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Tourismusgipfel auf der Waldburg

„Die Leute kommen zu uns, weil sie hier Frieden finden“

Foto: Erwin Linder
Tourismus-Gipfel auf der Waldburg. Unser Bild zeigt von links  Prof. Wolfgang Fuchs (DHBW Ravensburg), Belinda Unger (Geschäftsführerin Tourismusverband Württembergisches Allgäu), Thomas Dörflinger MdL (Staatssekretär im Wirtschaftsministerium), Max Haller (Deutscher Hotel- und Gaststättenverband / DEHOGA Ravensburg und Betreiber der Waldburg), Elke Spielvogel (Geschäftsführerin der Oberschwaben Tourismus GmbH / OTG) und Moderator Robin Halle (Mitglied der Chefredaktion der „Schwäbische Zeitung“).
veröffentlicht am: 19.10.2026
Autor: Erwin Linder
Lesedauer: ca. 8 Minuten

Waldburg – Auf der Waldburg wurde vor kurzem ein Fachgespräch zu Fragen des Tourismus in Oberschwaben und im Württembergischen Allgäu abgehalten. Bildschirmzeitugsreporter Erein Linder war dabei. Hier sein Bericht:

Es war ein echtes Gipfelgespräch – und zwar schon wegen des Veranstaltungsortes. Die Waldburg thront hoch über Oberschwaben, und wer den Weg hinauf zu Fuß nimmt, muss sich den Rittersaal mit einem durchaus anstrengenden Aufstieg erarbeiten. Nur einer der Teilnehmer durfte es bequemer haben: Staatssekretär Thomas Dörflinger wurde mit dem Auto hinaufgebracht.

Im historischen Rittersaal ging es bei den „Waldburger Gesprächen“ am 17. September um eine Frage, die für die gesamte Region von großer Bedeutung ist: Kann und soll der Tourismus noch stärker zum Wirtschaftsmotor des Württembergischen Allgäus und Oberschwabens werden? Die Veranstalter hatten dazu Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Tourismus und Gastronomie eingeladen.

Die Moderation der Gesprächsrunde hatte Robin Halle, Mitglied der Chefredaktion der „Schwäbischen Zeitung“, inne. Gewohnt eloquent führte er durch die Gesprächrunde. Gut vorbereitet für jeden Gesprächsteilnehmer sorgte er mit seinen Fragen, dass der Gesprächsfluss nicht ins Stocken kam.

Gastgeber Max Haller (Bild) begrüßte unter anderem Staatssekretär Thomas Dörflinger und die weiteren Gäste des Abends. In seiner Eröffnung schlug Haller einen weiten historischen Bogen durch die Geschichte des Reisens und des Tourismus. Er führte zurück bis zur ägyptischen Königin Hatschepsut, deren Expedition nach Punt zu den früh überlieferten großen Reisen der Geschichte zählt, und kam schließlich zu Thomas Cook, den er als einen der ersten großen Organisatoren des modernen Tourismus bezeichnete. Cook hatte bereits 1841 in England eine organisierte Zugfahrt von Leicester nach Loughborough veranstaltet.

Anschließend war Thomas Dörflinger (Bild) an der Reihe. Der Staatssekretär, im Landeswirtschaftsministerium unter anderem zuständig für Tourismus, griff zunächst augenzwinkernd die Tatsache auf, dass es inzwischen für beinahe alles einen eigenen Tag gebe. Der Tag der Waldburger Gespräche (17.9.) sei – passend zum Thema Genuss – der „Tag der Apfeltasche“ gewesen. Von der Apfeltasche als Genuss schlug Dörflinger dann den Bogen zur Genussregion Oberschwaben-Allgäu: Auch das, was die Region ihren Gästen zu bieten habe, sei vor allem eines – Genuss.

Eine Milliarde Euro Umsatz

Danach wurde es sehr schnell konkret. Der Tourismus ist längst nicht mehr nur eine angenehme Begleiterscheinung, sondern ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Für das Württembergische Allgäu wurde ein Umsatz von rund einer Milliarde Euro genannt. In Baden-Württemberg insgesamt werden im Tourismus rund zehn Milliarden Euro umgesetzt.

