
Kontakt
Redaktion
Anzeigen
Der 13. August – ein deutscher Tag. Heute vor 65 Jahre hatte die DDR mit dem Bau der Mauer begonnen.
Wir haben ihnen Kühlschränke verkauft und Versicherungen angedreht. Wir haben über Nacht eine mäßig produktive Planwirtschaft der Konkurrenz durch die damals effizienteste Volkswirtschaft Europas ausgesetzt – anstatt eine Schutzzoll- und Sonderwirtschaftszonenpolitik zu verfolgen. Wir haben den Beitritt gewährt, statt einen Deutschland-Vertrag auf Augenhöhe zu vereinbaren.
Wir hatten die Instinktlosigkeit, ihren Palast der Republik abzureißen, auf den sie so stolz waren.
Die Treuhand hat abgewrackt und verscherbelt. Viele LPGs gehören heute Investoren aus dem Westen. Jede ostdeutsche Zeitung gehört einem westdeutschen Verlag. Die Ostdeutschen konnten beim Bieten schlicht nicht mithalten. Um mit Marx zu sprechen: Es war zu wenig Kapital akkumuliert.
Ja, wir waren die Besser-Wessis.
Wir haben enorm viel Geld gegeben, das ist wahr. Aber trotzdem fühlt der Osten sich deklassiert. „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“ (Brandt) und „Es kommen blühende Landschaften“ (Kohl) waren schöne Worte. Es gab auch Taten, unbestritten, es wurde wirklich viel gemacht.
Das Problem sitzt tiefer. Weit weg von oberflächlicher Ökonomie und administrativer Daseinsvorsorge. Der Bürger lebt nicht von infrastruktureller Ausstattung allein.
Wir haben es sie spüren lassen. Dass sie die armen Verwandten waren.
Dabei flossen sie über vor patriotischer Liebe.
Ja, sie wollten ein neues Deutschland. Dieses mauernsprengende Wollen hatte durchaus eine nationale Note – und das war gut so.
Es war nicht alles schlecht in der DDR.
SERO zum Beispiel. Eine mustergültige Altmaterialverwertung. Wiederverwertung, wie man es besser nicht machen kann. Bürger gaben Altpapier, Altglas, Altmetall und Textilien gegen Bargeld ab. 17.000 Annahmestellen gab es. Das Wiederverwerten war in den Köpfen. Schulklassen besserten ihre Klassenkasse auf, indem sie Altmaterial sammelten. Dieses hocheffiziente System zur Müllvermeidung und Ressourcenschonung wurde nach der Wende 1990 von der Treuhand privatisiert. Unter den Bedingungen der Marktwirtschaft konnte es als Privatunternehmen nicht überleben. SERO – der VEB Sekundärrohstofferfassung – hätte man in staatlicher Regie belassen müssen.
Aber SERO war ja SED-kontaminiert.
Wie hatte man zu Zeiten der Teilung doch die in der DDR propagierte und realisierte Ganztagesbetreuung als familienfeindlich verteufelt – diesseits der Mauer, zumeist in konservativen Kreisen. Jetzt stellt jede oberschwäbische Gemeinde Ganztagesbetreuung auf die Beine – verpflichtet durch ein Bundesgesetz.
In der DDR hatte jede Kleinstadt ihre Poliklinik. Medizinische Basisversorgung, wie wir sie heute im Allgäu und Oberschwaben gerne hätten. Im Jahre 2026 leidet Deutschlands Osten wie wir an der bundesrepublikanischen Gesundheitsgroßkrise.
Das Deutschland des Jahres 2026 ist nicht jenes Deutschland, das sie sich in riesigen Demonstrationen und bewegenden Kirchenmomenten erträumt und erkämpft hatten. Erkämpft mit großem Mut, errungen ohne Blutvergießen.
Nichts ist gut in Deutschland. Das spüren unsere Landsleute im Osten.
Unentwegt, unverdrossen, nie nachlassend müssen wir daran arbeiten, dass die Mauer in den Köpfen wegkommt.
Damit unser Deutschland nicht wieder zerfällt.
Gerhard Reischmann


























