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Michael Zeynsler, der oberschwäbische Riemenschneider

Keinesfalls verpassen: Herausragende Ausstellung in Biberach

Foto: Herbert Eichhorn
Maria im Wochenbett (Detail), Germanisches Nationalmuseum Nürnberg. Das früheste Werk Zeynslers, das die Ausstellung zeigt, hatte bis zum Bildersturm in der Reformation seinen Platz in der Katharinenkapelle der Biberacher Stadtpfarrkirche.
veröffentlicht am: 28.08.2026
Autor: Herbert Eichhorn
Lesedauer: ca. 8 Minuten

Biberach / Volkertshaus / Iggenau – In Raffinement und Sorgfalt der Gestaltung stünden die Werke des Biberachers Michael Zeynsler dem viel bekannteren Tilman Riemenschneider in nichts nach, stellte ein Historiker fest. Dem „unbekannten Meister“ – so der Ausstellungstitel – nun seinen Platz unter den großen Bildhauern um 1500 zuzuweisen, ist das Anliegen einer ambitionierten Schau im Museum Biberach.

Blick in die Ausstellung. Foto: Herbert Eichhorn

Ein Kraftakt des Biberacher Museums

Museumsausstellungen mit alter Kunst sind aufwändig und daher sehr kostspielig. Zumal wenn es wie hier um empfindliche, 500 Jahre alte Skulpturen geht und diese aus Museen aus ganz Europa entliehen werden. So finden sich unter den Leihgebern mit dem Liebighaus Frankfurt, dem Bayerischen Nationalmuseum München und dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg die wichtigsten deutschen Skulpturensammlungen. Aber auch aus Lyon ist ein Hauptwerk des Künstlers angereist. Andere Ausstellungsstücke hatten freilich einen viel kürzeren Weg. So sind auch Skulpturen aus Kirchen und Kapellen zum Beispiel in Volkertshaus, Winterstettendorf oder Reinstetten zu sehen. Zumindest für die Transporte von Skulpturen aus Museen müssen speziell ausgerüstete Kisten gebaut werden. Außerdem müssen in den Ausstellungsräumen durch Klimatisierung Temperatur und vor allem Luftfeuchtigkeit konstant gehalten werden.

Aber auch sonst wurden weder Kosten noch Mühen gescheut für diese beeindruckende Altmeisterschau, mit der die Biberacher ihrem ehemaligen Mitbürger nun überzeugend Reverenz erweisen. Für das Projekt hat sich das Team um Museumsleiter Frank Brunecker die Restauratorin und „Kunstdetektivin“ Evamaria Popp ins Boot geholt, die beste Kennerin von Zeynslers Werk. Die Skulpturen werden in der großzügig gestalteten Ausstellung durch erläuternde Texte und Bilder ergänzt. An Info-Stationen kann der Besucher kleine Filme abrufen, in denen er Wissenswertes zu den unterschiedlichsten Aspekten erfährt.

Heilige Sippe, Dominikanermuseum Rottweil. Die ursprüngliche farbige Fassung des Reliefs ist im 19. Jahrhundert abgelaugt worden. Foto: Herbert Eichhorn

Der Meister der Biberacher Sippe

Eine große Schauwerkstatt, in der es auch regelmäßig Vorführungen gibt, gewährt hilfreiche Einblicke in die konkrete Arbeit der Bildschnitzer und auch der Fassmaler, die die Skulpturen abschließend farbig bemalten. Die Ausstellung vermittelt aber auch eine Vorstellung von den Verhältnissen in der Reichsstadt Biberach in Zeiten enormer Umbrüche. Vor allem aber erfährt der Besucher natürlich alles, was man derzeit über Leben und Schaffen des „unbekannten Meisters“ weiß. Bei diesem hat es tatsächlich eine Weile gedauert, bis sich in der Vorstellung der Fachwelt ein Bild von ihm herauskristallisiert hat. Zunächst muss er sich mit einem Notnamen begnügen. Dieser bezieht sich auf ein großes Relief aus Lindenholz mit der Darstellung der erweiterten Heiligen Familie, das sich wohl ursprünglich in der Biberacher Martinskirche befand und das heute zur Sammlung des Dominikanermuseums in Rottweil gehört. Mitte des 19. Jahrhunderts gelangt die Arbeit in die Sammlung eines kunstbegeisterten Geistlichen. Und dort erhält der Künstler seinen Namen: „Meister der Biberacher Sippe“.