Die Einladung zu den Waldburger Gesprächen nannte für die Region 5,518 Millionen Übernachtungen, 13,3 Millionen Tagestouristen und 3,3 Millionen Familienübernachtungen. Daraus ergibt sich eine touristische Wertschöpfung von 1,0838 Milliarden Euro. Umgerechnet auf Vollzeitarbeitsplätze sind das Jobs für rund 17.230 Menschen Bereich.

Die Bedeutung des Tourismus reicht damit weit über Hotels und Ferienwohnungen hinaus. Auch Gastronomie, Einzelhandel, Freizeitangebote und zahlreiche Dienstleister profitieren von den Gästen. Gleichzeitig trägt der Tourismus dazu bei, Kaufkraft in der Region zu halten und Infrastruktur zu sichern.

Die Gastgeber stehen unter enormem Kostendruck

Gerade die Gastgeberbetriebe stehen allerdings vor erheblichen Herausforderungen. Max Haller verwies auf explodierende Kosten: Rund 40 Prozent mehr bei den Energiekosten und etwa 30 Prozent höhere Einkaufskosten seien zu verkraften. Hinzu kämen steigende Mindestlöhne.

Für die Betriebe entsteht daraus ein schwieriger Spagat. Werden die gestiegenen Kosten vollständig an die Gäste weitergegeben, besteht die Gefahr, dass diese ausbleiben. Werden die Preise nicht angepasst, geraten die Unternehmen selbst wirtschaftlich unter Druck.

Haller machte deshalb deutlich, dass es aus seiner Sicht Entlastungen durch den Staat brauche. Denn ohne Gastronomie könne es auch keinen attraktiven Tourismus geben. Gastronomen sorgten nicht nur für Essen und Trinken, sondern auch für Lebensqualität – und genau diese mache eine Region für Gäste attraktiv.

„Nicht schnell abhaken, sondern genießen“

Auch Staatssekretär Thomas Dörflinger betonte die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus. Baden-Württemberg habe schließlich einiges zu bieten: Burgen und Schlösser, die Barockstraße, Moore und eine abwechslungsreiche Landschaft.

Die Region solle dabei nicht zu einem touristischen Angebot werden, das Besucher einfach möglichst schnell „abhaken“. Es gehe vielmehr darum, zu genießen und zu erleben.

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Als Herausforderungen nannte Dörflinger unter anderem den Klimawandel, den Fachkräftemangel und den wirtschaftlichen Druck, unter dem insbesondere die Gastronomie steht. Guter Tourismus brauche deshalb zweierlei: Infrastruktur und Unternehmer. Die Landesregierung habe deshalb 13 Infrastrukturprojekte angestoßen, die nachhaltige Investitionen ermöglichen sollen.

Bürokratie soll auf den Prüfstand

Interessant war auch Dörflingers Ausführungen zum Bürokratieabbau. Der Ansatz der Landesregierung sei bewusst ungewöhnlich: Man wolle zunächst möglichst alles auf null stellen und anschließend nur noch das übernehmen, was tatsächlich zwingend benötigt werde.

Das bedeute auch, dass Verbände und andere Beteiligte nun prüfen müssten, welche Daten und Regelungen wirklich notwendig seien. Erste Rückmeldungen hätten bereits gezeigt, dass manches aus Sicht der Beteiligten unverzichtbar erscheine. Der Grundgedanke aber bleibe: Nicht einzelne Vorschriften mühsam abschaffen, sondern zunächst grundsätzlich alles infrage stellen und nur das Notwendige wieder übernehmen.

Wissenschaft trifft Praxis

Prof. Wolfgang Fuchs von der Dualen Hochschule Ravensburg (DHBW) stellte das „Netzwerk Zukunft Tourismus“ vor. Entstanden sei dieses Netzwerk aus der Situation von Menschen, die nach ihrer Ausbildung in touristischen Berufen keine Anstellung fanden. Im Mittelpunkt steht der Transfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Dieser soll ausdrücklich in beide Richtungen funktionieren: Die Wissenschaft soll Erkenntnisse und Impulse in die touristische Praxis bringen, gleichzeitig sollen Erfahrungen und konkrete Fragestellungen aus der Wirtschaft in die Wissenschaft zurückfließen. Fuchs sprach sich außerdem für mehr Camping-Stellplätze aus.

