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    Wolfgang Henning übergibt wichtige Werke seines Vaters an das Deutsche Historische Museum in Berlin

    Erwin Hennings Bilder aus dem Krieg

    Foto: Archiv Henning – Karlsruhe.
    Ärztliche Hilfe, o.J.
    veröffentlicht am: 20.04.2026
    Autor: Herbert Eichhorn
    Lesedauer: ca. 8 Minuten

    Karlsruhe / Leutkirch / Berlin – Wenn der Name des Leutkircher Malers Erwin Henning fällt, kommen einem vor allem Bilder in den Sinn, in denen der Künstler einen von feinsinnigem Humor geprägten Blick auf Natur und Mitmenschen wirft. Ganz anders sind die Arbeiten, die Henning als sogenannter Kriegsmaler schuf und die sein Sohn nun dem Deutschen Historischen Museum in Berlin übergibt.

    Münchner Zeit

    Erwin Henning, 1901 in Augsburg geboren, studiert an der Münchner Kunstakademie, wo er der letzte Meisterschüler des symbolistischen Malerfürsten Franz von Stuck ist. Nach dem Studium kann er sich in München als freischaffender Künstler einigermaßen durchschlagen, vor allem als Porträtmaler. Er stellt auch immer wieder aus. Er ist Mitbegründer der Künstlergruppe „Die Juryfreien“. Stilistisch orientiert sich Henning am Stil der Neuen Sachlichkeit. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten – München ist nun „Hauptstadt der Bewegung“ – verändert sich das gesellschaftliche Klima der Stadt und es wird schwieriger für den Künstler. Da kommt 1936 der Auftrag für seinen Freund Albert Burkhart gerade recht, der die Martinskirche in Leutkirch mit Wandmalereien ausstatten soll. Henning hilft seinem Freund und lernt in Leutkirch Irma Hurt, die Tochter des „Mohren“-Wirts kennen. 1939 werden sie heiraten.

    Selbstporträt als Soldat, 19.6.1942, Foto: Archiv Henning – Karlsruhe.

    Die Propagandakompanien der Wehrmacht

    Einem Ruf als Lehrer an die Staatsschule für Angewandte Kunst in Nürnberg kann Erwin Henning 1939 nicht folgen, da er nicht Mitglied der NSDAP ist. 1941 wird er dann als Soldat eingezogen. „Ich war immer nur der Umhüllung, der Kleidung nach Soldat“, wird er sich später erinnern. Insofern freut er sich, dass es ihm 1942 gelingt, als Künstler nach der Grundausbildung bei einer der Propagandakompanien (PK) der Wehrmacht unterzukommen. Die PKs versorgen die Medien vor allem in Deutschland mit Text- und Bildmaterial zum Verlauf der verschiedenen Feldzüge. Hunderte von Journalisten, Fotografen, Kameramännern und eben auch bildenden Künstlern arbeiten für diese Abteilungen der Wehrmacht. Viele, die später die Medien der Bundesrepublik prägen sollten, erlernen hier übrigens ihr Handwerk, so etwa der Maler und Autor Lothar-Günther Buchheim oder der spätere Herausgeber der Illustrierten „Stern“ Henri Nannen. Erwin Henning kommt zunächst nach Potsdam, um für seinen Einsatz für die PK geschult zu werden.

    Junger gefangener Russe, o.J., Foto: Archiv Henning – Karlsruhe.

    Russische Kriegsgefangene als Modelle

    Aus dieser Zeit stammen die ersten Arbeiten aus dem nun nach Berlin abgegebenen Konvolut an Zeichnungen und Aquarellen. Zum einen handelt es sich um Potsdamer Ansichten und Motive aus dem Berliner Umland. Zum anderen entstehen Porträtstudien von russischen Kriegsgefangenen, die aus einem Lager in der Nähe geholt werden. Sie müssen den Künstlern zu Übungszwecken Modell stehen. Diese Zeichnungen sind nicht zur Veröffentlichung gedacht, so dass Henning auch einige an seine Frau schicken kann. Seine Arbeiten zeigen, dass er offensichtlich berührt ist von der Melancholie und Verlorenheit der zum Teil ganz jungen Soldaten.