Szene aus der Legende des Hl. Eligius, Skulpturensammlung Liebighaus Frankfurt. Foto: Herbert Eichhorn

Michael Zeynsler

Erst nach und nach bringt man dieses und andere Werke mit entsprechenden Belegen in den Archiven in Einklang. So erwähnt das Biberacher Bürgerbuch 1515 den Zuzug eines „Michael Zeynsler, bildhower von Memmingen“. In Memmingen hat Zeynsler, der irgendwann kurz nach 1480 geboren wird, wohl als Geselle am berühmten Chorgestühl der dortigen Martinskirche mitgearbeitet. Darüber, wohin ihn dann seine Wanderjahre geführt haben, weiß man wenig. Für einige Zeit arbeitet er in Graubünden und danach eben in Biberach, wo er zur Werkstatt des Altarbauers Jörg Kändel gehört. Solche hochspezialisierten Altarbauunternehmen gibt es damals in allen großen und mittelgroßen Städten Süddeutschlands. Nürnberg und Ulm sind die wichtigsten Zentren. Aber auch beispielsweise in Ravensburg oder Memmingen gibt es bedeutende Werkstätten. Vor allem die für die Zeit typischen mächtigen Flügelaltäre entstehen dort im Zusammenwirken von hochspezialisierten Künstlerhandwerkern, also vor allem von Bildschnitzern, Tafelmalern und Schreinern. Der berühmte Hochaltar der Biberacher Martinskirche stammt zum Beispiel von dem angesehenen Ulmer Bildschnitzer und Altarbauer Niklaus Weckmann. Die 12 Gemälde des Altars steuert der berühmte Martin Schongauer bei, der Lehrer Albrecht Dürers.

Hl. Antonius (Detail), Kapelle St. Mauritius Volkertshaus. Die Skulptur war Teil eines Altars, der vielleicht tatsächlich von Anfang an für die Kapelle in Volkertshaus bestimmt war. Foto: Herbert Eichhorn

Bemalte und holzsichtige Skulpturen

Wenn man durch die Ausstellung geht, dann fällt einem das Nebeneinander von gefassten, also bemalten, Skulpturen und holzsichtigen, also unbemalten, auf. Die Bildwerke, die von Anfang an unbemalt belassen wurden, sind auch Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins der Bildschnitzer. Wenn eine Skulptur bemalt werden soll, muss dazu eine Kaschierung aus Leinwand und eine Grundierung aus Kreide aufgebracht werden. Wenn auf eine Bemalung verzichtet wird, kann der Bildschnitzer dagegen sein Können viel besser zeigen und etwa Oberflächen differenzierter und detailreicher bearbeiten. Bei diesen holzsichtigen Skulpturen werden dann meistens nur noch Augen und Lippen sparsam farblich hervorgehoben. Im 19. Jahrhundert erfreuen sich solche holzsichtigen Werke großer Beliebtheit, allen voran diejenigen des Würzburgers Tilman Riemenschneider. Die Folge ist, dass in dieser Zeit bei vielen Werken die Bemalung abgenommen wird, so zum Beispiel auch bei Zeynslers Heiliger Sippe aus Rottweil.

Thronende Anna Selbdritt (Detail), Bayerisches Nationalmuseum München. Foto: Herbert Eichhorn

Anna Selbdritt

Aber im Schaffen des Biberachers gibt es auch Werke, die ganz bewusst unbemalt bleiben. In diesen Arbeiten kann Zeynsler seine Virtuosität voll ausspielen. Besonders schön lässt sich das beobachten an einer seiner vielen sogenannten Anna-Selbdritt-Gruppen. Diese innigen Darstellungen Mariens mit ihrer Mutter Anna und dem Jesuskind scheinen überhaupt so etwas wie Zeynslers Spezialität gewesen zu sein. Seine Thronende Anna Selbdritt aus dem Bayerischen Nationalmuseum, für die er ein besonders qualitätvolles und astarmes Holz verwendet, ist ausgesprochen detailliert ausgearbeitet. Das sieht man zum Beispiel gut an den aufwändig geschnitzten Haaren der noch ganz mädchenhaften Maria oder an den ernsten Gesichtszügen Annas.

