum Trotz (Nebel, Kälte), bis zur englischen Küste zu gelangen, die sie mit letzter Kraft erreichte.
Nachdem sie sich nach kurzer Zeit wieder einigermaßen erholt hatte, schlug die Stunde der Wahrheit: „Mit Herzrasen“ testeten die Beiden die Uhr und stellten fest, dass sie genauso lief wie vor der Durchquerung des Ärmelkanals. Mit der ganzseitigen Anzeige auf dem Titel der Daily Mail am 27. November 1927 trat die Rolex Oyster ihren Siegeszug durch die ganze Welt an. Noch ein weiteres besonderes Ereignis markiert dieses gemeinsame Unterfangen: Es war der Beginn der noch anhaltenden Ära, in der Sportler zu Markenbotschaftern wurden.
Besondere Beziehung zu Bad Wurzach
Nach dem Ende der Lesung, für die die Schreibzwillinge den verdienten Applaus ernteten, war es Zeit für Fragen, wobei Eva-Maria Bast sich vorab outete, eine besondere Beziehung zu Bad Wurzach zu haben: Ihre Großmutter, die sehr gemocht hatte, habe als sie selbst noch ein kleines Mädchen war, einmal hier eine Kur gemacht und danach von einem „Kurschatta“ sprach ein Ausdruck, den sie damals noch nicht kannte.
Wie die beiden Schriftsteller an ein Buchprojekt herangehen, erläuterte Jörn Precht: Nach einem 10-seitigen Exposé, bei dem die Umrisse skizziert wurden, erfolge eine detailliertere Ausarbeitung. Da beide einen sehr ähnlichen Geschmack und Schreibstil hätten, gebe es kaum Probleme. Wenn es einmal Differenzen gebe, erweise sich die Idee im Normalfall bald als untauglich. Mit ihren gemeinsamen Romanen als Charlotte Jacobi wollen die Autoren dem Leser Geschichtswissen vermitteln und ein Gefühl für die damalige Zeit mitgeben, sagte Eva -Maria Bast.
Wer die Figuren festlege, lautete eine andere Frage. „Das machen wir, wobei uns die Figuren manchmal ganz schön an der Nase herumführen. Eine weitere Frage bezog sich darauf, wann und wie sie ihre Zusammenarbeit begonnen hatten. Seit 2013 hätten sie 23 Bücher veröffentlicht und seien Freunde geworden, weil sie festgestellt hatten, dass sie beide genauso intensiv für ihre Projekte recherchiert hatten.
Bericht und Bilder: Uli Gresser
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