    Karelien – Lohivara, Dezember 1943, Foto: Archiv Henning – Karlsruhe.

    In Finnland

    Im Oktober 1943 wird Erwin Henning nach Osten versetzt. In Finnland begleitet er die Truppen auf ihrem Lappland-Feldzug. Hier entstehen unter anderem wildromantische Winterlandschaften. Diese entsprechen durchaus den Vorgaben der PK. Solche Bilder sollten in der Heimat ablenken vom eigentlichen Kriegsgeschehen. Unter diesen Blättern findet sich auch eine reizvolle Ansicht von Rovaniemi, der Hauptstadt Lapplands, aus dem Jahr 1943. Ein Jahr später werden die deutschen Truppen auf ihrem Rückzug die ausschließlich aus Holzbauten bestehende Stadt dann in Schutt und Asche legen. Finnland wird im September 1944 von den Sowjets gezwungen, die Seite zu wechseln und die deutschen Truppen aus dem Land zu drängen.

    Rovaniemi, Oktober 1943, Foto: Archiv Henning – Karlsruhe.

    Aber natürlich haben die Künstler für die Propaganda auch andere Motive zu liefern als Stadtansichten und stimmungsvolle winterliche Szenen. Als Illustrationen für Berichte in Zeitungen und Zeitschriften entstehen auch Darstellungen von Kampfhandlungen. In Hennings Zeichnung „Gefechtsstellung“ zum Beispiel kämpfen Deutsche und Russen in einer Stadt. Im Hintergrund sind brennende Gebäude und Ruinen zu erkennen.

    Gefechtsstellung, o.J., Foto: Archiv Henning – Karlsruhe.

    Drama in Ostpreußen

    Nach dem Rückzug der Deutschen aus Finnland wird Erwin Hennings Propagandakompanie 1944 aufgelöst. In seiner neuen Kompanie gelingt es ihm, sich zum Sanitäter umschulen zu lassen. In dieser letzten Phase des Krieges erlebt er nun die Schrecken des Krieges in ihrer ganzen Unerbittlichkeit, sowohl für Soldaten wie für Zivilisten. Das Feldlazarett 181, in dem er arbeitet, weicht vor den vordringenden Russen immer weiter nach Westen zurück. Die Versorgung der Verwundeten ist schwierig. Viele sterben. In Ostpreußen wird Henning nun auch Zeuge der Massenflucht der deutschen Bevölkerung, die die Behörden bisher verhindert hat. Nun fliehen Massen von Zivilisten, vor allem Frauen und Kinder – die Männer sind im Krieg – , nach Westen. Das Drama dieser chaotischen Flucht mitten im Winter ist oft beschrieben worden, etwa in den Erinnerungen von Marion Gräfin Dönhoff oder zuletzt in Jochen Buchsteiners „Wir Ostpreußen“: die Trecks in einem in diesem Jahr besonders harten Winter, der Zug über das zugefrorene Haff, die am Wegesrand zurückgelassenen Toten und auch die Konkurrenz mit der in Richtung Westen fliehenden Wehrmacht, die auf den verstopften Wegen unmissverständlich für sich den Vorrang beansprucht.

    „Vision“, um 1947, hier 2023 in einer Ausstellung von Wolfgang Henning in Langenargen zwischen zwei von dessen Arbeiten, Foto: Herbert Eichhorn

