Städtische Galerie in der Badstube zeigt Kunst aus Vorarlberg


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Wangen – Wenn man den Prospekt in der Hand hält, hat man zunächst Zweifel. Kann das gut gehen: Kunst aus einem ganzen Bundesland und aus einem ganzen Jahrhundert, und das in den doch beschränkten räumlichen Möglichkeiten der Badstube? Aber es klappt. Die neue Ausstellung macht Spaß und sie macht neugierig auf das Kunstgeschehen in Vorarlberg.
Die Ausstellungseröffnung
Und neugierig waren offensichtlich schon von vornherein viele. Bei der Eröffnung (am 9. Mai) war der Giebelsaal der Galerie daher gut gefüllt. Viele Kunstfreunde aus der Region waren gekommen, aber auch selbstverständlich viele Vorarlberger. Es gab Grußworte von Oberbürgermeister Michael Lang und der Landesrätin für Kunst und Kultur – also der zuständigen Ministerin – Barbara Schöbi-Fink. Europa war natürlich das entscheidende Stichwort in den Reden. Und tatsächlich ist der kulturelle Austausch zwischen den europäischen Regionen ein wichtiges Anliegen der Union. Und besonders naheliegend ist so ein Austausch allemal zwischen Regionen, die als Bodenseeanrainer auf vielen Ebenen intensiv zusammenarbeiten und überhaupt eng benachbart sind.

Blick in die Ausstellung: Gernot Riedmann „Urmutter“ und zwei Gemälde von Lorenz Helfer; Foto: Herbert Eichhorn
Musterländle Vorarlberg
Vorarlberg und ebenso das Allgäu waren im jeweiligen Land lange Regionen an der Peripherie. Und wie das Allgäu galt das österreichische Bundesland – weiter von Wien entfernt als jedes andere – als ländlich-konservativ. Vorarlberg werde „vom Misthaufen aus regiert“, wurde lange gespottet. Heute gilt das Bundesland in vieler Hinsicht als „Musterländle“. Was die Kultur angeht, sind es vor allem einige „Leuchtturm-Projekte“, die auch international ausstrahlen: die Bregenzer Festspiele, das Kunsthaus Bregenz mit seinem anspruchsvollen Programm zur Gegenwartskunst und, nicht zuletzt, die neue Vorarlberger Holzarchitektur, die Tradition und Innovation eindrucksvoll zusammenbringt. Nicht nur vor diesem Hintergrund war es fast überfällig, in einer Ausstellung einmal die Vorarlberger Kunstszene in den Blick zu nehmen. Und das geschieht mit 18 Künstlerinnen und Künstlern aus ganz unterschiedlichen Generationen – die Geburtsjahrgänge spannen sich von 1893 bis 1994 – und mit ganz unterschiedlichen Arbeitsfeldern. Von den Beteiligten werden jeweils bis zu vier Arbeiten gezeigt. Die klassischen Gattungen Malerei, Zeichnung, Druckgrafik und Skulptur sind ebenso vertreten wie Installationen, Performance, konkrete und mit Licht arbeitende Kunst sowie auch Konzeptionelles.

Uta Belina Waeger, „Alles C(o)rona“; Foto: Herbert Eichhorn
FLATZ
Zu den Ausstellenden, die sicher auch international wahrgenommen werden, zählt ohne Zweifel der Bildhauer und Performancekünstler Wolfgang Flatz (*1952), der sich nur FLATZ nennt. Vor allem mit Aktionen, die einen extremen Einsatz des eigenen Körpers erfordern, hat er in der Vergangenheit Aufmerksamkeit erregt. Auch in dieser Ausstellung sind seine drei Beiträge richtige Hingucker, so etwa die Arbeit zu dem Filmregisseur Rainer Werner Fassbinder aus seiner Werkserie „Zeige mir einen Helden und ich zeige dir eine Tragödie“. Gleich daneben dann seine Installation „Akt, die Treppe hinabsteigend“, deren Titel sich auf ein Hauptwerk von Marcel Duchamp bezieht. Bei FLATZ sind es extravagante, fetischhafte Schuhe des Architekten Julian Hakes, die für den Akt stehen. Einen gewissen Fetischcharakter haben in der Ausstellung dann übrigens auch die Objekte von Uta Belina Waeger (*1966). Von FLATZ gibt es in Wangen dann sogar eine regelrechte Premiere. Erstmals wird der erst vor Kurzem fertiggestellte Film gezeigt, in dem er seine Aktion „Exerzierstunde“ dokumentiert. 1995 brachte er auf dem Flugplatz in Hohenems eine Kompanie von Soldaten, ein Orchester, einige Motorradfahrer, zwei Düsenjäger und einige Hubschrauber zu einem eindrucksvoll choreografierten Spektakel zusammen.

