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Liebevoll zusammengestellte Ausstellung im DGB-Haus

Sepp Mahler zurück in Stuttgart

Foto: Herbert Eichhorn
Dass es bei einer Ausstellung im Gewerkschaftshaus nicht nur um Kunst geht, wird gleich zu Anfang deutlich. Neben den Werken von Sepp Mahler hängt ein großes Triptychon von Sieger Ragg, das den amerikanischen Außenminister Alexander Haig, den Gewerkschaftsführer Willi Bleicher und den immer politisch engagierten Holzschneider HAP Grieshaber zeigt.
veröffentlicht am: 04.06.2026
Autor: Herbert Eichhorn
Lesedauer: ca. 6 Minuten

Stuttgart / Bad Wurzach – Sepp Mahler wurde in den letzten Jahren von allen wichtigen oberschwäbischen Ausstellungshäusern in großen Überblicksausstellungen gewürdigt, zuletzt 2022 in der Galerie des Bodenseekreises in Meersburg. Wichtig ist aber geradeso, dass die Erinnerung an den Künstler auch über die Region hinaus präsent bleibt. Die neue Ausstellung in Stuttgart ist daher eine gute Nachricht.

Blick in die Ausstellung, u. a. mit der Darstellung eines Moorbauern, um 1940. Foto: Herbert Eichhorn

Sepp Mahler und Stuttgart

Stuttgart ist in Bezug auf Sepp Mahler nicht irgendeine Stadt unter vielen. Die Landeshauptstadt steht für wichtige Stationen sowohl auf dem Lebensweg des Künstlers, als auch auf dessen Wahrnehmung und Anerkennung durch die Kunstwelt. Anfang der 1920er-Jahre hat der Wurzacher in Stuttgart Kunst studiert, zunächst an der Kunstgewerbeschule, später an der Akademie. In den Folgejahren war Stuttgart auch ein Zentrum der Internationalen Vagabundenbewegung. Mahler fühlte sich angesprochen und schloss sich dem von Gregor Gog dort gegründeten Künstlerkolleg „Bruderschaft der Vagabunden“ an. In einer Ausstellung anlässlich des Internationalen Vagabundentreffens 1929 in Stuttgart war auch Mahler vertreten. Aber das Ansehen des Künstlers wuchs auch außerhalb dieser Szene. Eine Ausstellung 1933 in der renommierten Galerie Valentien zusammen mit Oskar Schlemmer ist ein Beleg dafür. Dass diese Bilderschau schließlich von der Polizei geschlossen wurde, ist dann aber auch ein Beleg dafür, wie radikal sich das kulturelle Klima nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten geändert hatte. Für Mahler begannen schwierige Zeiten, die durch Haft und Ausstellungsverbot bestimmt waren.

Liebespaar im Frühlingsmond, um 1958. Foto: Herbert Eichhorn

Für seine Wiederentdeckung als wichtige Künstlerpersönlichkeit des Südwestens nach dem Zweiten Weltkrieg stehen – neben dem, was damals in Oberschwaben passierte – gerade auch einige Stuttgarter Institutionen. So stellte der Wurzacher 1946 und 1951 dort im Amerikahaus aus, in den ersten Nachkriegsjahren in der Stadt die erste Adresse für moderne Kunst. In der Folge begann die Staatsgalerie dann damit, Werke von Mahler für ihre Sammlung anzukaufen. Kurz vor seinem Tod im Jahr 1975 widmete schließlich das Kunsthaus Schaller dem Künstler noch einmal eine Ausstellung.

Blick in die Ausstellung. Foto: Herbert Eichhorn

Kunst und Sozialgeschichte

Nun also quasi wieder einmal eine Rückkehr nach Stuttgart, mit einer Ausstellung im Gewerkschaftshaus, die als Kooperation der Landesarmutskonferenz Baden-Württemberg, des Deutschen Gewerkschaftsbunds Region Stuttgart und des Förderkreises Sepp-Mahler-Haus zustande kam. Initiiert wurde die Ausstellung von Roland Saurer von der Landesarmutskonferenz. Bei der Eröffnungsveranstaltung am 28. Mai lag der Fokus denn auch stark – wie schließlich auch bei der Ausstellung selbst – bei sozialgeschichtlichen Aspekten. Das wurde auch im Grußwort von Walter Böttiger vom Sozialministerium und in den Wortmeldungen von verschiedenen Vertretern und Vertreterinnen der Landesarmutskonferenz deutlich. Die Tochter des Künstlers Adelgund Mahler und Volker Sonntag von der Städtischen Galerie Ehingen weiteten in ihren Ausführungen dann aber den Blick auch auf andere Aspekte im Werk Sepp Mahlers.

Ausstellungsort ist mit dem Gewerkschaftshaus, auch Willi-Bleicher-Haus, mitten in der Stuttgarter Innenstadt natürlich eine Einrichtung, die keine klassische Adresse für Kunstausstellungen darstellt. In der hellen Passage im Erdgeschoss, in der jetzt die Werke Sepp Mahlers präsentiert werden, geht es sonst eher um typische gewerkschaftliche Themen. Zuletzt war dort zum Beispiel die Ausstellung „Der Dönerstreik“ zu sehen, mit Fotografien von Ali Carman zu einem Streik in einer Dönerspießfabrik.