Vor der Stadt wird der Hochaltar verbrannt

Alle in der Ausstellung gezeigten Werke entstehen in unruhigen Zeiten. 1516 kommt es in der Stadt zum Beispiel zu einem verheerenden Großbrand. 1525 versetzt der Bauernkrieg die Region in Aufruhr. Aber die entscheidende Zäsur für Michael Zeynsler sollte erst noch kommen. Auch die Biberacher wenden sich nämlich mehrheitlich der Reformation zu, die religiösen Kultbildern wie Altären und Heiligenfiguren kritisch gegenübersteht, ja sie teilweise radikal ablehnt. Am 11. April 1531 wird in Biberach die katholische Messe abgeschafft. Am 29. Juni kommt es dann dort auch zum sogenannten „Bildersturm“. Kirchen und Kapellen in der Stadt werden leergeräumt, Altäre und Heiligenfiguren weggegeben oder oft auch zerstört. So geht etwa auch der berühmte Hochaltar der Martinskirche vor den Toren der Stadt in Flammen auf.

Fragment einer Marienkrönung, Bayerisches Nationalmuseum München. Bis 1907 hing das Werk in einem Bildstock in Iggenau bei Bad Wurzach. Foto: Herbert Eichhorn

Ein Meisterwerk in Iggenau

Dass die Schöpfungen Zeynslers heute so weit verstreut sind, hat natürlich auch mit diesen Ereignissen zu tun. Eines seiner Werke, das beim Bildersturm aus der Martinskirche entfernt wird, gelangt dann zum Beispiel in einen Bildstock in Iggenau bei Bad Wurzach. Bis 1907 bleibt seine Darstellung der Marienkrönung dort. Dann entdeckt sie ein Kunsthändler und zerlegt sie in Einzelteile. Ein besonders schönes Fragment, eine zarte kniende Maria, gelangt nun in eine private Kunstsammlung, wird eine Zeitlang als Dauerleihgabe im Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin ausgestellt und befindet sich heute im Bayerischen Nationalmuseum. Von dort kam sie nun für die Dauer der Ausstellung an den Ort ihrer Entstehung zurück.

Blick in die Ausstellung: die Schauwerkstatt. Foto: Herbert Eichhorn

Die Situation der Bildschnitzer und Maler nach der Reformation

„Evangelisch, aber arbeitslos“ ist das Ausstellungskapitel überschrieben, das sich mit den Folgen der Reformation für Künstlerhandwerker wie Michael Zeynsler beschäftigt. Für Zeynsler, der bis zu seinem Tod im Jahr 1559 in Biberach ansässig bleibt, gibt es nun keine Aufträge für Kirchen und Klöster mehr. Er, der wie die meisten Handwerker wohl auch evangelisch geworden ist, kommt sicher auch in Gewissensnöte. Für solche Glaubensnöte führt der Katalog das Beispiel von zwei Malern aus der Biberacher Familie Watelech an. Von ihnen berichtet ein Chronist: „Diese Maler waren hernach Soldaten, da sie schier Hungers starben, weil sie gut zwinglisch wurden und keine Bilder der Heiligen mehr malen wollten.“ Für einen so radikalen Schritt, nun als Landsknecht in die Türkenkriege zu ziehen, war Michael Zeynsler aber wohl auch zu alt.

Stehende Anna Selbdritt (Detail), Bayerisches Nationalmuseum München. Foto: Herbert Eichhorn

Ferne Zeiten und wie die Menschen in ihnen leben; ein Kapitel Kunstgeschichte von europäischem Rang; Kunstwerke, die uns in ihrer Zartheit und Raffinesse auch nach einem halben Jahrtausend noch unmittelbar anzusprechen vermögen: Das alles bietet die hervorragend gemachte Zeynsler-Schau des Biberacher Museums. Man sollte die Ausstellung, die in dieser Zusammenstellung und Qualität sicher nicht so schnell wieder zustande kommen wird, daher auf keinen Fall verpassen.
Bericht und Bilder: Herbert Eichhorn

Weitere Bilder in der Galerie

Zu der Ausstellung ist ein informativer Katalog erschienen. Das Museum bietet zu der Ausstellung ein umfangreiches Begleitprogramm an Führungen, Vorträgen und Vorführungen in der Schauwerkstatt an.

Ausstellung „Der unbekannte Meister“ – 16. Mai bis 18. Oktober 2026

Museum Biberach, Museumstraße 6

Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr

Weitere Informationen unter www.museum-biberach.de

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