Edmund Kalb, „Selbstporträts“, Ende 1920er-Jahre; Foto: Herbert Eichhorn
Eine Entdeckung
In den übrigen Räumen der Galerie geht es dann wesentlich ruhiger zu, vor allem auch im ersten Raum, wo die Arbeiten der ältesten Künstler gezeigt werden. Hier gibt es auch Werke eines zweiten Vorarlbergers zu sehen, der in den letzten Jahren verstärkt überregional präsent war. In verschiedenen großen Ausstellungen zur Neuen Sachlichkeit war Rudolf Wacker (1893-1939) mit seinen eindringlichen Porträts und seinen rätselhaften Stillleben in akribischer altmeisterlicher Maltechnik vertreten. Leider zeigt die Ausstellung nichts Neusachliches von Wacker, stattdessen Zeichnungen aus einer eher expressionistischen Schaffensphase. Eine Entdeckung sind in diesem Raum dann aber die vier Kohlezeichnungen mit Selbstbildnissen des Dornbirner Malers Edmund Kalb (1900-1952) aus den 1920er-Jahren. Es soll über 1000 dieser Blätter geben, in denen der als komplizierter Einzelgänger geltende Künstler mit nervösem Strich seine eigenen Gesichtszüge erforscht.

Albrecht Zauner, „Marsias“, 2021; Foto: Herbert Eichhorn
Körperbilder
Bei den Vertretern der älteren Generation spielt die intensive Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper, der Tradition folgend, noch eine große Rolle. Dafür stehen in der Ausstellung die Aktzeichnungen von Wacker, Walter Khüny (1926-1997) und Erich Smodics (*1941). Auch für einen klassischen Bildhauer wie Albrecht Zauner (*1962) ist diese Thematik wichtig. Das angestammte Material des Künstlers, der übrigens in Wangen zur Schule ging, ist allerdings der Stein. Viele werden sich noch an seine Skulptur aus weißem Marmor auf der Landesgartenschau erinnern. Und tatsächlich erinnert der Zeichenstil seiner jetzt gezeigten großen Bildhauerzeichnung „Marsias“ an die tastende Annäherung an die Form bei der Bearbeitung des Steins. Eine ganz andere Sicht auf den Körper vertritt dagegen Gernot Riedmann (*1943), von dem zwei fast mannshohe idolhafte Figuren zu sehen sind. Mit grobem Werkzeug wurden „Urmutter“ und „Schwarze Venus“ aus dem Stamm des Holzes geholt und anschließend mit breitem Pinsel bemalt.

Blick in die Ausstellung: in der Vitrine im Vordergrund Arbeiten von Gottfried Bechtold; Foto: Herbert Eichhorn
Konzeptkunst
Für die in der Ausstellung präsente Konzeptkunst markiert Gottfried Bechtold (*1947) – auch er zweifellos einer der bekanntesten Künstler – gewissermaßen den Auftakt. Mit den Betonabgüssen von seinem Porsche sorgte er bereits in den 1970er-Jahren für Aufmerksamkeit. Daher ist er natürlich auch in Wangen mit einigen Porsches vertreten, allerdings im Kleinformat. Die Konzeptkünstlerin Maria Anwander (*1980) setzt sich mit dem Kunstbetrieb auseinander. In der Ausstellung präsentiert sie zum Beispiel die Doppelseite eines Kunstmagazins, bei der das Entscheidende aber fehlt: Die Künstlerin hat nämlich alle Bilder ausradiert. Konzeptionell arbeiten auch Sarah Schlatter (*1982) und Klara Vith (*1993). Von ihr fallen zwei Arbeiten ins Auge. Für diese hat sie an sich banale Schnappschüsse in kleine textile, teppichartige Bilder umgesetzt.