Das Württembergische Allgäu will sein Profil schärfen

Belinda Unger, Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Württembergisches Allgäu, berichtete von einer Neuausrichtung des Verbandes. Bei der eigenen Arbeit stelle man sich immer wieder die Frage: „Ist es richtig, was wir tun?“ Der Tourismusverband wolle künftig stärker als Netzwerk arbeiten und verstehe sich dabei auch als Produktentwicklungsagentur für das Württembergische Allgäu. Ein weiteres Ziel sei ein stärkeres Innenmarketing, bei dem die Mitarbeiter in den touristischen Destinationen besser eingebunden werden. Auch die einzelnen Destinationen sollen stärker mit ihren eigenen Profilen hervortreten. Qualität sei dabei ein zentrales Thema. Als Beispiel wurde die Entwicklung der Radregion genannt. Im Bereich Wangen sei Allgäu-Oberschwaben die erste vom ADFC zertifizierte Radregion. Dahinter stünden sechs Jahre Arbeit. Gleichzeitig wurde deutlich: Qualität hat ihren Preis. Ohne entsprechende Fördermittel seien solche Entwicklungen kaum zu finanzieren.

„Wir sind noch weit vom Overload entfernt“

Diskutiert wurde auch die Frage des sogenannten Tourismus-Overloads, also ob eine Region irgendwann zu viele Besucher verkraften muss. Hier gingen die Meinungen auseinander. Nannte Prof. Fuchs manche Sommerwochenenden am Bodensee problematisch, sah Belinda Unger Allgäu-Oberschwaben noch weit von einem solchen Problem entfernt. Von einem wirklichen Overload könne man aus ihrer Sicht erst sprechen, wenn die vorhandenen Menschenmengen nicht mehr bewältigt werden könnten.

Einig waren sich die Beteiligten dagegen darin, dass die Region auf hohe Qualitätsstandards setzen müsse. Als Vergleich wurde die touristische Marke Allgäu genannt, die mit ihrem markanten blauen Würfel eine hohe Wiedererkennbarkeit besitzt. Allgäu-Oberschwaben müsse sein eigenes Profil weiter schärfen.

Ein treffendes Wort

Einen der vielleicht treffendsten Sätze des Abends steuerte allerdings jemand bei, der gar nicht auf dem Podium saß. Bei den Fragen aus dem Publikum meldete sich Andreas Wagegg von Center Parcs in Leutkirch zu Wort. Er brachte aus seiner praktischen Erfahrung heraus den besonderen Wert der Region, den seine Gäste schätzen, auf einen einfachen Nenner: „Die Leute kommen zu uns, weil sie hier Frieden finden.“

Ein Satz, der vieles zusammenfasst, worüber an diesem Abend gesprochen wurde. Denn neben Wirtschaftskraft, Infrastruktur, Qualität und touristischen Angeboten geht es letztlich um das, was eine Region für Besucher attraktiv macht: Ruhe, Landschaft, Genuss und die Möglichkeit, dem Alltag für einige Zeit zu entkommen.

Die Waldburg, ein touristisches Leuchtturm

Dass die Diskussion ausgerechnet auf der Waldburg stattfand, passte dabei hervorragend zum Thema. Dörflinger bezeichnete die Burg als monumentales Leuchtturmprojekt. Rund 40.000 Menschen besuchten jährlich die Waldburg.

Die historische Burg selbst ist dabei längst mehr als ein Denkmal. Sie verbindet Geschichte, Aussicht, Erlebnis und touristisches Angebot – und zeigt damit beispielhaft, wie aus einem historischen Ort ein moderner Anziehungspunkt für Besucher werden kann.

So endete der Tourismusgipfel auf der Waldburg mit vielen Zahlen und ebenso vielen offenen Fragen. Klar wurde aber vor allem eines: Oberschwaben und das Württembergische Allgäu müssen sich touristisch nicht verstecken. Entscheidend wird sein, wie es gelingt, die vorhandenen Stärken weiterzuentwickeln, Qualität zu sichern und gleichzeitig die Betriebe zu entlasten, die den Tourismus vor Ort überhaupt erst möglich machen.

Interessierte Zuhörer im Rittersaal der Waldburg.

Nach der Diskussion klang der Abend bei Fingerfood und Getränken und zahlreichen Gesprächen im historischen Ambiente der Waldburg aus.
Text und Fotos: Erwin Linder

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Erwin Linder
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19.10.2026
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