Mit Digitalisierung und Praxis-Management gegen den Mangel


Kontakt
Redaktion
Anzeigen
Kißlegg – Immer mehr Kommunen im Landkreis treibt die zunehmend schwierige hausärztliche Versorgung um. Deutlich entspannter sieht Kißleggs Bürgermeister die Lage: Besonders eine der drei Praxen nimmt sogar zunehmend Patienten aus dem Umland auf.
„Wir haben dafür einiges getan, auch finanziell“, hatte Dieter Krattenmacher zuletzt beim Bürgerabend Ende März verlauten lassen. So unterstützte die Gemeinde im Jahr 2023 die Modernisierung bestehender Praxisräume, die altershalber bald aufgegeben hätten werden müssen. Die übernahm der bereits in Wolfegg niedergelassene Dr. Boris del Bagno und gründete zusätzlich „Die Praxis Kißlegg“. Zu den drei alteingesessenen Ärzten kamen inzwischen sechs jüngere. Die meisten praktizieren in Teilzeit.
Innovative Konzepte gefragt
Warum funktioniert es mit der hausärztlichen Versorgung in Kißlegg wie Wolfegg, während die Not sogar in Städten wie Bad Wurzach und Bad Waldsee wächst? „Ein bisschen Glück gehörte neben unseren Bemühungen auch dazu“, räumt Dieter Krattenmacher ein. Dr. Boris del Bagno hatte nämlich nach Studium und Ausbildung ganz bewusst eine Niederlassung als Landarzt im Raum Allgäu-Oberschwaben angestrebt. Allerdings war er sich bewusst, „dass der traditionelle Ein-Mann-Betrieb immer weniger gefragt ist und sich so auch kaum jüngere Kolleginnen begeistern lassen“. So setzte er in Wolfegg von Beginn auf „Neue Wege“: Verstärkung durch angestellte Ärztinnen sowie konsequente Digitalisierung – „von der Terminvergabe über die Ausstellung von Rezepten oder Überweisungen bis zu den internen Abläufen“. Um diese effektiver zu steuern, engagierte er in Kißlegg sogar eine eigene Praxismanagerin, im Fachjargon „Primary Care Managerin“ (PCM).
Mehr Zeit für schwierige Fälle
Desirée Reitmeier sei für ihn „ein echter Glücksfall“, resümiert Dr. Boris del Bagno nach gut einem Jahr. Mit ihrem Bachelor-Studium und davor der langjährigen Erfahrung als Medizinische Fachangestellte übernimmt sie die tägliche dreistündige Akutsprechstunde. „Für Atemwegs- und Harnwegsinfekte oder Rückenschmerzen braucht es nicht immer einen Arzt.“ Auch Fieber- oder Blutdruckmessen, Lungen-Abhören und Wunden-Verbinden könne sie als PCM ohne weiteres leisten. Für Nachfragen stehe im Zweifel jederzeit das Ärzteteam zur Verfügung, das auch die Verantwortung für die Behandlung und bei Verordnungen trage. „Wir Ärzte haben so deutlich mehr Zeit für die wirklich schwierigen Behandlungsfälle.“
Und wie sieht die Desiree Reitmeier selbst ihren Job? Gefühlt habe sie in dem Jahr in der Praxis schon mehr gelernt als in den zweieinhalb Jahren berufsbegleitendem Online-Studium. Wozu gerade der permanente Austausch mit dem Ärzteteam beigetragen habe. Sie lobt das digitale Praxis-Informations-System, das für schnellere und transparentere Abläufe und so für mehr Sicherheit sorge. Als eine der ersten Absolventinnen des vom Hausärzteverband angestoßenen Studiengangs engagiert sie sich weiter und moderiert Qualitätszirkel in ihrem Berufsverband.
Aktuelle Gesundheitsreform als Bremser?
Dr. Boris del Bagno wünscht sich inzwischen auch für die Praxis Wolfegg eine PCM und unterstützt eine Mitarbeiterin auf diesem Weg. Durch die Kombination aus „straffer Organisation, konsequenter Digitalisierung und Delegation unkomplizierter Behandlungsfälle an nichtärztliche Mitarbeitende“ sähe er sich „generell in der Lage, weitere Patienten aufzunehmen“. Wobei an dieser Stelle die geplante Gesundheitsreform ins Spiel kommt: „Nach aktuellem Stand würden wir als größere Gemeinschaftspraxis wirtschaftlich dafür geradezu bestraft.“

Spürbare Entlastung durch Digitalisierung am Empfang.

Das Stethoskop kommt auch bei der Praxis-Managerin zum Einsatz.

Ultraschall-Untersuchungen bleiben bislang Ärzten vorbehalten.

„Neue Wege“ auch bei der Mobilität: Für Hausbesuche wird auch das Lastenrad benutzt.
Text und Fotos: Ulli Stark


