    Das Trauma wirkt nach

    Erwin Henning übersteht das alles körperlich einigermaßen unbeschadet. Über Kopenhagen gelangt er zurück in die Heimat. Am 8. August 1945 ist er wieder bei seiner Familie in Leutkirch. Für seine Kinder hält er das Erlebte in seinen „Erinnerungen aus meinem Soldatenleben“ fest. Er beginnt wieder als freier Künstler zu arbeiten. Nicht nur die Farbstimmung seiner ersten Arbeiten ist, wenig verwunderlich, zunächst eher düster. Der Schrecken wirkt nach. In seinem Gemälde „Vision“ bewegt sich zum Beispiel eine kleine Familie durch die trostlose Trümmerlandschaft einer zerstörten Stadt. Vieles von dem, was der Vater im unmittelbaren Nachklang des Krieges schuf, habe dieser, wie Wolfgang Henning berichtet, später verbrannt. Offensichtlich will er einen Schlussstrich ziehen. Nach und nach kehren in seinem Werk tatsächlich auch ein sommerliches Licht und eine liebevoll-ironische Sicht auf das Alltagsleben der Menschen zurück. Aber die Schatten der Erinnerung lassen sich doch nicht ganz verdrängen. In den 1960er-Jahren beschäftigt er sich von Neuem mit dem Erlebten. Vor allem die Flucht der Ostpreußen wird jetzt – in einer nun wieder stärker realistischen Bildsprache – in Gemälden und druckgrafischen Arbeiten noch einmal thematisiert. Besonders eindrucksvoll ist sein um 1965 entstandenes großformatiges Gemälde „Auf der Flucht“. Es zeigt einen Ausschnitt aus dem Strom der dichtgedrängten, erschöpften Fliehenden, mittendrin ein schwarzes Pferd. Auch die Rolle der Pferde, die die Flüchtlinge von den ostpreußischen Gütern mitnahmen, ist oft beschrieben worden.

    Auf der Flucht, um 1965, Foto: Archiv Henning – Karlsruhe.

    Eine Ausstellung in Meersburg

    Lange sind diese Arbeiten Erwin Hennings unbeachtet geblieben. Im Jahr 2015 werden sie dann von der Galerie des Bodenseekreises in Meersburg im Rahmen der Ausstellung „Erwin Henning. Krieg, Trauma und Verwandlung“ erstmals präsentiert. In einem begleitenden Katalogbuch wird dieser Aspekt im Werk des Malers nun gründlich aufgearbeitet und historisch eingeordnet. In diesem – leider inzwischen vergriffenen – Katalog zieht Heike Frommer das Resümee: „Dem Künstler Henning ist es möglich, was vielen versagt bleibt: Er ist in der Lage, einem Trauma mit Wort und Bild zu begegnen.“

    Die Schenkung

    Jetzt gehen die über 100 Objekte aus Erwin Hennings Zeit als Kriegsmaler also nach Berlin: vor allem Aquarelle, Zeichnungen und dokumentierendes Fotomaterial, aber auch der umfangreiche Briefwechsel mit seiner Frau per Feldpost. Dort befinden sich, nebenbei bemerkt, bereits über 20 Arbeiten des Künstlers aus seiner Zeit bei der Propagandakompanie. Sie wurden nach dem Krieg in die USA gebracht und von dort später an Deutschland zurückgegeben. Alle diese Blätter legen Zeugnis ab von einem empfindsamen Künstler, der hoffte, sich durch den Dienst bei der Propagandakompanie wenigstens von den schlimmsten Seiten des Krieges fernhalten zu können. Was er aber in den Kriegswintern 1943/44 und 1944/45 dort im Osten sah und erlebte, hat ihn trotzdem traumatisiert und tiefe Spuren in Leben und Werk hinterlassen.

    Erwin Henning vor seinem Gemälde „Auf der Flucht“, Foto: Hedy Baumgärtner, Archiv Henning – Karlsruhe.

    Die ehemaligen ostpreußischen Gebiete liegen heute in Russland, Polen und Litauen. Die Tatsache, dass es mittlerweile denkbar geworden ist, dass dort oder auch in Finnland in einigen Jahren vielleicht wieder bewaffnete Auseinandersetzungen stattfinden könnten, macht mehr als nachdenklich. Dabei belegen auch Erwin Hennings Arbeiten als Kriegsmaler, dass ein Krieg auf allen Seiten nur Verlierer zeitigt.
    Herbert Eichhorn

    In unserer Galerie finden sich weitere Bilder von Zeichnungen und Aquarellen aus der Schenkung an das Deutsche Historische Museum (Fotos: Archiv Henning – Karlsruhe).

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    veröffentlicht am
    20.04.2026
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