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Open Air Poetry Slam am Neuen Schloss Tettnang

Am Anfang war das Wort

Foto: © Fred Nemitz
veröffentlicht am: 26.07.2026
Autor: Fred Nemitz
Lesedauer: ca. 4 Minuten

Tettnang – „Am Anfang war das Wort“ – dem würde die Wissenschaftscommunity ganz klar widersprechen. Denn vor dem Wort gab es das Lachen, die Körpersprache. Doch an diesem Abend geht es primär nicht um Körpersprache. Gelacht darf trotzdem werden. Die Rede ist vom Open Air Poetry Slam in Tettnang, der am 21. Juli über die Bühne ging.

„Einmal im Jahr treffen wir uns hier im Neuen Schloss Tettnang, um der Literatur zu frönen“, mit diesen Worten eröffnet Moderator Marvin Suckut die Veranstaltung und begrüßt das bunt gemischte Publikum an jenem sommerlichen Dienstagabend. Im Interview vor Beginn der Veranstaltung verrät der gebürtige Stuttgarter, der selbst seit 17 Jahren Poetry Slam macht, dass seine Motivation darin besteht, dem Publikum, den auftretenden Künstlern und sich selbst einen guten Abend zu schenken – und schlägt die Brücke zum Programm: „Es wird ein bunter Mix, mal lustig, mal ruhig, mal lyrisch, mal prosaisch. Ich kann jedem empfehlen, dabei zu sein. Es ist unfassbar, was so ein Event bieten kann.“

Sechs Leute mit selbst erdachten und verfassten Texten

Als erstes prüft Marvin mit dem Publikum das „Applaus-o-Meter“. Auf einer Skala von 1 bis 10. Erst sehr verhalten die Eins, dann etwas kräftiger die Fünf, fast frenetisch die Sieben bis Acht. Zu Guter Letzt mit voller Euphorie die Zehn. Als Warm-up zitiert der Moderator ein Gedicht von Ernst Jandl. Der Titel: Ottos Mops. In seiner eigenen Interpretation kommt auch „das Wackeln von Dackeln“ dazu. Das Publikum klatscht.

Als erster Poetry Slammer des Abends betritt Alex (Bild) aus Ravensburg die Bühne. Sein Thema: Projekt-Tage in der Schule. Alex „slammt“ darüber, dass betrunkene Kinder und Leggings immer die Wahrheit sagen. Dass sich Hyäne zu Hygiene ähnlich verhält, aber nicht gleich ist. Dass Jannes im Biotop verschwunden ist und Karsten Bio auch topp findet. Applaus.

Über Männer, die Kreidezeit und den Märchenwald-Kindergarten

Danach bittet Sibylle (Bild) aus der Nähe von Karlsruhe zum lyrischen Tanz und erzählt: über Männer. Wie sie im Wohnzimmer mit dem Staubsauger Spinnen erlegen und im Garten mit dem Flammenwerfer den Löwenzahn vernichten. Sie erzählt davon, dass Männer das Stricken anfangen und Frauen selber die Reifen wechseln. Und darüber, das ihr eigener Mann den Härtegrad der Handtücher mit der Körnung seines Schleifpapiers vergleicht. Auch hier gibt es Applaus.

Im Folgenden berichten Martin aus Markdorf über SLÄMMER HÄMMER, Lena aus Stuttgart über ihre OMA MIT PARKINSON (und das ihre Oma ihr verboten hat, darüber auf der Bühne zu sprechen, Smiley) und Maximilian aus Bad Waldsee über KREIDEZEIT und das Eskalationsniveau bei Lehrern.

Daniel (Bild) aus Heidelberg, der beim Spazierengehen in Tettnang sogar eine sogenannte „Kusshaltestelle“ entdeckt hat, eröffnet seinen Poetry Slam mit einem Gedicht im Stil der Gebrüder Grimm: Der Wolf aß Häppchen und trank Rotkäppchen. Märchenhaft geht es weiter mit verschiedenen Eltern-Typen, deren Angstzustände und Paranoia, über Schlafentzug („Letzte Nacht wurde ich 14 Mal geweckt“) und den „Gymnasi-Ast“, der Blätterteig backen und Zweigstellen leiten kann. Das Applaus-o-Meter erreicht seinen bisherigen Spitzenwert.

Leicht, lässig, locker: Gute Stimmung vot dem Tettnanger Schloss 

Zwischendurch stellt Marvin, der wie er sagt auch schonmal die baden-württembergischen Kinder- und Jugendliteraturtage moderiert hat, Fragen an das Publikum. Fragen wie diese: „Wie heißt der Bruder von Bibi Blocksberg? Die Antwort: Boris. „Welches ist das meistverkaufte Kinderbuch?“ Die Antwort: Der kleine Prinz. Für jede richtige Antwort gibt es ein kleines Päckchen Gummibärchen.

Zur Halbzeit stimmt das Publikum ab, welche drei Poetry Slammer eine Runde weiter kommen. Nach der Pause geht das Battle vergnügt weiter, bis am Ende ein Künstler als Gewinner der Ohren hervorgeht. Gewinner der Herzen sind sie alle. Mut, auf die Bühne zu gehen, wird belohnt.

Am 21. Juli hatte in Tettnang Wortwitz Hochkonjunktur.

Abendrot leuchtet hinter’m Neuen Schloss zu Tettnang. Poetry-Slammer zeigten im Innenhof, was sie draufhaben.

Die sechs Slammer vor den Neuen Schloss in Tettnang. Rechts Moderator Marvin Suckut.

Am 6. August

Wer diesen Sommer weitere Schlossinnenhof-Open-Air-Veranstaltungen erleben möchte, ist herzlich eingeladen, vorbeizukommen: Am 6. August wird es mit dem „Sunset Konzert“ musikalisch.
Text und Bilder: © Fred Nemitz, Juli 2026

Schon gewusst …?

Laut eines Berichts des WDR erfand der US-amerikanische Dichter und Bauarbeiter Marc Kelly Smith den Poetry Slam im Juli 1986 in Chicago, um langweilige Lesungen durch einen lebendigen Dichterwettstreit mit direktem Publikumsfeedback zu ersetzen. Als Pionier und Begründer des Formats in Deutschland gilt Wolf Hogekamp, der den Trend Ende der 1990er-Jahre nach Berlin brachte.

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Fred Nemitz
veröffentlicht am
26.07.2026
Lesedauer: ca. 4 Minuten
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