Streikszene, 1922. Foto: Herbert Eichhorn

Grieshaber – auch ein politischer Künstler

Aber die Ausstellung mit Werken Sepp Mahlers, dem diejenigen am Rande der Gesellschaft, die Ausgegrenzten, immer am Herz lagen, ist hier schon am richtigen Platz. Das wird dem Besucher spätestens dann klar, wenn er die ganz wenigen anderen Kunstwerke wahrnimmt, die hier im Erdgeschoss ihren festen Platz haben. Da ist zum einen ein großes Triptychon von Sieger Ragg, der ausgebildeter Künstler war und über lange Jahre beim DGB Baden-Württemberg für Bildung zuständig. Das dreiteilige Gemälde bringt ganz unterschiedliche Persönlichkeiten zusammen: den amerikanischen Außenminister Alexander Haig, von dem im Bild das zynische Zitat „Es gibt Wichtigeres als den Frieden“ aufgegriffen wird, den Gewerkschaftsführer Willi Bleicher und schließlich den politisch engagierten Künstler der Nachkriegsjahrzehnte schlechthin, den Reutlinger Holzschneider HAP Grieshaber. Und von diesem stammen auch die beiden anderen Werke hier im Eingangsbereich des Gewerkschaftshauses: der Druckstock und ein Abzug des Plakats, das der Künstler zum 1. Mai 1970 für den DGB geschnitten und gedruckt hatte. Damit ist im Grunde vorgegeben, unter welchem Vorzeichen Kunst in diesen Räumen ihre Berechtigung hat. Auf diesen Bezug spielen übrigens die Organisatoren auch mit ihrem Ausstellungstitel an: „Sepp Mahler. Leben… Trotz alledem!“. Das ist im Grunde einfach die Übersetzung von Grieshabers berühmtem Motto „Malgré tout!“

Motive aus dem Torfwerk. Foto: Herbert Eichhorn

Im Torfwerk

Rund 40 Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Fotografien – darunter auch Leihgaben aus der Sammlung der Stadt Bad Wurzach – haben Adelgund Mahler und ihre Helfer ausgewählt und in einer dichten Abfolge gehängt. Kunst- und Sozialgeschichte sollen bei dieser Ausstellung ganz bewusst ineinander spielen. Mit kleinen Texttafeln und mit zusätzlichen Beschriftungen in der schönen Handschrift von Adelgund Mahler wird der Besucher durch die Ausstellung und gleichzeitig durch Leben und Werk des Künstlers geführt. Zunächst geht es um die Wurzacher Torfwerke, von denen Mahlers Vater eines leitete, und die harte Arbeit der Torfstecher im Ried. Zwischen den Kunstwerken hängen hier mit Bedacht denn auch zwei fotografierte Seiten aus dem Gehaltsbuch des Torfwerks.

Beschriftungen in Adelgund Mahlers fast schon kalligraphischer Handschrift führen durch die Ausstellung. Foto: Herbert Eichhorn

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Der Traum vom brüderlichen Leben

Dann geht es um die Vagabundenzeit. Worum es dem Künstler dabei ging, wird durch die entsprechende Kapitelüberschrift verdeutlicht: „Der Traum von der brüderlichen Gesellschaft“. Mahlers heute so kostbare kleine „Rufertexte“ sind hier als Fotoreproduktionen präsent. Auch spätere Werkgruppen werden in exemplarischen Beispielen gezeigt, etwa die von Paul Klee inspirierten kleinformatigen Papierarbeiten. „Kleine Welten“ werden sie im zugehörigen Ausstellungstext genannt. Aber schließlich kehrt die Ausstellung immer wieder zu den Menschen in der weiten Landschaft des Rieds und ihrem mühseligen Leben dort zurück.

Moosbeerenblüte, 1948/50. Foto: Herbert Eichhorn

Adelgund Mahler und ihre Mitstreiter vom Förderkreis und von der Landesarmutskonferenz haben keinen Aufwand gescheut und die Ausstellung im gemeinsamen Arbeitseinsatz – sie nennt sie schmunzelnd „etwas handmade“ – realisiert. Für die Vernissage wurde ein vielseitiges Programm auf die Beine gestellt. Und im Lauf von Juni und Juli folgen nun noch weitere Begleitveranstaltungen. Bleibt zu hoffen, dass das Stuttgarter Publikum die Chance nutzt, die Originalarbeiten dieses unverwechselbaren Malerpoeten aus dem Oberland wiederzusehen oder vielleicht auch ganz neu für sich zu entdecken.
Bericht und Bilder: Herbert Eichhorn

Weitere Bilder in der Galerie

Ausstellung „Sepp Mahler. Leben… Trotz alledem!“

28. Mai bis 10. Juli 2026

Willi-Bleicher-Haus (Gewerkschaftshaus), Willi-Bleicher-Straße 20, Stuttgart

Montag bis Freitag 8.00 bis 18.00 Uhr

Begleitveranstaltungen:

Dienstag, 9. Juni, 17.00 Uhr: Sepp Mahler – Lyrisches und literarisches Werk

Donnerstag, 2. Juli, 17.00 Uhr: Sepp Mahler – Philosophisches Werk

Finissage: Donnerstag, 9. Juli, 15.00 Uhr

Ein Rückblick zur Ausstellung Sepp Mahler

Bilanz – Verlauf – Perspektiven

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Herbert Eichhorn
veröffentlicht am
04.06.2026
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