Linus Barta; „Ohne Titel (Flügelkopf)“ und „Barbarossa (Napoleon)“; Foto: Herbert Eichhorn
Die jüngere Generation
Aber natürlich behalten die klassischen Gattungen auch für die jüngere Generation ihre Bedeutung. So ist etwa Lorenz Helfer (*1984) mit zwei Gemäldepaaren mit figurativen Szenen vertreten, einmal in einer Sprühtechnik und einmal – bereits etwas älter – in beschwingter Ölmalerei. Interessant auch die beiden kleinen Ölgemälde von Linus Barta (*1987). Frontal blicken hier die Gestalten den Betrachter an. Bei „Barbarossa (Napoleon)“ ahnt man den Zweispitz des Dargestellten noch. Aber ansonsten bleiben die Darstellungen rätselhaft. Und bleiben einem vielleicht gerade deswegen in Erinnerung. Der Kugelschreiber ist schließlich das Medium der Zeichnerin Michaela Kessler (*1994). In einem offensichtlich sehr intensiven Arbeitsprozess schälen sich bei ihr aus mal lockeren, mal verdichteten Linien des Kugelschreibers fremdartige organische Körperformen heraus. Ihre Art zu zeichnen berührt sich in der Wangener Auswahl überraschenderweise mit den Arbeiten eines Künstlers, der über ein halbes Jahrhundert älter ist als sie. Hugo Ender (*1941) protokolliert in seinen beiden Zeichnungen – wie diejenigen Kesslers entstanden 2025 – mit der Kohle die schrundigen Rinden von Bäumen.

Miriam Prantl, „Thronoi 2“; Foto: Herbert Eichhorn
Fast eine Art Kapelle
Damit ist man als Besucher fast durch mit der neuen Ausstellung der Städtischen Galerie. Und man ist angenehm überrascht, wie gut sich in der – mit sicherem Geschmack arrangierten – Präsentation auch ganz Unterschiedliches ergänzt. Aber von den vielfältigen Eindrücken schwirrt einem dann doch etwas der Kopf. Daher freut man sich über etwas ruhigere Kontrapunkte, über Kunstwerke, in denen keine Geschichten erzählt werden. Das geht einem zum Beispiel so mit den Arbeiten von Ilse Aberer (*1954). Ihre Schöpfungen spielen leichthändig mit den strengen Prinzipen der konkreten Kunst. Und es geht einem so mit den Werken von Miriam Prantl (*1965). Für ihre Licht und Klang einsetzende Arbeit „Thronoi 2“ wurde eigenes ein kleines Kabinett abgetrennt. Gebannt beobachtet man dort das sich verändernde Licht an dem großen stählernen Ring an der Stirnseite und lauscht den wie aus der Ferne kommenden Klängen und Geräuschen nach. Mit einem geradezu meditativen Raum, ja fast einer Art Kapelle, setzt die Künstlerin einen stillen Schlusspunkt in der Ausstellung, in der zunächst natürlich die spektakulären Beiträge von FLATZ die Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben.
Den Kuratoren der Schau Herbert Aselmann und Erhard Witzel kann man nur gratulieren zu diesem Projekt, das so anregende wie informative Einblicke in das Kunstgeschehen jenseits der Grenze gewährt. Darf man bei dieser Gelegenheit auch Wünsche äußern? Etwa, dass die Vorarlberger bald wieder in Wangen zu Gast sind? Oder die Städtische Galerie demnächst einmal ihren Blick auf das Schweizer Ufer des Bodensees richtet?
Bericht und Bilder: Herbert Eichhorn
In der Bildergalerie weitere Impressionen aus der Ausstellung (Fotos: Herbert Eichhorn)
Die aktuelle Ausstellung in der Wangener Badstube
Zu der Ausstellung „Liegt das Gute doch so nah. Kunst aus Vorarlberg“ ist ein informatives Begleitheft erschienen, das in der Städtischen Galerie kostenlos erhältlich ist.
10. Mai bis 6. September 2026
Städtische Galerie in der Badstube, Lange Gasse 9, Wangen
Dienstag bis Freitag 14.00 bis 17.00 Uhr
Samstag 11.00 bis 17.00 Uhr
Sonntag und Feiertag 14.00 bis 17.00 Uhr
Weitere Informationen, auch zu den Begleitveranstaltungen, unter www.wangen.de
















































